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"Das Schlimmste, war die Ungewissheit": das Cineplex Fürth in Zeiten von COVID-19


2020 hätte ein aufregendes Kinojahr mit vielen großen Veröffentlichungen werden sollen, doch der Ausbruch von COVID-19 machte diesen Plänen einen gehörigen Strich durch die Rechnung: Produktionen wurden unterbrochen, Dreharbeiten auf Eis gelegt und Premieren um Monate nach hinten verschoben, wenn nicht sogar ganz abgesagt. Die Premiere von Disney´s Realfilmadaption "Mulan" wurde aufgrund von COVID so oft nach hinten verlegt, dass sich der Filmkonzern nun dazu entschieden hat, den Film auf ihrer Videoplattform Disney + zu veröffentlichen. Um den Film hierzulande allerdings anschauen zu können, wird ein zusätzlicher VIP-Zugang für stattliche 21,99€ benötigt. Wer nicht so viel Geld für einen einzigen Film gezahlen möchte, der kann bis zum 4. Dezember diesen Jahres warten, denn dann wird "Mulan" auch allen anderen Disney+ Abonennten zur Verfügung gestellt. Wer sich auf "No Time To Die" von Cary Joji Fukunaga oder "Black Widow" von Cate Shortland gefreut hat, der muss wohl oder übel noch bis November diesen Jahres warten. Der Kinostart von Marvel´s "The Eternals" wurde bis ins nächste Jahr verschoben und auch die kommenden Serien von Marvel Studios wie "The Falcon and The Winter Soldier" können nicht planmäßig erscheinen. Diese Situation hat gravierende Folgen für die gesamte Film- und Fernsehbranche - so auch für die Kinos.

Das Cineplex (Metroplex) in der Gebhardstraße 8 am Hornschuch-Center in Fürth, ist mit seinen 6 Sälen und insgesamt rund 1.000 Sitzplätzen das größte Kino der Kleeblattstadt. Auch in diesem Filmspielhaus gingen im März diesen Jahres aufgrund von COVID-19 für mehrere Monate die Lichter aus. In einem Gespräch erzählt Daniela Lang vom Lokalen Marketing des Cineplex Fürth, wie sie die Corona - Krise erlebt.

 

direkt.: Am 17.03.2020 mussten die Kinos in Bayern schließen. Was ging Ihnen an diesem Tag durch den Kopf?

Lang: Wir haben uns zum einen Sorgen um unsere Mitarbeiter gemacht. Wie ist das, wenn sie plötzlich in Kurzarbeit gehen müssen? Und dann natürlich der Blick nach oben zu unseren Chefs. Unsere Kinofamilie hat 8 Kinos und wenn plötzlich alles stillsteht und es nur noch Ausgaben und keine Einnahmen mehr gibt, dann überlegt man natürlich, wie es für sie weitergeht. Das schlimmste in dieser Zeit, war die Ungewissheit. Ursprünglich war der 19.April als Termin angegeben, an dem es wieder losgehen sollte. Aber ehrlich gesagt, hat niemand von uns an dieses Datum geglaubt. Natürlich hat man das aber ohne Wenn und Aber akzeptiert. Es hat niemand geschimpft, denn Gesundheit geht vor und die Kinoschließungen waren zu diesem Zeitpunkt ein logischer Schritt.

 

direkt.: Immer wieder wird von einer zweiten Welle gesprochen und die Infektionszahlen steigen in Deutschland wieder an. Haben Sie Angst vor einer erneuten Schließung?

Lang: Die Gefahr ist gegeben und wenn es so ist, müssen wir damit leben. Aber wir wollen erst einmal optimistisch sein, weil Pessimismus macht die Situation nicht besser. Zum einem möchten wir unseren Mitarbeitern und Gästen erstmal ein positives Signal geben und auch wenn noch nicht von einem regelmäßigen Betrieb gesprochen werden kann, können wir sagen, dass es für uns gut funktioniert. Die Gäste halten sich bisher an die Abstandsregelungen und an das Hygienekonzept. Die Leute, die kommen, haben Spaß. Ich glaube, dass die ganzen Maßnahmen, die wir ergriffen haben, dazu beitragen, dass die Leute wirklich ein schönes Gefühl hier haben. Aber sollte die Ansage einer erneuten Schließung kommen, dann wird es sowieso wieder kurzfristig sein und dann müssen wir uns wieder überlegen, was wir tun können. Im Hinterkopf ist es natürlich, aber wir lassen es jetzt erst einmal im Hinterkopf.

 

direkt.: Das Cineplex hat einige Maßnahmen ergriffen, um den Gästen einen sicheren Aufenthalt zu gewährleisten, wie Sicherheitsabstände, Online Kartenverkauf, getrennte Ein- und Ausgänge und Maskenpflicht. Haben diese Sicherheitsvorkehrungen auch negative Auswirkungen auf das Kino?

Lang: Von der finanziellen Seite her: Spaß macht das im Moment noch nicht. Momentan ist es eher so, dass wir unseren Kunden das Kinoerlebnis wiedergeben wollen. Irgendwann kommt dann hoffentlich wieder der Punkt, an dem sich das Ganze auch finanziell lohnt. Dieser Punkt ist im Moment noch nicht da. Wir werden mit diesem Virus aber einfach noch eine Weile leben müssen. Ich persönlich ziehe dann lieber im Kino die Maske auf, bis ich auf dem Platz sitze und nehme in Kauf, dass niemand um mich herumsitzen darf, als, dass ich gar nicht mehr ins Kino gehe. Das kann ja auch ein Vorteil sein, denn so habe ich niemanden, der mir in den Nacken raschelt oder der mich von der Seite her anhustet. Wenn man noch nicht hier war, stellt man sich das vielleicht kompliziert vor, aber das ist es eigentlich gar nicht.

 

direkt.: Und wie sieht es momentan mit den Besucherzahlen aus?

Lang: Es ist natürlich schon anders. Die Besucherzahlen sind weit entfernt von dem, was sie vorher waren. Und ich glaube, man würde sich etwas vormachen, wenn man sagt, dass daran schon was verdient wäre, denn so ist es nicht. In erster Linie ist es wirklich so, dass wir den Mitarbeitern und Gästen das Signal geben wollen, es passiert jetzt was. Der größte Saal, den wir haben, hat 270 Plätze. Mehr als 100 Gäste würden wir mit den momentanen Abstandsregelungen dort auf gar keinen Fall reinbekommen, aber solche Zahlen erreichen wir im Moment sowieso nicht. Es ist wirklich überschaubar und familiär, man braucht also keine Angst zu haben, dass man sich in die Quere kommt, oder, dass man irgendetwas kompliziertes tun müsste.

direkt.: In der Zwischenzeit hätten viele große Filme ins Kino kommen sollen, wie der neue James Bond, "Wonder Woman 1948", "Mulan" oder "Black Widow". Was hat das für Konsequenzen für ein Kino, wenn solche Box Office Tops nicht gespielt werden können?

Lang: Der Bond im April wäre sicherlich der Film des Jahres gewesen, das ist, glaube ich, kein Geheimnis. Natürlich hat man damit geplant. Man weiß von den vergangenen Bonds, wie viele Menschen in etwa gekommen wären und damit hat man kalkuliert, Investitionen getätigt und Mitarbeiter eingestellt. Das findet alles nicht mehr statt. Das ist auch ehrlicherweise nicht mehr einzuholen. Diese Filme sind jetzt alle erst einmal ans Ende des Jahres oder ins nächste Jahr verschoben. Und man weiß nicht, was bis dahin passiert und ob es dann die gleichen Besucherzahlen geben wird. Ich weiß nicht genau, wie es ausgehen soll. Wir können es uns hier so schön machen, wie wir wollen: wenn wir keine neuen Filme haben, die wir zeigen können, dann wird niemand kommen.

 

direkt.: Nicht nur können fertige Filme nicht gezeigt werden. Auch mussten zahlreiche Dreharbeiten abgebrochen oder auf Eis gelegt werden, wie die Arbeiten an James Camerons Sequel zu "Avatar". Bereitet einem das Angst vor Langzeitfolgen für die Kinobranche?

Lang: Viele Filme sind fertig produziert und Produktionen, die seit April hätten anlaufen sollen, liegen symbolisch gesehen in der Schublade. Die Drehstopps werden sich dadurch, denke ich, wieder kompensieren. Aber natürlich macht man sich Sorgen darüber, wie es weiter geht. Wo geht es in der Branche hin? Ich würde schon sagen, dass die ganze Kultur schaffende Branche sehr hart getroffen wurde. Man macht sich Sorgen, ob sich andere Kinohäuser oder Verleiher nicht mehr von der Krise erholen. Und das wird leider irgendwo passieren, es werden nicht alle durchkommen.

 

direkt.: Viele Filme wurden aufgrund der Krise frühzeitig in die digitale Auswertung gegeben, wie zum Beispiel "Birds of Prey" von Warner Bros., "Bloodshot" von Sony, "Sonic the Hedgehog" von Paramount oder "Onward" von Disney. Es wird zwar Seitens der Studios immer wieder betont, man wolle nie komplett auf eine Kinoveröffentlichung der Filme verzichten. Kommen einem aber in Zeiten wie diesen an diesen Versprechen Zweifel?

Lang: Diese Diskussion "Kino versus Streaming" gibt es schon jahrelang und wird es vermutlich auch noch jahrelang geben. Natürlich haben wir es kritisch gesehen, dass die Filme so früh in die Portale gingen und hoffen, dass das jetzt einfach der gesundheitlichen Situation geschuldet war und kein Dauerzustand wird. Wir glauben daran, dass der Film prinzipiell im Kino einfach besser aufgehoben ist und, dass das Gemeinschaftserlebnis und die große Leinwand am Ende einfach überwiegt. Ich schaue mir auch etwas auf Netflix an, aber wenn ein neuer Film kommt, gehört er einfach auf die Leinwand. Wir glauben schon, dass das bei den Verleihern auch so präsent ist. Ohne Kino geht es dann doch nicht. Diese Emotion, die man da hervorruft, gibt es auf der Couch nicht. Dass die Leute jetzt im Moment ein bisschen vorsichtiger sind, das verstehe ich vollkommen. Aber ich glaube nicht, dass das Kino im Allgemeinen davon einen bleibenden Schaden behalten wird.

Lara Heiße, Chefredakteurin

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