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Containern: Lebensmittel retten und dafür verurteilt werden?


Containern, Tonnentauchen, dumpster diving, Mülltauchen – es gibt viele Begriffe für das Retten von weggeworfenen Lebensmitteln aus Supermarktcontainern. Diese Tätigkeit ist in Deutschland weit verbreitet: Nach Schließung der Supermärkte ziehen Menschen los, um sich an den Abfallcontainern an den weggeworfenen Lebensmitteln zu bedienen. Was man dort in den Biotonnen vorfindet, lässt sich aber nicht einmal ansatzweise mit der stinkenden Biotonne zuhause vergleichen: Frische Bananen, lediglich eine braune Stellen auf der Schale, perfekt reif. Daneben ein in Plastikfolie eingeschweißter Kopfsalat mit einem kleinen braunen Blatt, einige perfekt aussehende Äpfel ohne einen erkennbaren Makel und haufenweise frisches Brot, welches in der Supermarktbäckerei heute nicht verkauft werden konnte. Eier, eine Packung Nudeln mit einer kleinen Delle im Karton und einige Paprikas und Gurken, die einfach nicht so schön gewachsen sind. Der Zwei-Kilo-Sack Kartoffeln, der zu finden ist, wurde wohl wegen der einen fauligen Kartoffel aus dem Supermarktregal verbannt. Was klingt, wie aus einer Dystopie, ist in Deutschland aber Alltag.

Aktivist*innen haben sich durch das Containern zum Ziel gesetzt, diese noch genießbaren Lebensmittel zu retten und zu verwerten. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich: Ein stiller Protest gegen die Lebensmittelindustrie, Kritik an unserer bizarren Wegwerfgesellschaft, der Boykott von großen Supermarktketten. Auch immer mehr Klimaaktivist*innen finden sich unter den Tonnentauchern, schließlich produziert ein Kilogramm hergestellte Lebensmittel im Schnitt 4,5 Kilo CO². 12 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle produziert Deutschland pro Jahr, damit belegt die Republik auch im EU- Vergleich einen der vorderen Ränge – von den 88 Millionen Tonnen an entsorgten Lebensmittel innerhalb der EU kommen damit ganze 14% aus Deutschland. Die EU-Staaten gehen damit unterschiedlich um: Während Frankreich 2015 ein Gesetz verabschiedete, welches es Supermärkten verbietet noch genießbare Lebensmittel einfach zu entsorgen, sieht das hierzulande leider anders aus: Containern ist eine Straftat; der entsorgte Müll hat nach wie vor einen Eigentümer, somit begeht man Diebstahl. Außerdem ist das Betreten des Supermarktgeländes außerhalb der Öffnungszeiten Hausfriedensbruch.

Aufsehen erregte diese Tatsache vor allem im Jahre 2019: die beiden Münchner Studentinnen Franzi und Caro klagten vor dem Bundesverfassungsgericht, nachdem sie von den vorherigen Instanzen schuldig gesprochen wurden. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte den Schuldspruch. Zwar wurden beide nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, jedoch hat dieses Urteil vor allem symbolischen Wert: die Nichtregierungsorganisation "Gesellschaft für Freiheitsrechte" (GFF), die Caro und Franzi unterstützt, kritisiert hier besonders, dass das Strafrecht über dem Schutz unserer Lebensgrundlage gestellt wurde. Hier wurden, so die GFF, die Personen kriminalisiert, die etwas im Kleinen für z.B. den Klimaschutz tun, ohne dabei jemanden zu schaden. Viele Aktivistinnen hält das Urteil jedoch nicht vom Containern gehen ab, für sie überwiegt der ethische Gedanke ihrer Tätigkeit und manchmal auch einfach der Hunger: zwar ist für die meisten aktiven Tonnentaucher*innen das so gesparte Geld nur ein positiver Nebeneffekt, trotzdem gibt es einige von ihnen, die sich am Müll bedienen, weil sie sich den Einkauf im Supermarkt einfach nicht leisten können. Jedoch muss man nicht unbedingt Containern gehen, um etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun: die größten Lebensmittelmüllproduzenten sind nach wie vor private Haushalte, die tragen ganze 52% zur Gesamtentsorgung von Nahrungsmitteln bei. Diese Menge lässt sich jedoch leicht reduzieren, wenn wir alle ein paar Tipps beachten:

 

Jedoch muss man nicht unbedingt Containern gehen, um etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun: der größte Lebensmittelmüllproduzent sind nach wie vor private Haushalte, die tragen ganze 52% zur Gesamtentsorgung von Nahrungsmitteln bei. Diese Menge lässt sich jedoch leicht reduzieren, wenn wir alle ein paar Tipps beachten:

  • Mahlzeiten planen und eine Einkaufsliste schreiben
    So wird wirklich nur das gekauft, was man auch wirklich zur Zubereitung der Gerichte braucht.
  • Lebensmittel richtig lagern
    Essen wird schneller schlecht, wenn es falsch gelagert wird. Deshalb: Informiere Dich, was wirklich in den Kühlschrank gehört und was nicht.
  • Abgelaufen? Probieren statt wegwerfen
    Viele Lebensmittel sind auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum noch genießbar, daher einfach kurz überprüfen: Riecht es komisch, sieht es anders aus? Wenn nicht, kann man ruhig vorsichtig probieren ob das Produkt noch essbar ist. Gerade Konserven, Nudeln, Müsli etc. ist oft viel länger haltbar als das Mindesthaltbarkeitsdatum sagt. Bei Eiern lässt sich die Genießbarkeit einfach mit einer Kanne Wasser überprüfen: Schwimmt das Ei oben sollte es nicht mehr verzehrt werden, wenn es auf den Boden sinkt ist es problemlos essbar.
  • Einfach mal kreativ werden
    Es lässt sich nicht immer vermeiden, manchmal bleibt doch etwas übrig und noch dazu meistens die Lebensmittel, die man nicht miteinander kombinieren würde. Hier gilt: Einfach ausprobieren und kreativ werden beim Kochen. Wer nicht so mutig ist kann aber auch die Website https://www.zugutfuerdietonne.de/beste-reste verwenden. Dort kann man die Zutaten, die übrig bleiben, in ein Suchfeld eingeben und bekommt passende Rezepte angezeigt. Selbstverständlich gibt es das ganze auch als App, welche man mit dem Suchbegriff „beste Reste“ findet und installieren kann.
  • Foodsharing
    Eine Plattform, die ins Leben gerufen wurde um überschüssige Lebensmittel zu verteilen und so vor der Tonne zu retten. Teile das Essen, welches du nicht mehr verwerten kannst mit anderen. Eine weitere Möglichkeit gegen die massive Lebensmittelverschwendung vorzugehen ist auch immer wieder auf das Thema aufmerksam zu machen, das Teilen und Unterschreiben von Petitionen sowie die Unterstützung von Organisationen, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzen, denn nach wie vor hungern Millionen von Menschen während Deutschland tonnenweise genießbares Essen entsorgt – auch hier.

- Julia Klopsch, Redakteurin

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