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Nasser Ahmed im Porträt: „Ich bin nicht in die SPD eingetreten, um etwas zu werden“


Die Sonne verdunkelt sich über Nürnberg, schwarze Wolken ziehen auf. Es riecht nach Regen und die Wolken, so wirkt es, könnten jederzeit brechen. An der Kreuzung zwischen Kobergerstraße und Pilotystraße haben sich dennoch rund 20 Menschen auf einem großen Stück Gehsteig versammelt. Einige davon stehen, andere sitzen auf Stühlen, die in Richtung der Roten Galerie, einem Kulturtreff, blicken. Dort fand gerade eine Vernissage statt. Das Thema: Menstruation. Die Kopfsteinpflaster-Straßen um die Rote Galerie sind mit Autos zugeparkt, nur alle paar Minuten fährt auch mal eins vorbei. Bis auf die Veranstaltung ist die Gegend ruhig.

 

Einer der Gäste könnte der Lichtstrahl sein, den die SPD Nürnberg so dringend braucht. Der Lichtstrahl, der die dunkle Wolkendecke über den Sozialdemokrat*innen durchdringt. Dieser Gast läuft von einem Besucher*innen-Grüppchen zum nächsten, unterhält sich kurz und versucht sich langsam wieder von der Gruppe zu entfernen, um zu zeigen, dass er leider weiter muss. Es ist Nasser Ahmed, seit einigen Monaten Vorsitzender der Nürnberger SPD. Ahmed trägt Sneaker, eine Jeans, die an den Knien heller ist als am Rest der Beine und ein hellgrünes Polohemd, bei dem er den ersten Knopf offen gelassen hat. Darüber ein grau-meliertes Jackett. Seine Haare sind kurz und leicht gewellt und die Brille hat rundliche Gläser. Einen Bart trägt Ahmed nicht. Er ist nicht besonders groß und seine Statur ist nicht besonders auffällig – trainiert ja, aufgeblasen nein. Gerade einmal 32 Jahre ist er alt. Wer ihn nicht kennt, würde ihn wahrscheinlich auf Mitte 20 schätzen. Er ist jung, dynamisch und eine Person of Color. Eigenschaften, die man der SPD und deren Vorsitzenden selten zuschreibt. Dennoch oder gerade deswegen wird er innerhalb der Partei schon als nächster Oberbürgermeister oder zumindest als Kandidat für dieses Amt gehandelt. Er selbst sieht das anders. Er sei zufrieden mit seiner Position als Parteivorsitzender. Es sei die „schönste Berufung, der man in Nürnberg nachgehen kann“, so Ahmed. Gut, dass sich Parteivorsitz und Oberbürgermeisteramt nicht ausschließen.

Für die SPD geht es in Nürnberg um nicht weniger als die Rückeroberung einer Hochburg. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Nürnberg zehn Oberbürgermeister, die SPD stellte sieben davon. Die Stadt ist ohne Frage sozialdemokratisch geprägt. Bei der Kommunalwahl 2020 aber verloren die Sozialdemokrat*innen das Rennen um den Oberbürgermeister-Posten. Er ging an Marcus König (40) von der CSU, nach 18 Jahren Ulrich Maly (SPD), der bei der letzten Wahl nicht erneut antrat. Außerdem verlor die SPD die Mehrheit im Stadtrat. Um mehr als 18 Prozent, auf 25,7 Prozentpunkte, ging es nach unten. Neuer Platz eins: die CSU mit 31,3 Prozent. Ein herber Schlag für die Genoss*innen.

 

„Ich bin überzeugt, diese Partei voranbringen zu können. Gemeinsam schaffen wir es, sie zu gewohnter Stärke zurückzuführen“, sagte Ahmed in einem YouTube-Video, in dem er seine Kandidatur für den Parteivorsitz bekannt gab. Innerhalb der Nürnberger SPD steht er für Erneuerung, für Verjüngung, vielleicht sogar für eine neue Zeit. Erst im April diesen Jahres entschied die Partei über die Richtung. In der Kampfabstimmung um den Parteivorsitz gewann Ahmed mit 126 zu 52 Stimmen gegen Gabriela Heinrich (58). Heinrich ist SPD Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende für Außen-, Verteidigungs-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik. Beide waren zuvor stellvertretende SPD Nürnberg Vorsitzende. Ein Kampf jung gegen alt, Stillstand gegen Fortschritt. So zumindest könnte man diese Wahl interpretieren. „Es war für mich keine große Überraschung, dass Nasser diese Abstimmung so deutlich gewinnt“, sagt Kevin Kienle, SPD Vorsitzender des Ortsvereins Muggenhof und Gründer von „Politik-Punk.com“, einer Plattform, die der jungen Generation Politik vermitteln will. Er kennt Ahmed seit seinem Eintritt in die SPD vor sechs Jahren. Im gegnerischen politischen Lager sieht es nicht anders aus. Andreas Krieglstein, Vorsitzender der CSU Stadtratsfraktion, habe ein „öffentlichkeitswirksames Auftreten“ erlebt. Ahmed sei mit vielen Themen präsent gewesen, „weswegen mich der Ausgang der Wahl wenig überrascht hat“, so Krieglstein.

 

Als Parteivorsitzender will Ahmed die alte Tante SPD digitalisieren, die Veranstaltungen hybrid stattfinden lassen, damit auch Berufstätige oder Pendler*innen teilnehmen können. Er selbst geht in den sozialen Netzwerken mit gutem Beispiel voran. Ein Post pro Tag auf Instagram (3.500 Follower*innen), deutlich mehr in der Story. Auch auf der Kurzvideoplattform TikTok ist er aktiv (110 Follower*innen) – als einer der wenigen Lokalpolitiker*innen – und natürlich auf Facebook, wo ihm 3.700 Menschen folgen. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick niedrig, bei genauerem Betrachten allerdings zeigen sie das Gegenteil. 8.500 Menschen folgen dem Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg auf Instagram. Inklusive Amtsbonus. Für einen einfachen Stadtrat ist die Zahl also mehr als beachtlich. 

 

Jeden Besuch, jede Veranstaltung und jeden Pressebericht teilt Ahmed. Wahlkampf finde eben nicht mehr nur auf der Straße, sondern auch auf Social Media statt, wo sich eine zweite Öffentlichkeit gebildet habe, so Ahmed. Auf allen Plattformen tritt er meinungsstark auf, positioniert sich zu überregionalen Themen, wie dem Klimawandel oder der Bildungsgerechtigkeit, bringt sich aber auch kommunalpolitisch in Stellung. Denn: Er ist Mitglied des Stadtrats und sport- und verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

 

Ahmed setzt sich für die Verkehrswende ein. In der zweitgrößten Stadt Bayerns. Keine leichte Aufgabe. „Viel weniger Autoverkehr, deutlich mehr maßgeschneiderte Mobilität“ soll es geben. Das Auto aber soll nicht vollkommen aus dem Stadtbild verschwinden. „Ich denke, dass Menschen einen dauerhaften Bedarf an individueller Mobilität – also Autoverkehr – haben werden. Das darf man nicht leugnen“, sagt Ahmed. Schließlich fährt er selbst ab und zu Auto; einen Audi E-Tron, rein elektrisch also. Auf Social Media übrigens taucht das Auto nicht auf, dort steht das Fahrrad im Mittelpunkt, allen voran das Rennrad. Eine konsensfähige Position. Damit verprellt er weder die Umwelt-Aktivist*innen noch die überzeugten Autofahrer*innen und behält so Handlungsspielraum. Und: Er bildet die Lebensrealität ab. Schließlich ist Nürnberg eine autofreundliche Stadt, im Innenstadtraum gibt es etliche Parkhäuser, die vor allem am Wochenende gut gefüllt sind.

Neben seiner Tätigkeit im Stadtrat und der als Parteivorsitzendem arbeitet er Vollzeit bei Tennet, einem Übertragungsnetzbetreiber. Sein Terminkalender ist dementsprechend voll. Meetings gehen bis spät in den Abend hinein, Nachrichten verschickt er teilweise um drei Uhr. Morgens. „Alles in allem kann man sagen, dass ich de facto eineinhalb bis zwei Jobs habe“, so Ahmed. Und – als wäre das noch nicht genug – schrieb er noch bis vor Kurzem an seiner Doktorarbeit, den Titel darf er mittlerweile tragen. Wenn man anfangen würde, Stunden zu zählen, würde es keinen Spaß mehr machen, meint er. Knapp 1.900 Euro erhält er pro Monat für sein Stadtratsamt als Aufwandsentschädigung. Und für den Parteivorsitz gibt es keinen Cent. Er arbeitet hart, zu hart, um nur Mitglied des Stadtrats zu bleiben. Auch Krieglstein von der CSU kann sich Ahmed als Berufspolitiker vorstellen. In welcher Position genau: unklar. Im Raum steht nach wie vor der Oberbürgermeisterposten, auch wenn die CSU das nicht gern hört. 

 

Ahmeds rascher Aufstieg in der Partei

 

„Ich bin nicht in die SPD eingetreten, um etwas zu werden“, sagt Ahmed. Aus heutiger Sicht klingt das schon fast ironisch. Unweigerlich hat er in der SPD eine regelrechte Blitzkarriere hingelegt. Mit 21 Jahren, im Jahr 2009, kommt er zu den Jusos, der Jugendorganisation der SPD. Er überlegt sich auch, zur Linksjugend (Die Linke) und zur Grünen Jugend (Grüne) zu gehen. Mit der CSU beziehungsweise der Jungen Union habe er nicht geliebäugelt. Die Richtung stand also früh fest. Nach links sollte es gehen. „Bei den Jusos haben mich die Inhalte und auch die Menschen überzeugt“, sagt er. Auch die Geschichte seiner Familie sei ein Beweggrund gewesen, in die SPD einzutreten. Stichwort: Aufstieg durch Bildung. Schon ein Jahr später wird er Nürnberger Juso Vorsitzender, im Jahre 2014 wählen die Nürnberger*innen ihn in den Stadtrat. Und erneut ein Jahr später folgt der nächste große Schritt. Die Nürnberger Genoss*innen wählen ihn 2015 zum stellvertretenden SPD Nürnberg Vorsitzenden. „Man hat bereits in Ahmeds Zeit als Juso-Vorsitzender gemerkt, dass er unbedingt für den Stadtrat kandidieren wollte. Danach hat er sich Stück für Stück in der SPD hochgearbeitet“, sagt Andreas Krieglstein, der CSU-Fraktionsvorsitzende. Krieglstein übrigens kannte Ahmed bereits vor seiner Zeit im Stadtrat – vom Sportplatz, genauer gesagt von der Stadtrats-Fußballmannschaft, bei der Ahmed schon als Juso-Vorsitzender mitspielte.

 

Ahmed spricht über Politik als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Dabei spielte sie lange eine untergeordnete Rolle in seinem Leben. Er ist gebürtiger Nürnberger, beide seiner Eltern kommen aus Eritrea, einem Land im Nordosten Afrikas. Sie mussten fliehen. Der Grund: Bürgerkrieg. „Für meinen Vater war Deutschland ein Sehnsuchtsort“, sagt Ahmed. In Deutschland angekommen bauten sich die Eltern schnell ein Netzwerk in der Stadt auf, sie lernten eine Familie kennen, die Ahmed später bei den Hausaufgaben half. Ahmed dazu: „Integration ist keine Einbahnstraße. Es kommt auch darauf an, dass es in der aufnehmenden Gesellschaft eine Bereitschaft gibt, ehrenamtlich mitzuhelfen.“

 

Sein Vater spielte in Eritrea in einer alternativen Fußballnationalmannschaft, eine offizielle gab es nicht. „Er war immer der Überzeugung, ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper. Mein Vater ist mein sportliches Ideal“, sagt Ahmed. Im Alter zwischen sieben und acht meldet der Vater Ahmed beim DJK Falke an, bis heute ist er Mitglied in einem Sportverein (Zabo Eintracht) und bis heute gehört Sport zu seinem Alltag. Er trainiert im Fitnessstudio, fährt Rad und spielt Fußball in der Stadratsmannschaft, die derzeit amtierender deutscher Meister unter den Stadratsmannschaften ist. „Mir ist der Erhalt unserer rund 300 Sportvereine wichtig“, sagt er. Bei dieser Geschichte kein Wunder.

 

Seine Schulzeit verläuft unspektakulär. Er sei ein normaler Schüler, sagt er. Kein Streber oder Überflieger, auch kein „guter Schüler“. Die ersten Schuljahre lebe er nach dem Motto „ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss“. Einmal, in der sechsten Klasse, springt das Pferd nicht hoch genug. Er bleibt sitzen. Erst in der Oberstufe entdeckt er seine Faszination für Politik und strengt sich in der Schule an. Das Ergebnis: Abitur mit Schnitt 1,6. Er studiert Politikwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen, macht dort seinen Bachelor, Master und Doktortitel. Heute: Dr. Nasser Ahmed. 

Ahmed gilt als Kämpfernatur, nicht nur in der eigenen Partei. Krieglstein bezeichnet ihn als jemanden,

„der ins Risiko geht, der angriffslustig ist, bereit ist, sich selbst an der Spitze einzubringen und auch durchsetzungsstark auftritt“. Und Schwächen? Krieglstein spricht in Fußball-Metaphern über Ahmed, der – zum Hintergrund – als Stürmer in der Stadtratsmannschaft spielt: „Wenn man Stürmer ist, will man den Ball bekommen. Das aber setzt voraus, dass die Mitspieler einem den Ball zuspielen. Da ist es wichtig, dass er sich überlegt, wo seine Mitspieler überhaupt stehen. Und in der Politik ist es wie im Fußball, nur im Team kann man erfolgreich sein.“ Bisher hat das offenbar gut geklappt. Innerhalb der SPD sind die Pässe oft, um nicht zu sagen immer, angekommen. „Ich denke Nasser wäre an der Spitze der Stadt Nürnberg genau richtig“, sagt Kienle vom Ortsverein Muggenhof. Knapp fünf Jahre sind es bis zu den nächsten Kommunalwahlen. Noch genug Zeit also für Ahmed, seine Stellung in der Stadt weiter zu stärken und sich für den Oberbürgermeister*innenwahlkampf zu wappnen. Eine ernstzunehmende Konkurrenz ist er für den Oberbürgermeister schon jetzt. –

 

Luca M Schallenberger, Chefredakteur

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