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J.K. Rowling: Wie die Autorin immer wieder mit transphoben Kommentaren für Empörung sorgt – und warum ihre Äußerungen so gefährlich sind


Joanne K. Rowling, besser bekannt unter der Abkürzung J. K. Rowling ist wohl eine der bekanntesten Autorinnen unserer Zeit. Die britische Schriftstellerin erreichte ihren großen Durchbruch Ende der 90er Jahre, als sie „Harry Potter und den Stein der Weisen“ (Orig.: Harry Potter and the Philosopher´s Stone“), den ersten Band ihrer Romanreihe „Harry Potter“ veröffentlichte. Die Bücher verkauften sich mittlerweile über 500 Millionen Mal, wurden in 80 verschiedene Sprachen übersetzt und in acht Blockbustern von 2001 bis 2011 für die große Leinwand verfilmt. Die „Harry Potter“ – Filmreihe gilt als eine der kommerziell erfolgreichsten der Filmgeschichte, die Bücher brachen Rekorde und besetzten die obersten Ränge der Bestsellerlisten zahlreicher Länder. Im September 2013 gab Warner Bros. bekannt, Rowling werde mit „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ in die Welt des Drehbuchschreibens einsteigen. Der erste Teil der Reihe, die insgesamt aus fünf Filmen bestehen soll, kam im Jahr 2016 in die Kinos und spielte an den Kinokassen weltweit insgesamt über 800 Millionen US-Dollar ein, der zweite Teil, der 2018 sein Debut feierte, kam auf ein Einspielergebnis von mehr als 650 Millionen US-Dollar weltweit.

Quelle: Photography Debra Hurford Brown © J.K. Rowling 2018
Quelle: Photography Debra Hurford Brown © J.K. Rowling 2018

Wenn J. K. Rowling also eines hat, dann ist es unglaublichen beruflichen Erfolg. Die Britin steht aber auch immer wieder heftig in der Kritik – vor allem aufgrund ihrer Äußerungen gegen transidente Personen. Das ganze Drama nahm bereits 2018 seinen Anfang, als Rowling ein Like auf einem Tweet hinterließ, der Trans*Frauen als „men in dresses“ bezeichnete. Ein Pressevertreter der Autorin erklärte in einem Interview mit The Guardien kurze Zeit später, Rowling hätte einen „middle-aged moment“ gehabt und aus diesem Grund „ausversehen“ ein Like dort hinterlassen. Allerdings war das nicht das Ende von Rowlings transphobem Verhalten.

Quelle: Twitter
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Den ersten großen „Shitstorm“ zog sie im letzten Jahr auf sich, als Rowling auf ihrem Twitteraccount ihren 14,5 Millionen Followern twitterte: „Dress however you please. Call yourself whatever you like. Sleep with any consenting adult who´ll have you. Live your best life in peace and security. But force woman out of their jobs for stating that sex is real? #IStandWithMaya #ThisIsNotADrill”. 

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Aber wer genau ist diese Maya, mit der sich die Autorin in ihrem Tweet solidarisiert? In ihrem Tweet geht es um die Wissenschaftlerin Maya Forstater, eine studierte Ökonomin, die an der Denkfabrik „Centre of Global Development“ arbeitete. Im März 2019 wurde ihr Arbeitsvertrag dort nicht verlängert, nachdem ans Licht gekommen war, dass sie auf Twitter transfeindliche Beiträge veröffentlichte, wie zum Beispiel: „I think that male people are not women. I don´t think being a women/female is a matter of identity or womanly feelings. It is biology. People of either sex should not be constrained (or discriminated against) if they don´t conform to traditional gender expectations” und weiter an anderer Stelle: “What I am so surprised at is that smart people who I admire, who are absolutely pro-science in other areas, and champion human rights & womens rights are tying themselves in knots to avoid saying the truth that men cannot change into women (because that might hurt mens feelings)”. 

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Londoner Richter entschieden in einem Gerichtsprozess, dass es rechtmäßig Seitens der Arbeitgeber gewesen sei, den Vertrag der Steuerexpertin nicht verlängert zu haben, denn ihre Weltanschauung sei „incompatible with human dignity and fundamental rights of others“.

Doch auch das war noch nicht das Ende. Am Samstag, den 6.Juni 2020 retweetete J. K. Rowling einen Artikel der Website devex.com mit dem Titel: „Opinion: Creating a more equal post-COVID-19 world for people who menstruate” und schrieb dazu: „People who menstruate: I´m sure there used to be a word for those people. Someone can help me out. Wumben? Wimpund? Woomund?”.

Quelle: Twitter
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Nachdem sie mehrere Menschen darauf aufmerksam machten, wie transfeindlich ihr Tweet klang, meinte sie: „If sex is´nt real, there´s no same-sex attraction. If sex isn´t real, the loved reality of women globally is erased. I know and love trans people but erasing the concept of sex removes the ability of many to meaningfully discuss their lives. It isn´t hate to speak the truth.”

Quelle: Twitter
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Irgendetwas passt hier ganz deutlich nicht zusammen. Auf der einen Seite behauptet Rowling, sie „kenne und liebe Trans*Personen“, auf der anderen Seite liked sie Tweets, die Trans*Frauen als „Männer in Kleidern“ bezeichnen oder gar komplett behaupten, Trans*Männer könnten keine richtigen Männer und Trans*Frauen keine richtigen Frauen sein und zieht Ausdrücke wie „People who menstruate“, die Trans*Personen und Nicht-binäre Personen miteinbeziehen, auf ihrem Twitteraccount öffentlich ins lächerliche. 

Nun veröffentlichte die Britin dazu einen Beitrag auf ihrer Website mit dem Titel „J.K. Rowling Writes about Her Reasons for Speaking out on Sex and Gender Issues“. Dort spricht sie darüber wie viel Hass sie nach ihren Äußerungen erhalten hatte. Dass sie aufgrund ihrer Tweets und Likes auf Twitter „Gecancelled“ und mit sexistischen Ausdrücken beleidigt worden sei. Außerdem sei sie als TERF bezeichnet worden, als „Trans-Exclusionary Radical Feminist“, als „trans-ausschließende radikale Feministin“. TERFs gehen davon aus, dass das Geschlecht eines Menschen biologisch festgelegt und damit unveränderbar sei. Wer laut TERFs mit einer Vagina und Brüsten auf die Welt gekommen ist, wird demnach immer eine Frau sein, auch wenn sich diese Person als Trans*Mann identifiziert, sich Testosteron spritzt und Operationen unterzieht. Das gleiche gilt für Menschen, die mit Penis geboren wurden: einmal Mann, immer Mann.

 

In ihrem Essay, den sie auf Twitter mit der Überschrift „TERF war“ postete, gibt J. K. Rowling insgesamt fünf Gründe, warum sie sich zum Thema Transsexualität äußern müsse, denn aus ihrer Sicht gäbe es fünf Gründe „for being worried about the new trans activism“. Einer ihrer Punkte ist, dass sie sehr besorgt darüber sei, dass eine große Zahl junger Menschen, die dachten sie seien Trans*Männer, wieder zurück wollen würden zu dem weiblichen Geschlecht, mit dem sie geboren wurden. Rowling spricht davon, dass vor allem junge Frauen von diesem Phänomen des „Detransitionings“ betroffen seien und weiter behauptet sie, dass immer mehr angebliche Trans*Personen zu dem Geschlecht zurückkehren wollen würden, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Im Jahr 2019 veröffentlichte der Nachrichtensender NBC News genau zu diesem Thema einen Artikel. Der Journalist setzte sich dort mit jener Frage des „Detransitionings“ auseinander und interviewte dazu Trans*Personen und Menschen, die mit Trans*Personen arbeiten. Einer seiner Interviewpartner war Lui Asquith, eine Person, die als Rechtsberater bei der britischen LGBTQ Gruppe Mermaids arbeitet. Asquith sagte dazu: „I think the reason why detransitioning stories are popular in this given time is because it neatly fits into this idea that young people especially are being made to be trans. The media are conjuring up a panic about trans lives, and the first victims of that panic are the young people who are indirectly being told that they´re a phase.” Eine im Jahr 2015 veröffentlichte Studie des U.S.-based National Center for Transgender Equality zeigte auf, dass von den 28,000 befragten Personen nur gerade einmal 8% aussagten, sie hätten ihre Geschlechtsangleichung schon einmal aufgehalten und versucht, rückgängig zu machen. 62% dieser 8% sagten außerdem aus, ihr „Detransitioning“ hätte nur temporär stattgefunden. Als Hautgrund dafür, dass sie ihre Geschlechtsangleichung rückgängig machen wollten, gaben die meisten Druck von den Eltern an. Nur 0,4% der Befragten sagten aus, sie hätten während dem Prozess der Geschlechtsangleichung gemerkt, dass sie in Wirklichkeit gar nicht Trans* seien und seien deshalb wieder zu dem Geschlecht zurückgekehrt, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Eine weitere Studie, die Anträge für Geschlechtsangleichende Operationen von 1960 bis 2010 in Schweden untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass ungefähr 2% der Teilnehmer ihre Geschlechtsangleichende Operation bereuten. Und noch eine andere Studie beschäftigte sich mit der größten Klinik zur Geschlechtsidentität in den Niederlanden. Dort kam heraus, dass von den insgesamt 6,793 Personen, 4,432 Trans*Frauen und 2,361 Trans*Männer, die zwischen 1972 und 2015 für Geschlechtsangleichende Operationen in die Klinik kamen, 0,6% der Trans*Frauen und 0,3% der Trans*Männer ihre Operationen bereuten. Die Klinik betreut über 95% aller Trans*Personen in den Niederlanden. Die Studie kam außerdem zur dem Fazit, dass die Zahl der Menschen, die aufgrund von Problemen mit ihrer Geschlechtsidentität nach professioneller Hilfe suchten, in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen sei. Allerdings konnte kein Anstieg von Menschen festgestellt werden, die ihre Geschlechtsumwandlung bereuten – diese Zahl sei weiterhin sehr niedrig. 

Auch der Punkt Gewalt spielt bei Rowlings Essay eine Rolle. J.K. Rowling schreibt von eigenen Misshandlungen, die sie unter ihrem ersten Ehemann erleiden musste. Sie erlitt häusliche und sexuelle Gewalt und fühlt daher nichts anderes als „Empathie und Solidarität mit Trans*Frauen, die von Männern misshandelt wurden“ und sagt ferner: „So I want transwomen to be safe. At the same time, I do not want to make natal girls and women less safe. When you throw open the door of bathrooms and changing rooms to any man who believes or feels he´s a woman – and, as I´ve said, gender confirmation certificates may now be granted without any need for surgery or hormones – then you open the door to any and all men who wish to come inside. That is simply the truth.” Auffallend an diesem Statement ist, dass sie nicht davon spricht, gewalttätige Cis*Männer könnten eventuell Toiletten, die für alle Geschlechter offen sind, ausnutzen. Nein, ihr geht es ganz explizit um Trans*Frauen, oder wie sie diese nennt „Männer, die denken sie seien Frauen“. Wieder stellt sie die Identität von Trans*Frauen in Frage und bezeichnet sie als Männer. Rowling betont an dieser Stelle außerdem, dass Trans*Frauen für Cis-Frauen anscheinend eine größere Gefahr darstellen sollen als andere Cis*Frauen. Eine schwedische Studie von 1973 bis 2003 befasste sich genau mit diesem Thema und kam dabei zum Schluss auf das Fazit, dass es in der ersten Hälfte der Studie (1973 bis 1988) eine höhere Rate an Kriminalität unter Trans*Frauen gab, die sich in der zweiten Hälfte der Studie bis 2003 nicht mehr feststellen ließ. Die Studie belegt sogar, dass eine höhere Kriminalitätsrate unter Trans*Männern zu verzeichnen ist. 

So schockierend und traurig es auch ist, dass J.K. Rowling die Gewalt, die sie in ihrem Essay schildert, erleiden musste: ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt sind keine Freikarte für Transphobie. Rowling besitzt kein Recht, Trans*Frauen als Männer zu bezeichnen und sie mit den falschen Pronomen anzusprechen. Und sie besitzt kein Recht, Trans*Frauen als Gefahr für Cis-Frauen zu bezeichnen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 zum Thema Transsexualität in den USA deckte die erschreckende Tatsache auf, dass 47% der transidenten Menschen einmal in ihrem Leben Opfer sexueller Gewalt wurden. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass J.K. Rowlings Erfahrungen mit sexueller Gewalt auf keinen Fall heruntergespielt werden sollen. Es ist grausam, dass sie so etwas erleiden musste. Kein Mensch hat so etwas verdient. Was hier gezeigt werden soll, ist wie gefährlich es ist, alle Trans*Frauen öffentlich als Gefahr darzustellen. Amnesty International veröffentlichte in einem Bericht, dass im Jahr 2015 in den USA 21 transidente Personen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität ermordet wurden. Die meisten der Opfer von Hassverbrechen gegen Trans*Menschen sind Trans*Frauen of Color. Für eine Trans*Frau ist es laut Amnesty International 1,6 mal wahrscheinlicher, physiche Gewalt und sexuellen Missbrauch zu erleben und 1,4 mal so wahrscheinlich, an öffenlichen Plätzen angegriffen zu werden. Im Jahr 2019 fielen mindestens 26 Trans*Personen transphoben Hassverbrechen in den USA zum Opfer – 91% davon waren dunkelhäutige Trans*Frauen.

 

Die britische Autorin erntete für ihre Äußerungen heftige Kritik – und das nicht nur von wütenden Twitterusern.  Emma Watson, die in den Harry Potter Filmen als Hermine Granger zu sehen ist, veröffentlichte auf Twitter ein Statement: „Trans people are who they say they are and deserve to live their lives without being constanty questioned or told they aren´t who they say they are”.  Die Schauspielerin gab in ihrem Tweet auch bekannt, an Mermaid und Mama Cash gespendet zu haben, beides Organisationen, die sich für transidente Menschen einsetzen.

Und auch Daniel Radcliffe, der den Zauberschüler Harry Potter in den acht Filmen des Franchise porträtiert, meldete sich öffentlich zu Wort und verfasste einen Essay für „The Trevor Project“: „Transgender women are women. Any statement to the contrary erases the identity and dignity of transgender people and goes against all advice given by professional health care associations who have far more expertise on this subject matter than either Jo [gemeint ist J.K. Rowling] or I. According to The Trevor Project, 78% of transgender and nonbinary youth reported being the subject of discrimination due to their gender identity. It´s clear that we need to do more to support transgender and nonbinary people, not invalidate their identities, and not cause further harm.” Die Human Rights Campaign, die größte LGBTQ Zivilrechtsorganisation, empfing Randcliffs Statement mit offenen Armen und bedankte sich öffentlich auf Twitter bei dem 30-jährigen: „Harry Potter himself affirms, Transgender women are women. 1 million points to Gryffindor!”

Allen Harry Potter Fans, die durch J.K. Rowlings Kommentare verletzt wurden, gibt Daniel Radcliff mit auf den Weg: “To all the people who now feel that their experience of the books has been tarnished or diminished, I am deeply sorry for the pain these comments have caused you. I really hope that you don’t entirely lose what was valuable in these stories to you. If these books taught you that love is the strongest force in the universe, capable of overcoming anything; if they taught you that strength is found in diversity, and that dogmatic ideas of pureness lead to the oppression of vulnerable groups; if you believe that a particular character is trans, nonbinary, or gender fluid, or that they are gay or bisexual; if you found anything in these stories that resonated with you and helped you at any time in your life — then that is between you and the book that you read, and it is sacred. And in my opinion nobody can touch that. It means to you what it means to you and I hope that these comments will not taint that too much.”

J.K. Rowling selbst meldete sich seit der Veröffentlichung ihres Artikels nicht mehr auf Twitter zu Wort.

 

Ob sie ihre, der laut der LGBTQ Gruppe GLAAD, „falschinformierenden und gefährlichen“ Äußerungen noch einmal überdenkt und sich öffentlich für ihre Kommentare entschuldigt, ist, ehrlich gesagt, mehr als fraglich.

 

- Lara Heiße, Chefredakteurin