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Kaitlin Bennett: Wie eine junge Amerikanerin für Waffenrechte kämpft


Content-Warnung: Vergewaltigung, Amoklauf

 

Kaum eine US-Aktivistin wird im Netz so gehasst: Mit ihren langen lockigen Haaren, ihrer Liebe für Waffen und ihren radikalen politischen Überzeugungen hat die 25-jährige Kaitlin Benett in den sozialen Medien den Durchbruch zu dem berüchtigten „Kent State gun girl“ geschafft. Auf Instagram zögert die junge Amerikanerin nicht, ihre Anschauungen in die Welt zu tragen. „Keine Feministin. Liebt es nicht, in Mexiko zu leben“, stellt sie dort bereits in ihrer Profilbeschreibung klar. Doch wer steckt hinter der kontroversen Aktivistin, die bis vor ein einigen Jahren noch eine ganz normale Studentin war?

 

                                                                                Quelle: Wikipedia 

Mit Sturmgewehr auf dem Campus: Wie Kaitlin Bennett berühmt wurde

 Mit ihren Abschlussfotos an der Kent State University wollte Kaitlin Bennett nicht nur ihr vollendetes Biologie-Studium zelebrieren, sondern auch ein politisches Statement setzen. Die Absolventin ließ sich im Jahr 2018 in weißem Kleid und mit der Schusswaffe AR-10 auf dem Rücken ablichten. In ihrer Hand hält sie ihre Abschlusskappe: „Come and take it“ steht dort geschrieben. An der Kent State University ist es nur den Studierenden nicht erlaubt, sich zu bewaffnen – doch nach ihrem Studium zählt Kaitlin Bennett als Besucherin und darf eine Waffe auf dem Campus offen tragen. Mit ihren Abschlussfotos protestiert Kaitlin Bennett gegen diese Vorschriften. Sie streckt der Administration imaginär die Zunge heraus: Ätschi-bätsch. Jetzt könnt ihr mir die Waffe nicht mehr wegnehmen.

„Ich dachte mir, welchen besseren Ort als die Kent State University gäbe es, um für mein Recht zur Selbstverteidigung zu kämpfen?“, erzählt Bennett auf ihrem Youtube-Kanal „Liberty Hangout“. Es hört sich wie ein schlechter Scherz an: Im Jahr 1970 fand an der Kent-State-University ein Amoklauf statt. Bei einem Protest gegen den Vietnamkrieg eröffnete die Nationalgarde von Ohio das Feuer auf die Demonstranten. Geschmacklos? Die junge Aktivistin sieht das ganz anders. Gerade weil vier unbewaffnete Studenten getötet worden sein, wäre es genau richtig, an ihrer Universität für Waffenrechte zu kämpfen.

 Kaitlin Bennett postet einer der Schnappschüsse auf Twitter. „Ich kann mich endlich auf dem Campus bewaffnen“, verkündet sie darin. Was dann passiert, hätte laut der jungen Aktivistin ihr ganzes Leben verändert. Ihr Beitrag wird in kurzer Zeit Tausende Mal geteilt. Die Absolventin, die vom Internet als Kent State Gun Girl getauft wird, bekommt nicht nur reichlich Zuspruch, sondern wird auch von Hassnachrichten und Morddrohungen überschüttet. „Ich wollte meinen Twitter-Account löschen“, berichtet Bennett. Doch mit der Unterstützung ihrer Familie und ihrem Freund Justin Moldow, nun Ehemann, hätte der Vorfall sie zu einer stärkeren Person gemacht. „Sie glauben, mir zu drohen, wird mich zum Schweigen bringen“, schmunzelt Bennett über ihre Gegner. „Aber alles, was sie getan haben, ist zu beweisen, warum wir überhaupt Schusswaffen brauchen“

Liberty Hangout: Wie Kaitlin Bennett politische Gegner bloßstellt

Auch der von ihrem Ehemann gegründete YouTube-Kanal „Liberty Hangout“ erhielt durch Kaitlin Bennett plötzlichen Aufschwung. Die Videos vor der Gun-Girl-Ära, in denen sich Justin Moldow als Podcast Host versucht, gehen in der Masse der Videos unter. Prompt wurde Kaitlin Bennett zum Gesicht von Liberty-Hangout gemacht. Die Videoqualität wurde besser, die frische Studienabsolventin mit einem Mikrofon ausgestattet. Die Masche zieht: Seit die blonde Waffen-Aktivistin vor der Kamera zu sehen ist, regnet es Klicks. Das Video „Kaitlin Bennett’s 10 craziest Encounters With Liberals“ wurde sogar mehr als 3 Millionen Mal angesehen. Es beginnt mit einer Szene, die sich im Internet wie Lauffeuer verbreitete: Auf einer Demonstration hält Bennett einer jungen Frau das Mikrofon hin, die einen Demospruch hineinruft. „Sie wird es essen“, scherzt Kaitlin Bennett. Auf den weit geöffneten Mund der jungen Frau bezogen, würde sich Bennett verteidigen. Nicht auf das Übergewicht der Demonstrantin, die sich von Kaitlin Bennett sofort angegriffen fühlt. „Was hast du gerade gesagt!?“, kommt sie der Aktivistin einen einschüchternden Schritt näher. Dann kommt es zu Kaitlins ikonischem Satz: „You know, I carry right?“

Steuern sind Diebstahl? Die politische Überzeugungen von Kaitlin Bennett

Wie der Kanalname bereits verrät, bezeichnet sich Kaitlin Bennett nicht nur als Konservative oder Trump-Supporterin, sondern gehört konkret der politischen Strömung „Libertarismus“ an. Konkret bedeutet das: Sie ist gegen staatliche Regulierungen. „Steuern sind Diebstahl“, versucht Kaitlin in einem Video eine Gruppe von Mädchen zu überzeugen. Wofür Steuern laut Bennett benutzt werden?  Unnötige Sachen. Zum Beispiel Gesundheitsversorgung. Die Mädchen reagieren entrüstet. „Ich habe keine Krankenkasse. Das ist Mist“, erklärt eine von ihnen. „Das ist nicht mein Problem“, erwidert Kaitlin Benett unberührt.

Darüber hinaus vertritt die US-Aktivistin ein traditionelles Weltbild. „Ich bin mir nicht sicher, ob es das Beste für unser Land ist, dass Frauen wählen“, kommt ihr bei einem Interview leichtfällig über die Lippen. Ob sie Frauen das Wählen verbieten würde? Vermutlich nicht. Doch Kaitlin Bennett appelliert, Frauen sollten sich Familie, Ehe und Geschlechterrollen hingeben. „Die gleichen Menschen, die sich über Misogyny beschweren, sind diejenigen, die Frauen nur als Sexobjekte sehen, die ihre Beine für Sex und Befriedigung spreizen müssen“, feuert das Gun Girl gegen ihre Kritiker. Besonders lautstark kritisiert sie Abtreibungen. Das sei Mord. Alles nur eine Strategie? Der politischen Kommentatorin Tomi Lahren, ebenfalls libertär, wurde einige Jahre zuvor die eigene Sendung gestrichen, nachdem sie sich für Abtreibungen aussprach. Es wäre heuchlerisch, eine eingeschränkte Regierung zu fordern und gleichzeitig staatliche Regulationen zu Abtreibungen zu unterstützen. Doch Kaitlin Bennett sieht das anders. Ein Menschenleben beginne laut ihr ab der Zeugung. „Man hat nicht das Recht, das Leben eines anderen zu beenden“, erklärt sie.

Die große Clownshow: Kaitlin Benett stellt die politische Linke an den Pranger

Kaitlin Bennett macht sich in ihren Videos über Menschen lustig, die ihre Werte nicht teilen. In ihrem Kanaltrailer verkündet das Gun Girl, es sei ihre Mission, aufzudecken, wie gewaltvoll, intolerant und radikal die Linke wirklich sei. Dazu besucht sie Demonstrationen, Universitätsgelände und andere öffentliche Plätze, um Menschen zu bestimmten politischen Themen zu befragen. Die Videotitel auf ihrem Kanal verdeutlichen ihre Absicht, dabei andersdenkende Menschen bloßzustellen: „Klimaaktivisten beim Vermüllen erwischt“, „Collegestudenten haben keine Moral“ oder sogar „Der verwirrteste Mann in Amerika“. Einmal bittet eine Frau darum, nicht ins Video genommen zu werden. Kaitlin Bennett setzt sie als Genugtuung gleich auf das Thumbnail. Ha! Wer Kaitlin Bennetts Überzeugungen nicht teilt, hat schlechte Chancen, im Video gut dazustehen. Mit geschickter Gesprächsführung stellt sie ihre politischen Gegner in den Schatten: Wer argumentiert, der muss auch alle Fakten haargenau bereit haben. Wenn ein Befragter etwa behauptet, dass Trump rassistisch sei, soll dieser gleich ein exaktes Zitat vortragen. Natürlich haben sich die meisten Menschen nicht auf unerwartete politische Diskussionen vorbereitet und argumentieren sehr schwach – dadurch kann Kaitlin Bennett sie leicht als ungebildete Bürger darstellen. Wenn der Interviewpartner selbst Trump-Supporter ist, hakt sie allerdings nicht so energisch nach.

Mit Klopapier beworfen und vom Campus verjagt

Kaitlin Bennett muss nicht nur im Internet große Wellen an Hass entgegennehmen. „Ich hoffe jemand […] vergewaltigt dich“, flippt eine Demonstrantin während eines Gesprächs mit Bennett aus. Gerade von der jüngeren Generation wird Kaitlin Bennett bei ihren Interviews häufig wiedererkannt und wüst beschimpft. Wenn die 25-Jährige den Campus einer Universität besucht, dauert es nicht lange, bis sie von aufgebrachten Studierenden umzingelt wird. Im Internet verbreitet sich das Gerücht, das sich Kaitlin Bennett auf einer Party in die Hose gemacht haben soll. So wird das Gun Girl an der Ohio University mit Klopapier beschmissen. Nicht selten werden die Demonstranten oder Studenten sogar handgreiflich: Nachdem Bennett auf dem Campus der University of Central Florida einige Interviews gehalten hat, muss sie vor einem wütenden Mob in ein Restaurant fliehen. Die Studenten schlagen gegen die Scheibe, zeigen ihr den Mittelfinger und schreien ihr entgegen. Schließlich wird sie mit Hilfe der Polizei in Sicherheit gebracht. „Ich denke, es gibt versteckte Terroristen an den US-Universitäten “, fasst Kaitlin Bennett dieses Erlebnis zusammen. Der Schreck steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben. Doch das Gun Girl lässt sich nicht einschüchtern. „Selbst, wenn ich Hass bekomme, wird mich das nicht aufhalten“, beschreibt sie ihre Hartnäckigkeit einmal in einem Interview. „Meine Botschaft lautet Campus Carry und ich unterstütze jede einzelne Person, die mich beschimpft (…). Ich unterstütze ihr Recht zur Selbstverteidigung.“

- Nellie Zienert, Redakteurin