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Wer sich über Diversität in Star Trek aufregt, hat das Franchise nicht verstanden - eine Analyse


"Star Trek was an attempt to say that humanity will reach maturity and wisdom on the day that it begins not just to tolerate, but take special delight in differences in ideas and differences in life forms."

- Gene Roddenberry

 

Vor wenigen Tagen gab der offizielle Instagram Account der US-amerikanischen Serie "Star Trek: Discovery" bekannt, in ihrer kommenden dritten Staffel erstmals einen nicht-binären Charakter sowie einen transidenten Charakter in das Star Trek Franchise aufzunehmen. Der nicht-binäre Charakter namens Adira wird dabei porträtiert von Blu del Barrio, während Schauspieler Ian Alexander in die Rolle des Trans*Mannes Gray schlüpfen wird.

Während das Feedback unter dem Post überwiegend positiv ausfiel und die beiden Neuzugänge von den meisten Fans mit offenen Armen im Star Trek Universum willkommen geheißen wurden, ließen vereinzelte Hasskommentare trotzdem nicht lange auf sich warten.

Doch wer sich über Diversität in Star Trek aufregt, hat das Franchise nicht verstanden. Schon seit der Erstausstrahlung der ersten Star Trek Serie aus der Feder von Gene Roddenberry im Jahr 1966, ist Diversität ein integraler Bestandteil des Franchise. Angefangen hat die lange Reise der Repräsentation mit Lieutenant Nyota Uhura (Nichelle Nichols) und Hikaru Sulu (George Takei). Die afroamerikanerin Nichelle Nichols wurde durch ihre Rolle als Lieutenant Uhura zu einem großen Vorbild für viele PoC auf der ganzen Welt. So auch für die Schauspielerin Whoopie Goldberg, die später in der Rolle der Guinan in "Star Trek: The Next Generation" zu sehen war. Sie erinnert sich noch gut an das, was sie zu ihrer Familie sagte, nachdem sie Uhura das erste mal im Fernsehen gesehen hatte: "I just saw a black woman on television; and she ain´t no maid!" Als Nichols Ende der 60er Jahre darüber nachdachte, Star Trek zu verlassen, schaltete sich sogar Martin Luther King Jr. ein, der selbst ein großer Star Trek Fan war, und überzeugte sie davon, zu bleiben: "Nichelle, whether you like it or not, you have become an symbol. If you leave, they can replace you with a blond haired white girl, and it will be like you were never there. What you´ve accomplished, for all of us, will only be real if you stay." Auch Hikaru Sulu, gespielt vom japanisch-amerikanischen Schauspieler George Takei, war ein großer Schritt im Bereich Diversity Mitte der 60er Jahre."It´s hard to appreciate the impact of a Japanese helmsman only two decades after World War II - there was still a lot of resentment towards the Japanese", so Mark A. Altman, Co Autor des Star Trek Geschichtsbuchs "The Fifty-Year Mission (The First 25 Years)" in einem Artikel der Washington Post aus dem Jahr 2016. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass Gene Roddenberry selbst als B-17-Bomberpilot der Army Air Force im Zweiten Weltkrieg insgesamt 89 Einsätze während des Pazifikkrieges flog.

1968 setzte Star Trek einen weiteren Meilenstein und zeigte in der dritten Staffel der Original Series in der Episode "Plato´s Stepchildren" einen Kuss zwischen Captain James T. Kirk und Lieutenant Uhura: der bis dahin erste TV-Kuss zwischen einem weißen und einem dunkelhäutigen Charakter. Dieser Szene sorgte in der Filmwelt für heftige Reaktionen, denn in Hollywood war die Darstellung einer Beziehung zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von 1930 bis 1957 durch den sogenannten "Hays Code" verboten. US Gesetze verboten die Heirat von Menschen verschiedener Hautfarben sogar noch bis in das Jahr 1967 hinein.

Auch Star Trek abseits der Original Series bemüht sich seit Jahrzeiten um Diversität in seinen Geschichten. In den 1990er Jahren waren Captain Benjamin Sisko (Avery Brooks) aus "Star Trek: Deep Space Nine" und Captain Kathryn Janeway (Kate Mulgew) aus "Star Trek: Voyager" die ersten Captains, die vom Bild des weißen Mannes im Captain´s Chair abwichen. Einen schwarzen Mann als Kapitän eines Sternenflotten Schiffes zu casten, war keine Selbstverständlichkeit. Ein Artikel der Los Angeles Times aus dem Jahre 1999 zeigt, dass von den damals 26 neu erschienen TV-Komödien und Dramen der großen Produktionsfirmen keine einzige Hauptrolle von einer PoC besetzt war. Auch Captain Janeway der USS Voyager war damals eine regelrechte Sensation. Während es zwar bereits vor ihr weibliche Captains im Star Trek Universum gegeben hatte, war Janeway die erste Kapitänin, die als Hauptcharakter einer eigenen Serie fungierte. Und nicht nur das, denn Kathryn Janeway spielte neben der Serie "Star Trek Voyager" auch in anderen Medien des Frenchise eine entscheidende Rolle, wie etwa in Büchern, Filmen und Videospielen.

In aktuelleren Veröffentlichungen im Star Trek Universum geht die Diversität unter den Charakteren weiter, so etwa in den Filmadaptionen "Star Trek" aus dem Jahr 2009 und dessen Sequels "Star Trek: Into Darkness" und "Star Trek: Beyond". Auch in diesen drei Filmen sind Lieutenant Uhura und Hikaru Sulu auf der Brücke an der Seite von Captain Kirk zu sehen, dieses mal gespielt von Zoe Saldana und John Cho. In dieser Adaption befindet sich Uhura in einer Beziehung mit Spock, gespielt von Zachary Quinto. Wieder portätiert Star Trek eine Beziehung zwischen Charakteren verschiedener Hautfarben und dieses mal sogar zweier Spezies: Mensch und Vulcan. Doch Regisseur Justin Lin ging im 2016 erschienen "Star Trek: Beyond" noch einen Schritt weiter, denn er gab Sulu nicht nur eine kleine Tochter sondern auch einen Ehemann, Ben Sulu. Die genaue Sexualität Hikaru Sulus wird in "Beyond" nicht weiter thematisiert. Allerdings bekam Star Trek damit seinen ersten offen nicht-heterosexuellen Charakter - und das in Gestalt einer Person, die seit der Erstausstrahlung ein integraler Bestandteil der Crew auf der Brücke der Enterprise ist.

In der 2017 erschienen TV-Serie "Star Trek: Discovery" nahm die Diversität, mehr als 50 Jahre nach Ausstrahlung der ersten Star Trek Episode, weiter ihren Lauf. Im Zentrum der Geschichte, die mittlerweile 29 Episoden in 2 veröffentlichten Staffeln umfasst, steht Sternenflotten-Offizierin Michael Burnham, gespielt von der afroamerikanischen Schauspielerin Sonequa Chaunté Martin-Green. Laut einem Artikel des New Yorker aus dem Jahr 2017, wurden nach der Veröffentlichung des ersten Trailers zu Discovery in der Kommentarspalte immer wieder Stimmen laut, die sich darüber empörten, dass der Hauptcharakter der Serie a) eine Frau und b) eine PoC sein würde. "Where is the alpha male that has balls and doesn´t take crap from anyone" fragte ein Nutzer. "Is everything going to have to have females in every fucking thing?", fragte ein anderer.

Doch die Macher der Show ließen sich von Kommentaren wie diesen nicht beindrucken und gingen bei ihrer Repräsentation noch einen Schritt weiter, indem sie mit Chefingenieur Paul Staments, gespielt von Anthony Rapp, den ersten offen homosexuellen Charakter Teil der Discovery Crew werden ließen. Seine Beziehung zu Amtsarzt Hugh Colber, gespielt von Wilson Cruz, ist nicht nur erneut eine Beziehung zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe. Culber und Staments dürfen ihre Beziehung in vollen Zügen ausleben, mit allen Höhen und Tiefen, und teilen gleichzeitig den ersten TV-Kuss zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts im Star Trek Universum. Auch einen offen lesbischen Charakter gibt es mit Jett Reno, der Chefingenieurin der USS Hiawatha, gespielt von Tig Notaro, in "Star Trek: Discovery". Ihre Sexualität ist allerdings nur kurz ein Thema, als sie von ihrer verstorbenen Ehefrau erzählt. Auch einen offen pansexuellen Charakter gibt es in "Discovery" zu sehen. Um Spoiler zu vermeiden, soll an dieser Stelle jedoch nicht näher auf diese Person eingegangen werden.

Wer nun also immer noch denkt, ein offen nicht-binärer und ein offen transidenter Charakter hätten keinen Platz im Star Trek Universum, der sollte beim nächsten Star Trek Marathon vielleicht etwas genauer hinsehen und zuhören. Ein großer Teil der Geschichten war es schon seit der Erstausstrahlung vor über 50 Jahren, Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarben, Geschlechter und nun auch Sexualitäten zusammenzubringen. Denn die Welt besteht aus so viel mehr als weißen, heterosexuellen "Alpha-Männern". Mehr Personen der LGBT+-Community in das Franchise zu integrieren, ist, um es mit den Worten von Doug Jung, Screenwriter von "Star Trek: Beyond" zu sagen, "a logical extension of how the world really is". Und auch Sulu Schauspieler John Cho ist der Meinung, Gene Roddenberry selbst hätte sich für mehr LGBT+ Repräsentation in seinem Franchise ausgesprochen: "Were he alive, he would have adressed this lack of gay representation in space way before we did". Denn Roddenberry sagte selbst: "If we cannot learn to actually enjoy those small differences, to take a positive delight in those small differences between our own kind, here on this planet, then we do not deserve to go out into space and meet the diversity that is almost certainly out there."

 

- Lara Heiße, Chefredakteurin

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