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Wenn die WG-Suche zur verzweifelten Casting-Show wird


Neue Stadt, neues Zuhause: Wer ein Studium oder eine Ausbildung beginnt, steht häufig vor dem wichtigen Meilenstein, das Elternhaus zum ersten Mal dauerhaft zu verlassen. Eine neue Bleibe verspricht Freiheit und Eigenständigkeit, schmerzt aber vor allem im Geldbeutel. Die Mietpreise steigen, die Plätze im Studierendenwohnheim sind knapp. Viele junge Menschen suchen daher händeringend nach einer Wohngemeinschaft. Bei meinem Umzug nach Greifswald habe ich jedoch gelernt, dass die Suche nach einem WG-Zimmer wie schlechtes Online-Dating ist.

Das alte Zimmer war schon gekündigt, die Prüfungsphase begann. Als ich anfing, auf einem Internetportal nach einer neuen Wohngemeinschaft zu suchen, war ich optimistisch, in den nächsten zwei Monaten ein neues Zuhause zu finden. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass ich das WG-Portal in ein paar Wochen vor lauter Verzweiflung alle zehn Minuten aktualisieren würde, um die neusten Anzeigen nicht zu verpassen. Ich verbrachte Stunden damit, Nachrichten zu verschicken und auf WG-Castings zu gehen – und sammelte Absagen am laufenden Band. Es kam mir vor, als wäre ich auf verzweifelter Partnersuche: Ich saß vor dem Laptop, dachte mir kreative Texte aus, die auf charmante Weise auf die Anzeige anspielten und hoffte darauf, dass es zu einem persönlichen Treffen kommen würde. Manchmal lud man mich zu einem Kaffee ein, manchmal erhielt ich nicht einmal eine Antwort. Ich wurde gedanklich nach rechts oder links geswiped, ohne dass mich die Menschen hinter der Anzeige ein einziges Mal gesehen haben. „Du kannst dich glücklich schätzen, überhaupt einen Besichtigungstermin zu bekommen“, sagte mir ein Freund, der auch auf der Suche war und bisher nicht einmal eine einzige Antwort erhalten hatte.

Doch selbst wenn ich mich zu den Glücklichen zählen konnte, die die WG mal von innen anschauen durften, habe ich mir jedes Mal die Frage gestellt: Kann man einen Menschen, mit dem man mehrere Monate oder Jahre zusammenwohnt, wirklich innerhalb einer Stunde kennenlernen? Bei meinen WG-Castings saß ich mit meinen potentiellen Mitbewohner*innen oft auf der Couch und habe mich etwa eine Stunde lang unterhalten. Das reicht, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, aber befasst sich oft nur mit Oberflächlichkeiten. Ich lernte die Hobbys und die Studienfächer der anderen kennen, dabei hätte ich viel lieber gewusst, welche Musik sie bewegt, welche verrückten Angewohnheiten sie haben und ob sie das Klopapier im Bad wechseln, wenn es leer wird oder nur so tun, als ob sie es nicht bemerken würden. Manche Eigenschaften seiner Mitbewohner*innen kann man nicht erfragen, sondern nur im Laufe der Zeit herausfinden. Schließlich würde niemand freiwillig von sich behaupten, unordentlich oder rücksichtslos zu sein – selbst wenn es stimmt. Auch wenn ich bei den WG-Castings ehrlich blieb, kam es mir trotzdem so vor, als müsste ich mich selbst vermarkten. Wenn ich nur eine Stunde Zeit habe, um mich vorzustellen, bleibt nur wenig Freiraum, auch offen über seine Makel zu sprechen. Und falls euch das alles noch nicht absurd genug vorkommt: Stellt euch vor, ihr müsstet nach dem ersten Date sofort entscheiden, ob ihr euer Bekanntschaft zum festen Freund oder zur festen Freundin nehmen wollt. Sicherlich würdet ihr euch mit der Person noch ein paar Mal treffen wollen, oder nicht?

Besonders geärgert habe ich mich jedoch, wenn ich nach einem WG-Casting keine Rückmeldung mehr bekommen habe. Eine junge Frau ließ mich nach einer Wohnungsbesichtigung wissen, dass sie erst alle Bewerber*innen kennenlernen möchte und mir deshalb Anfang der kommenden Woche Bescheid geben könnte, ob ich einziehen darf oder nicht. Nachdem ich nichts mehr von ihr hörte, erkundigte ich mich höflich bei ihr, ob sie das WG-Zimmer doch an jemand anderes vergeben hätte. Sie las die Nachricht, aber schrieb nie zurück. Die Anzeige aus dem Internet für das Zimmer war bereits gelöscht, die Suche nach der Mitbewohnerin also beendet. Es muss unangenehm sein, ein „Ich habe mich für jemand anderes entschieden“ zu schreiben. Aber wer sich nicht einmal überwinden kann, eine ein- oder zweizeilige Absage zu erteilen, sollte darüber nachdenken, ob er oder sie selbst die richtige Person ist, um mit anderen Menschen zusammen zu leben. Ein Medizinstudent erklärte mir auf einem WG-Casting, wie wichtig es sei, untereinander offen zu kommunizieren. Leicht gesagt, schwer getan: Ironischerweise hat auch er meine Nachrichten mit zwei blauen Häkchen stehen gelassen.

Und die Moral der Geschicht': Die passenden Mitbewohner*innen findest du im Internet oft nicht. Sicherlich kann es nicht schaden, sich auf WG-Portalen im Internet umzusehen. Wer allerdings darauf hofft, sich ein gemütliches Zuhause mit Menschen zu schaffen, die einem wirklich am Herzen liegen, sollte seine Ohren lieber während des Studiums offen halten. Oftmals werden freie WG-Zimmer gar nicht erst im Netz beworben, sondern einfach an Kommilitoninnen oder Freund*innen weitergegeben. Auch für mich hatte die WG-Suche noch ein Happy-Ending: Als ich die Hoffnung auf eine Wohngemeinschaft bereits aufgegeben hatte, rief mich eine Kommilitonin an und schlug vor, gemeinsam nach einer Wohnung zu suchen. Wer nette Leute an der Universität kennenlernt, kann also darüber nachdenken, einfach selbst eine WG zu gründen.

- Nellie Zienert, Redakteurin

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