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Es gibt „die Antifa“ nicht | Erklärung der Bewegung


In den USA entfachte der grausame Mord an dem schwarzen Amerikaner George Floyd durch Polizeibeamte einen Sturm der Entrüstung. Viele, die sich als Teil der Antifa beschreiben, stürmen die Straßen und protestieren gegen Polizweigewalt, Rassismus und vor allem gegen die immer wieder vorkommenden Morde an schwarzen Mitbürger.

Eine Zusammenfassung und Aufarbeitung der Ereignisse.
Achtung: Dieses Video enthält grausame Szenen

In konservativen, rechten und nationalistischen Kreisen ist oftmals von „der Antifa“ die Rede. Sowohl AfD Politiker, als auch CDU und CSU Abgeordnete fordern deren Verbot. Und erst vor Kurzem, am 31.5, twitterte der US-amerikanische Präsident Donald Trump: „The United States of America will be designating ANTIFA as a Terrorist Organization.“ Frei übersetzt schreibt er, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Antifa als terroristische Organisation einstufen werden. Doch das Problem dabei ist: Es gibt die Antifa gar nicht.

Quelle: Twitter @realDonaldTrump
Quelle: Twitter @realDonaldTrump

Antifa, kurz für antifaschistische Aktion oder im Englischen Antifacist Action, ist keine Organisation oder eine organisierte Vereinigung. Sie ist ein Kollektiv von Menschen, die sich anti, also gegen den Faschismus aussprechen und engagieren. Dazu zählen sowohl gewaltbereite und nicht gewaltbereite Linke, als auch ganz normale Bürger.

 

Die Diversität zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass es innerhalb der Bewegung abseits der bürgerlichen Demonstranten viele antifaschistische Strömungen gibt; alleine in Deutschland existiert ein großer Konflikt zwischen Anti-Imperialsten und Anti-Ds, wie sie umgangssprachlich genannt werden. Die einen lehnen die Schaffung eines israelischen Staates durch imperialistische Einwirkung - z.B. seitens der USA - strikt ab, die anderen sprechen sich eben genau für diesen Staat aus.

Dass es nicht nur Aussagen zu geopolitischen Konflikten bzw. der Legitimität von Staaten gibt, zeigen etliche andere Beispiele. Innerhalb der Szene gibt es sowohl Kommunisten, in jeder erdenklichen Ausrichtung (Stalinisten,Trotzkisten, Leninisten, bis hin zu Tito Anhängern), aber auch Anarchisten in diversen Ausführung: Anarcho-Feministen und Anarcho-Kapitalisten sind nur zwei von vielen Beispielen.

 

Dass die meisten dieser Ideologien wenig bis gar nicht miteinander kompatibel sind, zeigte sich schon im spanischen Bürgerkrieg, als sich die internationalen Brigaden eher darum bemühten, ihre eigenen innerkulturellen Konflikte zu lösen, als sich dem Hauptfeind - Franco und seinen faschistischen Truppen - entgegen zu stellen. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland rangen die SPD und die KPD, die sich beide als antifaschistisch verstanden, um die Hoheit der eigenen politischen Ideologie, anstatt gebündelt gegen Hitler vorzugehen.

Selbst heute existieren diese Konflikte noch. Nicht erst einmal kam es auf linken Demonstrationen zu Ausschreitungen zwischen einzelnen politischen Lagern. Und auch abseits der Straße können sich viele linke Gruppierungen aufgrund der eigenen Überzeugungen nicht ausstehen.

 

Erst vor einigen Jahren zeigte sich mehr oder weniger die ganze Vielfalt der Bewegung. Als beim G20 Gipfel in Hamburg die Nachrichten vor allem durch die Gewalt des sogenannten „schwarzen Blocks“ dominiert wurden, in dem sich unter anderem gewaltbereite Antifaschisten, Autonome und Globalisierungsgegner gegen die Polizei stellten, gab es auch dort bürgerliche Demonstranten, die friedlich für ihre Interessen einstanden.

Ralph Ruthe, bekannter Comic Illustrator schrieb gestern, am 1.6., auf Twitter: „Ich bin Antifaschist. Man ist Antifaschist, wenn man gegen Faschismus ist - entweder man ist gegen ihn, oder man akzeptiert/befürwortet ihn. Man kann Faschismus gegenüber keine neutrale Position haben.“ Der Künstler ist durchaus für seine Einstellung gegen rechts bekannt, allerdings spricht er sich auch offen gegen jegliche Form von Gewalt aus. Und auch der offizielle Account des SPD Parteivorstands schrieb gestern auf Twitter: „157 [gemeint sind Jahre seit Gründung, Anmerkung der Redaktion] und Antifa. Selbstverständlich.“ Damit meinen auch die Sozialdemokraten nicht, dass sie Polizisten nieder prügeln wollen, sondern, dass sie sich dem friedlichen Kampf gegen den Faschismus verschrieben haben.

Quelle: Twitter @ralphruthe
Quelle: Twitter @ralphruthe
Quelle: Twitter @spdde
Quelle: Twitter @spdde

Die Antifa ist also nicht nur der vermummte, gewaltbereite Teil, den viele in der Bewegung übrigens ablehnen und sich davon distanzieren. Die Antifa besteht aus allen Menschen, die sich nationalistischen, faschistischen, rassistischen und autokratischen Ideen und Handlungen in den Weg stellen. Und das sind auch normale Bürger und Demokraten. Die Antifa ist ein Kollektiv, zu dem sich jeder bekennen kann. Dass es dort nicht nur friedfertige Mitstreiter gibt, ist nicht abzustreiten, dennoch sind die meisten Antifaschisten nicht gewaltbereit. Genauso wenig gibt es in der antifaschistischen Bewegung eine alles bestimmende Direktive oder Agenda, jeder kämpft für seine eigene Überzeugung, verbunden im Kampf gegen den Faschismus in jeglicher Form.

Und eben aus diesem Grund kann man die Antifa nicht verbieten. Genauso wenig, wie der Verfassungsschutz die Antifa beobachten kann. Er kann einzelne Gruppierungen beobachten, denn die Antifa als solches gibt es nicht.

 

Luca M Schallenberger, Chefredakteur

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Kommentare: 3
  • #1

    Tom (Dienstag, 02 Juni 2020 12:30)

    Wäre es vielleicht möglich Quellen für diese Behauptungen zu nennen? Das eine Terrororganisation normalerweise keine Adresse hat oder einen gewählten Vorstand ist doch völlig normal. Die RAF ist auch nur ein kollektiv, genauso wie Alkaida.... Trotzdem sind diese beiden Organisationen verboten. Warum regt ihr euch darüber auf, dass Trump eine Gewaltbereite Organisation verbieten möchte, welche meistens als Antifa zusammengefasst wird? Klar gibt es anti Faschichsten die mit diesem Teil des Kollektivs, wie ihr es nennt nichts zu tun haben, aber genauso könnte man dann argumentieren, dass manche rechts extreme Organisationen nicht verboten werden dürfen, weil es dort auch gemäßigtere Mitglieder gibt.... Sich gegen Nationalssozialismus, Extremismus etc. Zu engagieren möchte ja auch keiner verbieten, sondern lediglich den Gewaltbereiten Teil der regelmäßig Autos und Häuser anzündet , Polizisten mit steinen bewirft oder Politiker bedroht. Gewalt gehört nun mal verboten, vorallem wenn man seine politische Meinung damit Ausdrückt. Ihr nehmt mit diesem Artikel nur tatsächliche Straftaten in den Schutz, welche menschliches Leid und wirtschaftlichen Schaden verursacht haben und verursachen werden und das ist eindeutig der falsche Weg. Man muss kein Fan von Trump sein, aber man muss nicht in jeder seiner Aussagen das Haar in der Suppe finden und damit auch noch politisch motivierte Straftäter in den Schutz nehmen.... Wenn Trump sagen würde, dass der NSU verboten gehört, würdet ihr dann auch einen Artikel darüber schreiben, dass das ja gar keine Organisation ist, weil es ja nicht die Definition von einer Organisation erfüllt und man es deswegen nicht verbieten kann? Ich denke mal, dass ihr das nicht tun würdet, weil euch dann Trumps Meinung in eure politische Weltanschauung passen würde.... Man muss aber auch mal akzeptieren, dass es ebenfalls Straftaten auf linker Seite gibt, welche man erwähnen sollte. Extremismus der Gewalt verursacht ist auf beiden Seiten schlecht....

  • #2

    Luise (Dienstag, 02 Juni 2020 16:38)

    Seit wann besteht denn die Antifa aus "normalen" Menschen?

  • #3

    Felix (Dienstag, 02 Juni 2020 18:47)

    In eurem Beitrag schreibt ihr ja richtigerweise "Die Antifa ist also nicht nur der vermummte, gewaltbereite Teil, den viele in der Bewegung übrigens ablehnen und sich davon distanzieren."
    Dies geht aber bspw. nicht aus dem Tweet der SPD hervor. Beim Tweet von Ruthe jedenfalls wird diese Differenzierung getroffen & ich persönlich finde diese sehr wichtig. Das ist auch meiner Meinung nach das, was CDU/CSU hauptsächlich kritisieren.
    Ich finde den Satz: "Jeder Demokrat ist Antifaschist und aber nicht jeder Antifaschist Demokrat" einfach treffend. Deswegen muss man sich als Antifaschist zwangsweise vom "vermummte[n], gewaltbereite[n] Teil" distanzieren!