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Im Handumdrehen zu geheilten Depressionen und einem Super-Gehirn


Stell dir vor, es gäbe ein Gerät mit dem du besser Sprachen lernen, das Gehirn eines alten Menschen wieder in Schwung bringen und Depressionen behandeln könntest - und das ohne große Nebenwirkungen befürchten zu müssen. Alles nur Fiktion? Nicht unbedingt! Kaum ein Bereich in der Neuropsychologie verspricht so vielseitige Anwendungsmöglichkeiten wie die Gehirnstimulation mit tDCS – und wird unter Wissenschaftlern so kontrovers diskutiert.

WAS IST TRANSKRANIELLE GLEICHSTROMSTIMULATION (tDCS)?

Mit tDCS werden Bereiche des Gehirns unter Strom gesetzt. Nur keine Sorge, mit einer Schocktherapie hat das nichts zu tun. Die tDCS ist harmlos und schmerzfrei. Dabei werden zwei Elektroden (eine Kathode und Anode) auf dem Schädel des Patienten befestigt und somit das Gehirn (genauer gesagt: Der Kortex) elektrisch stimuliert. Die Stromstärke beträgt dabei nur wenige Milliampere. Die Effekte bei einmaliger Stimulation halten nicht länger als wenige Minuten oder Stunden an, aber bei wiederholter Anwendung kann tDCS langfristige Effekte auf Gehirnfunktionen mit sich bringen.

UND NUN BITTE ETWAS GENAUER!

Für alle, denen das nicht detailliert genug war: Die verwendeten Elektroden sind relativ groß und stimulieren daher auch recht große Bereiche des Kortex. Der angelegte Gleichstrom verändert die kortikale Erregbarkeit: Die Anode erhöht, die Kathode verringert sie. Es gibt Hinweise mit Versuchen an Tieren, dass dabei die Häufigkeit der neuronalen Aktivität (z.B. Spontanaktivität der Nervenzellen) beeinflusst wird. Allerdings fehlt in der Wissenschaft noch ein genaueres Verständnis darüber, wie tDCS genau funktioniert. Zusammengefasst: tDCS macht etwas mit dem Kortex. Aber was und wie genau muss noch besser erforscht werden.

SUPER-BRAIN MIT tDCS?

Die bisherigen Funde zu tDCS sind sehr vielversprechend: Es soll möglich sein, die kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern. So kann tDCS etwa dabei helfen, sich Vokabeln besser einzuprägen. Auch älteren Menschen verspricht tDCS einen Nutzen: Durch das natürliche Altern des Gehirns schneiden sie bei kognitiven Aufgaben generell schlechter ab als junge Menschen. Unter tDCS-Stimulation können alte Menschen allerdings genauso gute Leistungen vollbringen wie ihre jüngeren Probanden. Nicht zuletzt soll tDCS dabei helfen, Depressionen zu behandeln und die geistigen Einschränkungen nach einem Schlaganfall oder bei Demenz zu reduzieren. Klingt doch fast wie ein Wundermittel! Doch falls du jetzt schon von deinem unschlagbaren Superbrain fantasierst: In der Wissenschaft gehen die Meinungen über tDCS weit auseinander.

Hier erfährst du wie du dir Sachen besser merken kannst
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VIEL LUFT UM NICHTS?

„Das tDCS-Feld ist ein sea of bullshit and bad science – und das sage ich als jemand, der zu manchen wissenschaftlichen Aufsätzen [über tDCS] beigetragen hat“, sagt Neurowissenschaftler Vincent Walsh zynisch. Die Ergebnisse vieler tDCS Studien sind in den Medien groß angepriesen worden und haben somit auch das Interesse der allgemeinen Bevölkerung geweckt. Dabei sind die Kritikpunkte an tDCS zahlreich: Die Befunde könnten zu einem großen Teil nicht repliziert (bedeutet ungefähr: wissenschaftlich bestätigt) werden und viele tDCS-Studien seien qualitativ unzureichend. Zudem ist die genaue Wirkungsweise der Gleichstromstimulation noch nicht ausreichend genug verstanden und ist bei unterschiedlichen Probanden sehr variabel. Ungefähr die Hälfe aller Probanden spricht auf die Behandlung mit tDCS nicht an. Die bisherigen Studien lassen sich zusammenfassend als „proof of concept“ beschreiben: Die generelle Machbarkeit einer Behandlung mit tDCS ist bestätigt. Irgendwie funktioniert's. Aber um das Verfahren besser zu verstehen und gezielt in den Alltag oder in die psychologische Praxis einzubauen ist noch viel Forschung nötig.

TRAUM VOM BESSEREN GEHIRN?

Das Forschungsfeld um die Gleichstromstimulation stößt mit den bisherigen Befunden immer wieder auf Schwierigkeiten, ist aber lange noch nicht zum Scheitern verurteilt. Die Hoffnung darauf, dass wir Gleichstromgeräte irgendwann in unseren Alltag einbinden können, um besser lernen und effizienter arbeiten zu können, haben sich einige Unternehmen bereits zunutze gemacht: Im Internet werden zahlreiche Geräte zur Gehirnstimulation zum Kauf angeboten. Doch Finger weg davon! Bei dem bisherigen Forschungsstand ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Geräte wirksam sind, erst recht nicht, wenn sie von Laien angewendet werden. Und mögliche Schäden von den Billiggeräten möchtest du lieber nicht riskieren.

 

- Nellie Zienert, Redakteurin

Quelle: Modulating brain activity and behaviour with tDCS: Rumours of its death have been greatly exaggerated

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Kommentare: 1
  • #1

    Mitchell@HGW (Sonntag, 14 Februar 2021 19:44)

    Sehr gut, da bahnt sich eine Zukunft an.
    Wenn du so weiter machst solltest du dich mal bei spektrum.de bewerben.