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Marriage Story - ein Scheidungsdrama, das gut tut


„Marriage Story“. So heißt das neue Drama des renomierten US – amerikanischen Drehbuchautors und Filmregisseurs Noah Baumbach, das am 29.August diesen Jahres auf den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere feierte und am 6. Dezember von der Streamingplattform Netflix ins Programm aufgenommen wurde. Der noch sehr junge Film wurde bereits unter anderem mit vier Gotham Awards ausgezeichnet, sowie zwei Hollywood Film Awards und er wurde außerdem in die TOP 10 der besten Filme 2019 des American Film Institute aufgenommen. Aber nicht nur mit Auszeichnungen kann der Film glänzen, sondern auch mit seinem Cast. Star Wars Fans dürften gleich zwei Gesichter wiedererkennen: Kylo Ren - Darsteller Adam Driver schlüpft auch in Baumbachs Werk wieder mit „Charlie Barber“ in die Hauptrolle, Schauspielerin Laura Dern, bekannt als Vizeadmiral Holdo, ist als Nebendarstellerin „Nora Fanshaw“, die schillernde Scheidungsanwältin, zu sehen. An Adam Drivers Seite spielt Weltstar Scarlett Johansson „Nicole Barber“, die auch in dieser Rolle wieder mit ihrem Talent überzeugen kann.

Wer das Wort „Scheidungsdrama“ hört, denkt im ersten Moment wahrscheinlich an laute Streitereien, zerbrochenes Porzellan, tränennasse Gesichter und Schmerz. Noah Baumbachs Meisterwerk ist jedoch so viel mehr als das.

Er, Charlie, ist Regisseur in einem New Yorker Off-Broadway-Theater. Sie, Nicole, spielte über Jahre hinweg die Hauptrollen in seinen Stücken und fühlt sich immer mehr durch ihn in den Schatten gestellt und nicht ernst genommen. Er dagegen kann ihre Bedenken kaum nachvollziehen und ist mit der von ihr eingereichten Scheidung Anfangs völlig überfordert. Ab hier beginnt für beide eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Der Zuschauer bekommt in „Marriage Story“ nicht nur tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele, sondern auch in das Geschäft, das sich hinter einer Scheidung verbirgt. Denn letztendlich ist Scheidung genau das: ein Geschäft oder besser gesagt ein großes Spiel, das nicht nur Gewinner kennt sondern auch Verlierer. Monopoly im großen Stil. Driver und Johansson haben beide großen Applaus für ihre Performances verdient. An keiner Stelle wird einem einer der beiden Charaktere unsympatisch, beide haben ihre Stärken und Schwächen, beide machen Fehler. Beide sind menschlich. Sie zeigen uns, wie schmerzhaft es ist, die Person, die man einst am meisten geliebt hat, gehen zu lassen. Sie zeigen uns, dass man jemanden noch so lieben kann, es aber am Ende trotzdem nicht reicht, um weiterhin eine für alle Parteien gesunde Beziehung zu führen. Sie zeigen uns, dass man trotz einer gescheiterten Ehe den Ex-Partner nicht hassen muss. Dabei verschönt der Film jedoch nichts oder rutscht in die Romantisierung des Herzschmerzes ab.

Quelle: Netflix/Marriage Story
Quelle: Netflix/Marriage Story

In einer fast zehn Minütigen Szene, dem „Showdown“ der Geschichte, geraten Charlie und Nicole in einen heftigen Streit. Angefangen als ruhiges Gespräch reden sich beide immer mehr in Rage, bis sie sich unter Tränen Dinge an den Kopf schmeißen, die sie eigentlich überhaupt nicht so meinen. Doch die Wut auf den anderen ist so groß, dass selbst Aussagen „Ich wünschte, du würdest sterben!“ beinahe schon hysterisch in den Raum geschrien werden. Doch die Reue lässt nicht lange auf sich warten. Keiner der beiden stürmt wutentbrannt aus dem Zimmer, niemand wird handgreiflich. Charlie bricht weinend zusammen, klammert sich hilfesuchend an Nicoles Beine und presst sein tränennasses Gesicht in ihren Bauch. Nicole streichelt ihn zwischen den Schulterblättern und über das Haar. Ruhe kehrt ein. Die Szene hat schon fast eine heilende Wirkung. Die ganze aufgestaute Wut, das Unverständnis, der Hass – rausgelassen. Was bleibt ist nur noch der rohe Schmerz und die Trauer, die vor allem von Charlie so lange unterdrückt wurden. Das ist das, was den Film so besonders macht: er ist echt. Die Gefühle und Emotionen der Charaktere wirken nicht gekünstelt oder gestellt. Jede Träne, jedes Wort ist an der richtigen Stelle. Der Zuschauer soll nicht Partei ergreifen. Beide, Charlie und Nicole, sind am Ende. Die Liebe zwischen ihnen? Erloschen. Was bleibt? Ein gemeinsamer Sohn. Baumbach zeigt respektvoll die Beziehung zwischen Eltern und Kind in diesen schweren Zeiten, ohne sie oder ihn dabei als den Bösewicht darzustellen. Henry, der Sohn, befindet sich zum Großteil des Films in einer „Mama-Phase“, doch das heißt nicht, dass er seinen Papa deswegen weniger liebt. Charlie will für ihn da sein und kämpft für ihn. Wir sehen keinen Vater, dessen Kind ihm egal ist. Wir sehen keinen Vater, der sein Kind ohne mit der Wimper zu zucken gegen eine neue Frau und den perfekten Job eintauschen würde. Wir sehen einen Vater, der verzweifelt versucht, die Beziehung zu seinem Sohn, die Scheidung und die Produktion seines neuen Theaterstückes unter einen Hut zu bringen. Eine Produktion, die im Laufe des Films mehr und mehr in den Hintergrund des Geschehens rückt – denn es gibt wichtigeres. Wir sehen aber auch keine Mutter, die versucht, dem Vater das Kind wegzunehmen. Sondern wir sehen eine Mutter, die die Beziehung zwischen den beiden fördert und die sich dafür einsetzt, dass beide 50% des Sorgerechts für Henry bekommen. Sie verzichtet auf Tage mit ihrem Kind, sodass Vater und Sohn Zeit miteinander verbringen können. Denn eines haben die beiden immer noch gemeinsam: Die Liebe zu Henry. Und den gegenseitigen Respekt. Sie sind sich nicht zu Schade, sich beim anderen zu entschuldigen. Sie versuchen angestrengt, die Scheidung so sauber und schmerzlos wie nur irgendwie möglich zu halten.

 

Dass das nicht immer gelingt, zeigt uns Baumbach deutlich. Der Zuschauer lacht mit den Charakteren, schmunzelt hier und da – und er weint. Denn am Ende des Tages ist „Marriage Story“ keine Geschichte über eine glückliche Ehe, sondern eine Geschichte über eine Scheidung. Und egal wie respektvoll die beiden Parteien miteinander umgehen: Das Ende einer Beziehung ist immer schmerzhaft. Und das darf es auch. Aber der Film zeigt uns eben auch, dass es manchmal besser ist, getrennte Wege zu gehen, um wieder glücklich zu werden – auch, wenn es weh tut. Noah Baumbach schafft mit „Marriage Story“ so viel mehr als eine bittere Scheidungsgeschichte. Er schafft eine Scheidungsgeschichte, die gut tut.

 

- Lara Heiße, Chefredakteurin

 

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