· 

Wer bin ich - ein Interview über Sexualität und Selbstfindung

Liebe Leserin, lieber Leser,
heute liest du an dieser Stelle ein Gastbeitrag-Interview von Maja Hofmann. Es geht unter anderem um das Coming-Out, sexuelle Identität und viele weitere Themen. Wir wünschen eine angenehme Lektüre. Achtung: Für den Inhalt ist die Redaktion nicht verantwortlich.

____

 

Maja: Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du schwul bist?

Interview Partner: Als ich Interesse an einem Jungen hatte, war ich mir den Gefühlen nicht wirklich bewusst. Mit der Zeit habe ich immer mehr Bewusstsein für die ganzen Emotionen bekommen und dann ca. vor 3 Jahren - oder so - war ich mir sicher, dass ich schwul bin. Es war kein großes Spektakel, weil die Menschen um mich herum nie ein Problem mit Homosexualität hatten, weshalb ich meine volle Konzentration auf mein emotionales Wachstum legen konnte. Natürlich habe ich gerne mal gezweifelt, ob ich akzeptiert bin, aber am Ende ging alles supi aus.

 

M: Was hat das mit dir gemacht, als du gemerkt hast, dass du vielleicht an Jungs Interesse haben könntest?

IP: Als ich das bemerkt habe, habe ich angefangen mit einem zu flirten, der sich sicher war, dass er bi ist und einfach versucht Erfahrungen zu sammeln. Das hat mir geholfen, das besser zu verstehen. An sich hab ich auch angefangen mit Leuten aus der LGBTQ+ Community an meiner Schule Kontakt aufzunehmen und wir haben uns gegenseitig auf unserem Weg, den ich immer noch bestreite, unser wahres ich kennenzulernen unterstützt.

 

M:Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es viele gibt, die erstmal denken, dass mit ihnen etwas falsch ist und versuchen es zu überspielen. Was denkst du hindert sie daran, sich neu zu entdecken?

IP: Ich hatte natürlich auch Selbstzweifel, aber ich hatte schon immer eine Art Veranlagung und vor allem Erziehung immer wieder aufzustehen, egal was kommt. Ich hätte gesagt, dass viele überwältigt sind, vor allem wegen der fehlenden Unterstützung. Ich finde vor allem Eltern spielen eine große Rolle dabei, allein wegen der Erziehung. Meine Eltern waren immer sehr tolerant und offen. Geschlechterrollen wurden beispielsweise einfach vergessen. Ich weiß noch wie ich, als ich klein war, mit meiner Cousine immer mit Barbies gespielt habe.

M: Du hast zu Hause mit Barbies gespielt, hast du denn damit oder ähnlichem Spielzeug auch im Kindergarten oder bei Freund*innen gespielt?

IP: Also an den Kindergarten kann ich mich so gut wie gar nicht erinnern, aber bei meiner allerbesten Freundin damals haben wir oft mit Barbies oder auch Monster High Puppen gespielt.


M:
 Fanden denn die Eltern deiner Freundin es seltsam, dass du mit Barbies gespielt hat?

IP: Nein nein, die haben sich einfach immer gefreut, wenn wir Spaß hatten.


M: Hat dich eigentlich jemand schon mal vor deinem Coming Out auf deine Sexualität angesprochen?

IP: Also von der Familie kam ab und zu das übliche "Hast du denn schon eine Freundin", aber direkt hat mich niemand nach meiner Sexualität vor meinem Coming Out gefragt.

 

M: Wie war denn dein Coming Out und dein Weg dahin?

IP: Die Aufregung war da ganz groß. Ich habe mit einer sehr engen Freundin, welche auch Teil der LGBTQ+ Community ist, gesprochen während wir shoppen waren. Dann haben wir uns Regenbogensocken gekauft, weil gerade der Pride Month war und dann, als ich nach Hause kam, habe ich sie angezogen und meiner Mutter versucht sprachlos mit Socken zu signalisieren, dass ich schwul bin, weil ich es einfach nicht aussprechen wollte. Aber sie hat mich ermutigt, ihr es ins Gesicht zu sagen, was ich dann getan habe. Daraufhin sind wir ins Wohnzimmer gegangen, wo mein Vater gerade war und sie haben mir gesagt, weil ich echt total aufgewühlt war, dass egal was auch ist, sie für mich da sind und mich lieben. Sie unterstützen mich komplett. Am Tag darauf hab ich es meiner Schwester erzählt (sie ist damals schon ausgezogen) und sie hatte mir erzählt, dass sie es ja schon wusste seit ich klein sei. Als nächstes kamen meine Tante und mein Onkel dran, welche sowieso total offen und tolerant sind und sie haben es auch total akzeptiert. Meine Freunde wussten es schon vor meiner Familie, aber mehr als die Hälfte meiner Freunde ist sowieso selber nicht heterosexuell, also gab es da kein großes Spiel. Oh und ich wollte einfach aus dem closet, damit ich ehrlich mit mir und anderen sein kann. Ich wollte nicht diese komische Fassade herum tragen, weil sie mich einfach total zurück hielt.

Kennst du schon unsere Serie zur LGBT+ Community?
Kennst du schon unsere Serie zur LGBT+ Community?

M: Was hast du denn in den Momenten gefühlt als es immer mehr Menschen wussten?

IP: Es war teilweise überwältigend, eben weil, wie du meintest, man die Reaktion nicht kennt, aber da ich es nur Stück für Stück gemacht habe, ging es mir ganz gut damit. Inzwischen bin ich auch so selbstbewusst mit mir, dass ich auch offen gegen diese Gender-Normen agiere. Beispielsweise durch meine auffällig emotionale Art, hihi. Ich versuche auch immer für so viele Personen, wie möglich, die mit ihrer Identität kämpfen, da zu sein, da ich verstehe wie viel Glück und Liebe ich erfahren habe, die nur sehr wenige Menschen erleben.

 

M: Hast du denn auch irgendwelche Ängste, weil du eben so offen damit umgehst?

IP: Ohh ja. Ich muss auch sagen, dass ich bis jetzt noch auf keinem CSD o.ä. war, weil ich einfach diesem Hintergedanken nicht entkommen kann, dass mich ja vielleicht jemand verfolgen würde und dann - was weiß ich - versuchen sollte zu tun. Du hast ja sicher von diesen ganzen radikalen anti-pride Projekten gehört, die es auf der Welt gibt.

 

M: Es gibt ja z.B. auch viele Länder wo es LGBTQ+ freie Zonen gibt. Würdest du denn ein Land bereisen, was komplett gegen LGBTQ+ ist?

IP: Nein, auf keinen Fall. Ich würde diese Land mit meinen wirtschaftlichen Handlungen intern nur unterstützen, was ich vermeiden möchte. Außerdem fände ich es viel zu bedrückend, mich da komplett verändern zu müssen, nur um nicht schlecht behandelt zu werden.

 

M: Ich denke, dass viele der Community der gleichen Meinung sind wie du. Aber es gibt auch die andere Hälfte, die trotzdem dorthin reisen würde. Was hältst du davon?

IP: Also solange sie mich nicht dahin zerren, soll es mir ja egal sein. Ich würde anhand dieses Fakts alleine nicht über eine Person urteilen. Es kann ja auch aus Gründen anderer als Spaß am Reisen sein, wie beispielsweise wegen der Arbeit, wegen Familie, möglicherweise wegen einer besonderen meidizinischen Behandlung. Kurz gefasst finde ich es weder gut noch schlecht, wenn andere es tun.

M: Gab es für dich persönlich Momente, wo du oder jemand anderes aufgrund eurer Sexualitäten diskriminiert wurde?

IP: Also auf die Schnelle fällt mir kein Ereignis ein an dem jemand wegen seiner Sexualität diskriminiert wurde.

 

M: Hast du denn noch einen Rat für alle, die sich noch unsicher im Bezug auf ihre Sexualität fühlen oder denen der Mut fehlt, sich zu outen?

IP: Also wenn es um Unsicherheit bei der Sexualität geht, möchte ich sagen, dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn man sich selber nicht versteht. Das Leben ist ein Abenteuer mit ganz vielen Tücken. Solltest du bi sein, gay, pan, oder dann doch straight ist das ein riesen Schritt nach vorne, weil du dich ein Stückchen besser verstehst. Experimentiere, lerne, rede, reflektiere. Dein Leben heißt dein Erlebnis. Mach das Beste draus! Sollte dir der Mut fehlen dich zu outen, und ich meine wirklich nur Mut, dann rede mit Freund*innen/Familie oder einfach Menschen, denen du vertraust und lass dich ermutigen. Du kannst dein Coming Out auch zusammen mit anderen, also nicht alleine, haben! Solltest du dir aber beispielsweise sicher sein, dass in deiner Nähe keine Akzeptanz liegt oder du dich allgemein unwohl fühlst, dann nimm dir die Zeit und behalte es noch für dich. Das Coming Out ist zwar wunderschön, aber es geht um dein eigenes Wohl. Wenn du dich in deiner Umgebung nicht wohl fühlst, dann versuche zu entkommen und überlege, ob du dann dein Coming Out haben willst.s

 

- Ein Interview von Maja Hofmann

Lies gleich weiter

Vergönn'dir – Veganes Fast-Food in Fürth
Vergönn'dir – Veganes Fast-Food in Fürth
US-Wahl: Wer macht das Rennen?
US-Wahl: Wer macht das Rennen?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0