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Ein Jahr ohne Artikel 377 in Indien


Indien ist nach der Volksrepublik China mit fast 1,3 Milliarden Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat unseres Planeten. Doch über 160 Jahre lang litt das Land unter einem Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellte. Vor heute fast genau einem Jahr kippte das Oberste Gericht Indiens endlich den umstrittenen Artikel 377 und legte damit einen Meilenstein im Kampf der LGBT-Community um Akzeptanz und Gleichberechtigung. Paragraf 377 des indischen Strafgesetzbuches verbot jede Art von Sex, die nicht streng der Fortpflanzung diene, genauer gesagt jeden „fleischlichen Verkehr wider der natürlichen Ordnung“.

 

Ein Verbot, das jede Art von Sex, die nicht streng der Fortpflanzung diene, verbietet.

 

Neben Sexualpraktiken wie dem Oralverkehr stufte §377 somit auch den Geschlechtsverkehr zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Menschen als Verbrechen ein. Die Wurzeln des Gesetzes reichen bis in das Jahr 1862 zurück, in die Zeit, als Indien noch Teil der britischen Kolonie British-India war. Erst am 15. August 1947, vor nicht einmal 100 Jahren, wurde Indien unabhängig von der britischen Krone und British-Indien teilte sich auf in das uns heute bekannte Indien auf der einen und Pakistan auf der anderen Seite. Bis zur Abschaffung des von den Kolonialherren eingeführten Gesetz im Jahr 2018 konnte zur Anzeige gebrachte Homosexualität im schlimmsten Fall mit einer lebenslangen Haftstrafe bestraft werden.

 

Lebenslange Haftstrafe

 

Die Bundesrichter nannten jedoch nun den Artikel in ihrem einstimmigen Urteil willkürlich, unvernünftig und verfassungswidrig, da er Menschen auf Grund von ihrer sexuellen Orientierung diskriminiere. Diese Entscheidung ist nicht nur für die queere Community Indiens ein großer Erfolg, sondern die Akzeptanz von Homosexuellen fällt auch in die Umsetzung des 10. Ziels der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, das für die Verringerung der Ungleichheit zwischen und in Ländern steht. Der Entschluss, Homosexualität nicht mehr gesetzlich unter Strafe zu stellen, ist ein wichtiges Symbol für Gleichberechtigung und macht Hoffnung, dass irgendwann vielleicht niemand mehr für seine sexuelle Orientierung eingesperrt oder gar hingerichtet werden kann. Auch heute noch gilt Homosexualität in über 70 Ländern der Erde als Straftat, in einigen droht Mitgliedern der LGBT-Community bis heute die Todesstrafe.

Kommentar

Die weltweite Situation der LGBTQIA-Community war schon immer ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen lag. Durch meine Arbeit im Nürnberger Menschenrechtszentrum hatte ich die Möglichkeit, noch tiefer in die Thematik einzusteigen, noch mehr von der globalen Lage der Community zu erfahren. Dadurch bin ich auch vor einiger Zeit auf das Thema „Artikel 377“ in Indien gestoßen – und war geschockt. Über 100 Jahre mussten Menschen unter einem Gesetz leiden, das Kolonialherren eingeführt hatten. Umso mehr freute ich mich, als sich die Bundesrichter endlich einstimmig entschieden, den Paragrafen nach all der Zeit abzuschaffen und at acta zu legen. Zeit wird’s! Ich wünschte, Entscheidungen wie diese wären eine Selbstverständlichkeit und niemand müsste mehr darum kämpfen, den lieben zu dürfen, den er möchte, aber an diesem Punkt sind wir leider noch lange nicht. Das ist auch die Antwort, die ich jedem gebe, der sich fragt, warum wir heute noch, 50 Jahre nach Stonewall, jedes Jahr während des Christoper Street Days auf die Straße gehen und für Akzeptanz und Gleichberechtigung demonstrieren. Wir sind noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem wir das nicht mehr müssen. Wir demonstrieren hier nicht nur für uns. Wir demonstrieren auch für all die, die es nicht können. Für die, die von ihren eigenen Regierungen für ihre sexuelle Orientierung verfolgt werden, eingesperrt oder mancherorts gar hingerichtet. Wir demonstrieren auch für all die, die es nicht mehr können. Für die, die ihr Leben aufgrund von Intoleranz und Hass verloren haben. Nachrichten, wie die, dass Artikel 377 abgeschafft wurde, machen Hoffnung darauf, dass wir vielleicht irgendwann nicht mehr auf die Straße müssen, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Aber solange nicht alle Mitglieder der LGBTQIA+ Community frei und ohne Angst vor den eigenen Nachbarn, Eltern oder der eigenen Regierung leben können, geht der Kampf weiter. Und an jeden, der mit Intoleranz gegenüber der eigenen Identität zu kämpfen hat: Stay Strong. Es wird besser. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber es wird. Aufgeben ist keine Option. 

 

- Lara Heiße, Chefredakteurin

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