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Interview: eine gemobbte Person erzählt


Liebe Leserin, lieber Leser,
heute liest du an dieser Stelle ein Gastbeitrag-Interview von Maja Hofmann. In diesem Artikel geht es um unter anderem um Mobbing und sexuelle Gewalt. Falls dich das belastet, lies dieses Interview bitte nicht. Allen anderen wünschen wir eine interessante Lektüre. Achtung: Für den Inhalt ist die Redaktion nicht verantwortlich.


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Maja: Wann hast du das erste Mal Erfahrung mit Mobbing gemacht?

Betroffene/r: Also das erste Mal habe ich in der ersten Klasse mit Mobbing Erfahrung gemacht. Obwohl ich, wenn ich es mir recht überlege, auch sagen kann, dass es im Kindergarten begonnen hat. Jedoch sehe ich das etwas lockerer, schließlich waren wir alle noch wirklich klein damals.

 

"...mich auszuziehen und an gewissen Stellen anzufassen..."

 

M: Wie bist du mit Mobbing im Kindergarten in Berührung gekommen?

B: Im Kindergarten war es noch simpel, aber auch da wurde ich immer ausgeschlossen. Ich durfte nie mitspielen und wenn, dann nur die „komischen“ oder „uncoolen“ Dinge. Gegen Ende im Kindergarten haben ein Junge und ein Mädchen mit mir gespielt und ich musste mich hinlegen, während sie es lustig fanden, mich auszuziehen und an gewissen Stellen anzufassen ...

Ich war auch damals schon sehr einsam und durfte bei nichts mitmachen und eben solche Sachen, wie das eben erwähnte, sind schwer zu verarbeiten. Besonders weil es auch in der Schule so weiter ging.


M: In welcher Form hast du damals Mobbing erfahren?

B: In verschiedenster Weise. Das ging von ausgeschlossen werden beim Spielen usw., bis hin zu physischer Gewalt. Denken kann man sich wahrscheinlich, dass es mit den Jahren immer mehr ausgeartet ist, je älter und kreativer die „Mobber“ wurden. Etwas gemacht dagegen hat jedenfalls nie so richtig jemand.

 

M: Weswegen haben dich deine Mitschüler denn gemobbt?

B: Wegen Klamotten, die ich nicht hatte, Make-up, das ich nicht tragen durfte, weil ich gerne gelesen habe und weil ich nicht so vieles durfte wie andere. Zusammengefasst, weil ich einfach anders war. Ich habe einfach nicht in dieses Bild reingepasst und das wurde ausgenutzt.

 

M: Hast du damals gedacht, dass du dich anpassen musst, weil du ein „Fehler“ bist?

B: Ja, das habe ich. Ich habe versucht, alles zu sein, was ich nicht bin. Das bereue ich inzwischen zutiefst. Wahrscheinlich hat das alles schlimmer gemacht. Ich hätte einfach ich selbst sein sollen. Aber natürlich war das nicht so einfach.


M: Würdest du sagen, dass deine Erfahrungen mit Mobbing deine Persönlichkeit geprägt haben, und wenn ja in was für einer Weise?

B: Auf jeden Fall! Durch die eigene Erfahrung denke ich, dass man sich für so etwas eher einsetzt und nachvollziehen kann, als jemand, der es nicht erlebt hat. Mal abgesehen davon hinterlässt es durchaus seine Spuren, die ich wahrscheinlich nicht mehr so schnell loswerde.

 

M: Du hast gesagt, dass das alles Spuren hinterlassen hat, die nicht mehr so schnell loszuwerden sind. Was prägt dich davon bis heute noch?

B: Alles! Es gibt nichts, das nicht irgendetwas hinterlassen hat. Ich kämpfe momentan mit Angststörungen, beispielsweise davor wieder von allen „nicht gemocht“ zu werden oder abgewiesen zu werden usw. Ich habe eigentlich immer Albträume und leide an Depressionen. Das volle Programm also. Nicht alles kommt vom Mobbing alleine, aber vieles. Ich finde, jedem sollte bewusst sein, wie tief Mobbing geht. Das hört nicht einfach auf, wenn das Jahr um ist der Unterricht vorbei oder man nach Hause geht. Das kann wirklich schlimme Schäden hinterlassen und eine das Leben „kaputt“ machen.

 

M: Du hast vorhin erwähnt, dass du auch physische Gewalt erfahren hast. Was ist dir davon bis heute besonders in Erinnerung geblieben?

B: Die sexuellen Übergriffe und das an den Haaren gezogen werden.


M: Wärst du bereit dazu, auf die sexuellen Übergriffe genauer einzugehen?

B: Ja, ich würde es sagen, sollte es zu viel werden.

Das Ganze gab es in verschiedenen Ausführungen. Vom ungewollten Berühren, Erzählen an andere oder zu ... sagen wir gewissen Dingen gezwungen zu werden. Es war furchtbar und ich hatte echt Angst....Um ehrlich zu sein sind das Dinge, die ich noch nie so richtig jemandem erzählt habe. Mir wurden schon einfache Dinge wie Ausgrenzung nicht geglaubt, runtergemacht oder ignoriert, da sah ich es nicht für sinnvoll. Von vielem merke ich auch erst im Nachhinein, wie falsch es war.


M: Hast du ich damals getraut, dich jemandem anzuvertrauen, weil ich kann mir vorstellen, dass das nicht so leicht ist?

B: Nein. Ich habe zwar oft genug erwähnt, dass ich nicht gut behandelt werde, aber ich hielt mich für reif genug, das zu regeln. Natürlich tat ich es nie und erst nach Ende der Schulzeit habe ich endlich Leute gefunden, die mich akzeptiert haben. Inzwischen bin ich auch in Therapie und versuche das alles zu verarbeiten. 10 Schuljahre sind eine lange Zeit.


M: Hast du dich dann in dieser Zeit von Freund*innen und deiner Familie distanziert?

B: Ich hatte eigentlich keine Freunde und mit meiner Familie war es schon immer schwierig.

 

Kontaktabbruch mit den Eltern
Kontaktabbruch mit den Eltern?!

M: Als ob Mobbing nicht schon schwer genug ist, wenn man auch keine Familie oder Freunde hat, die vielleicht merken, dass etwas nicht stimmen könnte, dann ist das vermutlich noch eine höhere Belastung für die Psyche, als die gesamte Situation sowieso schon ist. Was denkst du denn heute über die Personen, die dich damals gemobbt haben?

B: Sie tun mir leid. Wer es nötig hat, das mit einem anderen Menschen zu tun, dem mangelt es sicher an mehr als nur Selbstwertgefühl.


M: Und was hast du damals über die Personen gedacht, zu der Zeit, als sie dich gemobbt haben?

B: Ich habe es einfach nicht verstanden. Ich dachte, bei mir sei der Fehler, nicht bei Ihnen. Etwas anderes - außer ich wäre schuld - kam mir nie in den Sinn. Dementsprechend waren viele von Ihnen für mich "cool", oder ich wollte dazu gehören.

Jetzt kann ich nur darüber lachen, wie dumm und naiv ich damals war.


M: Das war ein ebenso inspirierendes wie schockierendes Gespräch. Hast du vielleicht noch ein paar Abschluss Worte für alle, die von Mobbing betroffen sind?

B: Lasst euch nicht unterkriegen! Ihr seid nicht das, was man euch versucht von euch selbst glauben zu lassen. Wenn ihr könnt, holt euch Hilfe, redet, fresst es nicht in euch hinein. Diese Menschen haben selbst kein Leben und denken, sie wären besser, obwohl sie es nicht sind. Egal wie "anders" ihr seid, ihr seid toll und das verunsichert diese Menschen, die euch so behandeln.


M: Danke für deine Offenheit! Das war ein wirklich spannendes Gespräch und wirklich starke Schlussworte!

B: Gerne doch! Ich hoffe, dass dieses Interview etwas gebracht hat und dem ein oder anderen gezeigt hat, wie schlimm so etwas wirklich sein kann.

 

- Interview: Maja Hofmann

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