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"Gutmensch" Charles Junior im Interview


Dieser Videoclip soll Menschen in allen Lebenslagen Mut machen: Das Multiplexkino Cinecitta in Nürnberg hat einen ganzen Sommer lang das Musikvideo „Gutmensch“ von Charles Junior im Filmvorspann gezeigt. Mit fröhlichen Beats und Videoaufnahmen, die das vielseitige Leben in der Nürnberger Innenstadt festhalten, hat der junge Künstler auf der Kinoleinwand sämtlichen Formen von Diskriminierung die Stirn geboten. Vom lesbischen Pärchen, das sich vor der Lorenzkirche küsst, bis zum Mann im Rollstuhl, der heiter in die Kamera lacht, zeigt das Video Kinobesuchern die verschiedenen Lebensperspektiven in Nürnberg auf, um für ein solidarisches Zusammenleben zu werben. „Ich teile meinen Schmerz mit euch, öffne mein Herz für euch. Dieser Track ist für alle, die es brauchen“, sang sich der Musiker noch vor Filmbeginn in die Herzen der Zuschauer.

 

Charles Junior
Charles Junior

Charles Junior wollte vor allem andere junge Menschen mit dieser Kinobotschaft begeistern. Mit dem erhobenen Zeigefinger könne man die junge Generation nicht erreichen, ist der Künstler überzeugt. Das Musikvideo hat er gemeinsam mit der Beauftragten für Diskriminierungsfragen Ipek Erdönmez vom Menschenrechtsbüro Nürnberg entwickelt. Sein Ziel war es, die schönen Seiten einer diskriminierungsfreien Gesellschaft aufzuzeigen, anstatt zu kritisieren und zu ermahnen.

 

Wer letzten Sommer die Chance verpasst hat, Charles Junior auf der großen Leinwand zu sehen, kann sich seinen Ohrwurm vom Lied „Gutmensch“ immer noch auf Youtube einfangen. Auch wer von dem Charme des jungen Künstlers nicht genug bekommen kann, findet dort und auf Spotify noch viele weitere Songs. 

Wir haben mit Charles Junior gesprochen, um mehr von dem jungen Mann zu erfahren, der dem Kampf für Solidarität seine Stimme geliehen hat.

 

"Ich habe also gerappt, was mir gerade eingefallen ist."

 

Wann hast du mit dem Rappen angefangen und wie hat sich dieses Hobby entwickelt?

Ich habe mit etwa 17 oder 18 Jahren angefangen zu rappen. Davor habe ich schon mit 14 Jahren einen Rapper in einem Musical gespielt. Dazwischen war lange Zeit nichts. Die ganze Rapszene habe ich so ein bisschen durch meinen Bruder erfahren, der kam da schon früher rein. Ich bin mit ihm gemeinsam mal auf eine Live-Rap-Show gegangen und habe mich dort selbst auf die Bühne getraut, habe mir das Mikrofon geschnappt und irgendwas „gefreestylt“. Ich habe also gerappt, was mir gerade eingefallen ist. Das hat mir ziemlich viel Spaß gemacht, deswegen habe ich daran gearbeitet. Am Anfang ist man natürlich nicht direkt gut, kein Meister ist vom Himmel gefallen, aber ich habe mich mit der Zeit immer weiter gesteigert und verbessert. Ja, das war irgendwann eine Leidenschaft für mich.

 

Plötzlich berühmt: Wie ist es, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Das Event mit der Kinoleinwand war natürlich sehr aufregend. Ich war super gespannt. Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte zuvor ja auch schon einen Song, der regelmäßig im Club lief. Da waren dann 600 oder 700 Menschen, die zur Musik abgedanct haben. Ich stand neben den Leuten und die wussten gar nicht, dass der Song von mir ist. Also war sehr cool, aber mittlerweile habe ich mich ein bisschen daran gewöhnt.

 

Wie ist die Idee zum Musikvideo „Gutmensch“ entstanden?

Wir wollten so viele diverse Menschen wie möglich reinbringen und am Anfang habe ich auch ganz vielen Menschen geschrieben und gefragt, ob sie teilnehmen wollen. Wir haben gemerkt, dass es sehr schwierig ist, das Ganze zu koordinieren. Also dachten wir uns: Wir nehmen einfach mal die Kamera, laufen durch die Innenstadt und fragen Menschen, ob wir sie für einen guten Zweck filmen dürfen. Es geht ja um Antidiskriminierung und jeder Mensch sollte sich damit ein bisschen befassen. Viele haben das dann auch super gerne gemacht. Das hat ziemlich gut funktioniert.

Warum hast du den provokanten Liednamen „Gutmensch“ gewählt?

Das Thema Antidiskriminierung und Toleranz wird auf negative Art und Weise Gutmenschen unterstellt. Eigentlich sollte es etwas Positives sein, ein guter Mensch zu sein, deswegen wollte ich die Beleidigung mit dem Songtitel entkräftigen und sagen: „Ich bin ein Gutmensch. Ich stehe für Gleichberechtigung und Antidiskriminierung und deswegen finde ich das eine gute Sache, ein Gutmensch zu sein.“

 

Deutscher Rap ist mit schweren Vorwürfen des Antisemitismus und Sexismus beladen (Siehe Echo-Verleihung: Printausgabe des Direkt. Magazins Nummer 1). Hat die Rapszene ein Problem mit diskriminierenden Texten?

Ich kann leider nicht im Namen der gesamten Rapszene sprechen, weil ich mich selbst auch gar nicht so als Rapper sehe, sondern eher als Künstler. Ich schreibe sehr gerne Texte und die packe ich dann auf einen Beat. Ob ich damit ein Rapper bin, oder ein Texter oder ein Künstler, das weiß ich auch nicht. Ich kann mich selbst mit der Rapszene im Ganzen nicht so direkt identifizieren. Wir haben ähnliche Stile, sag ich mal, wir gehen da in eine ähnliche Richtung. Aber ich habe einfach das gemacht, was mir Spaß macht. Ich persönlich halte nichts von Antisemitismus, Sexismus oder sonst was. Das mache ich klar und deutlich mit meinen Texten. Was andere Menschen mit ihrer Kunst machen, müssen sie selbst wissen und dafür geradestehen.

 

Stehen noch weitere musikalische Projekte an?

Ich habe vor ein paar Monaten mein drittes Album veröffentlicht, das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Ich habe jetzt sehr viele Lieder online, die man sich anhören kann. Ich möchte mich jetzt aber auf meine Firma „GroupMovement“ konzentrieren. Wir machen Werbekonzepte für Firmen, darunter Fotos und Videos. Das ist gerade eine sehr coole und spannende Sache, in der mich wieder kreativ ausleben kann. Ich glaube, musikalisch habe ich dieses Vergnügen schon gehabt.

 

Wir bedanken uns herzlich für das aufschlussreiche Interview!

 

- Interview durch: Nellie Zienert, Redakteurin

 

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