· 

Kläranlage: Exklusive Einblicke in ein hochkomplexes Gebäude (+Bilder/Videostrecke)


Komm’se rein, könn’se rausschaun!“ - Die neue direkte. Reportagereihe

 

Eine neue Reportagereihe von und mit Aaron, eurem rasenden Reporter auf der Suche nach eher unbekannten Berufen in der Region. 

Ausgabe eins führt in die Fürther Kläranlage. Viel Spaß beim Lesen meines Erfahrungsberichts!

 

Liegenschaft Erlanger Straße 105x. Dienstag, 13. August 2019, neun Uhr. 

Mein Verlobter und ich gehen auf das Tor zu und werden bereits von Herrn Weilgony erwartet. Nach einer freundlichen Begrüßung begeben wir uns direkt in das Noch-Verwaltungsgebäude. Vor den Toren des Geländes wird seit geraumer Zeit ein neues Verwaltungsgebäude gebaut. Aber das dauert noch eine Weile…

Wir kommen an einem der beiden Faultürme vorbei, die wir uns später noch genauer ansehen werden.

Kläranlage Fürth Außenansicht
Bild: Aaron

Wenn ihr daheim den Wasserhahn aufdreht, dann seht ihr nur einen winzig kleinen Teil eines riesigen Netzwerks an Infrastruktur, Personal und Expertise. Das Wasser wird irgendwo „erzeugt“, aufbereitet, zu euch transportiert und kommt schließlich aus dem Rohr.

Dann fällt es ein paar Zentimeter weiter unten ins Waschbecken, fließt über ein anderes Rohrnetzwerk zur Kläranlage, wird dort wiederaufbereitet und dann in den Fluss geleitet. Wir beschäftigen uns im Folgenden mit dem Teil ab dem Waschbecken oder dem Klo. Genauer gesagt, wenn das Abwasser die Kläranlage erreicht. Die komplette Abwasserhandhabung zwischen eurem Waschbecken und der Kläranlage bis in die Regnitz, genauso wie das Regenwasser im Gulli, obliegt dem Einflussbereich der Stadtentwässerung.

 

Am Eingang des alten Verwaltungsgebäudes erblicken wir drei kleine Zwiebelmännchen in bekannter Aufreihung. Kurz frage ich mich, ob sie sich wohl auf die Dinge beziehen würden, die ich im Laufe des Rundgangs erblicken würde? Ich würde es bald erfahren.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Im Büro warten schon Herr Simon und Frau Haase auf uns. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde stellen wir die ersten Fragen. 

Momentan sei es schwierig, Facharbeitskräfte für diese wichtige kommunale Aufgabe zu finden. Der öffentliche Dienst, zu dem auch die Arbeit in der Kläranlage gehört, sei nicht wirklich begehrt. Es sei ein „anrüchiges Geschäft“, schließlich würde hier kein Parfum erzeugt werden. Das wird es im Zoo zwar auch nicht, dort kommen auf eine Stelle aber 800 Bewerber. Hier: eher niemand. 

Dabei erwarten potenzielle Neuankömmlinge eine Vielzahl an Betätigungsfeldern und die Gewissheit, eine notwendige und interessante Aufgabe zu bewältigen. Es spannt sich ein großes Angebot an Einsatzmöglichkeiten zwischen Universitätsabschluss und Handwerksausbildung auf, in dem fast jede Person eine für sie geeignete Beschäftigung finden kann: Das reicht von der Verwaltung mit klassischen Büroaufgaben über die „Gewerblichen“, also Schlosser, Elektriker und Fachkräfte für Abwassertechnik, bis hin zu Laboranten und Analytikern für das Wissenschaftliche. Außerdem sind die Vorzüge des öffentlichen Dienstes eine feste Arbeitszeitregelung, Familienfreundlichkeit und ein fester Einsatzstandort. Nur eigene Klärbeckentaucher haben sie nicht, dafür kämen Externe.

Allerdings wird z.Z. in der Fürther Kläranlage nicht ausgebildet. In Zukunft eventuell bedarfsorientiert.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Wie bei so vielen öffentlichen Dienstleistungen wurde auch hier versucht, zu privatisieren. Glücklicherweise ist dies an Protesten der Bürger vor Ort und der Aufklärungsarbeit an der Bevölkerung seitens des Klärwerks gescheitert. Für die Zukunft arbeitet die Fürther Kläranlage daran, mit einer eigenen Energieerzeugung autark zu werden, #nachhaltigkeit und so.

 

Jedoch gibt es eine zunehmende städteübergreifende Kooperation der Abwasserwirtschaft, z.B. gemeinsame Projekte oder Austausch von Personal. Die Wasserwirtschaftsämter der jeweiligen Regionen überprüfen mit laufenden Kontrollen die Qualität der Abwasserreinigung. Und gerade hier an der Stadtgrenze zu Nürnberg kommt es zu einer kuriosen Konstellation: Jedes Gebäude mit Abwasser muss an das jeweilige städtische Abwassernetz angeschlossen werden. Wer den „mömax“ an der Stadtgrenze kennt, denkt sich bestimmt, dass dessen Abwasser in die dahinter liegende Nürnberger Kläranlage fließt. Aber so ist das gar nicht: Da das Grundstück zum Gemeindegebiet der Stadt Fürth gehört, fließt das „mömax“-Abwasser nicht 50 Meter weiter nach Norden, sondern mehrere Kilometer nach Westen zur Fürther Kläranlage.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Für die interne Sicherheit ist auch gesorgt: Auch wenn die Fürther Kläranlage (noch) nicht als systemkritische Einrichtung gehandelt wird (anders als die Kläranlage in Nürnberg z.B.), sind trotzdem alle internen Systeme vom Internet abgekoppelt. Außerdem ist der Standort inzwischen hochwasserfrei, es gibt ein Notstromaggregat und an der Regnitz bzw. den beiden Quellflüssen (der Zusammenfluss der Rednitz und der Pegnitz liegen ein paar Meter weiter südlich) liegen keine kritischen Chemie- und Industriebetriebe flussaufwärts der Fürther Kläranlage, sodass normalerweise auch keine großen Herausforderungen mit dem Abwasser angeschwemmt werden.

 

Brenzlig wird es aber, wenn z.B. ein Großbrand oder ein Betankungsunfall passiert. Da ist dann Koordination zwischen Feuerwehr und Stadtentwässerung (Kanalbetrieb und Kläranlage) gefragt: Vor einer Weile kam es zu einem dieser Unfälle, als ein mit vanadiumhaltigen Flüssigabfällen zu beladender LKW Leck schlug und das kontaminierte Abwasser über die Oberflächenwasserleitungen in die Kläranlage zu fließen drohte. Da wurde kurzerhand ein Stauraumkanal (so ähnlich wie ein sehr dickes, leeres Rohr im Boden) geschlossen und der kritische Flüssigabfall darin aufgefangen. Danach wurde dieser von Spe-

zial-LKW ausgepumpt und in ein leerstehendes Reservebecken auf dem Klärwerksgelände geleitet. Dort wartete die vanadiumkontaminierte Flüssigkeit auf ein spe-zialisiertes Entsorgungsunternehmen, und es entwich kein giftiges Vanadium in die Umwelt.

 

Vorbei an der Gasfackel, die überschüssiges Gas aus dem Faulturm verbrennt, falls die Bakterien dort drin mal besonders gute Laune haben, geht es zum Laborbereich.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Grob gliedert sich dieser in vier Bereiche.

Der erste ist das nasschemische Labor. Hier befindet sich die Analytik, die durch laufende Kontrollen u.a. den Ammoniumgehalt der aus verschiedenen Stationen der Abwasserklärung entnommenen Proben ermittelt. Dieser Arbeitsplatz scheint v.a. attraktiv für Frauen zu sein; der Großteil der Beschäftigten in diesem Bereich ist weiblich. Größer ist die Diversität bei den Farben der einzelnen Proben. Außerdem gibt es hier ein Photometer, das viel genauer als ein menschliches Auge erkennen kann, welchen Farbton genau eine Probe hat.

Reagenzgläser Kläranlage Fürth Labor
Bild: Aaron

Der zweite Bereich ist mit einem Atomabsorptionsgerät ausgestattet. In diesem werden vorbereitete Schlammproben atomisiert (sehr heiß!) und in diesem entstehenden Plasma dann eventuelle Schwermetalle ermittelt. Das ist wichtig, denn Schwermetalle wie Blei, Cadmium oder Nickel sind v.a. für Wasserorganismen extrem schädlich. Und diese Stoffe sollten partout nicht am Ende in den Fluss gelangen.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Die physikalische Überprüfung ist der dritte Laborbereich. Hier werden in langen Glastrichtern, die eine festgelegte Zeit ruhen, Abwasserproben auf das Absetzen von Schlamm und anderen Feststoffen untersucht. 

Immer öfter sammeln sich da v.a. Steine und Sand. Das liegt auch daran, dass immer mehr Wasser gespart wird und die Abwasserkanäle nicht richtig gespült werden. Wenn es dann mal aus dem Gulli riecht, liegt es daran, dass die Feststoffe im Abwasser bereits im Rohr anfangen, sich zu zersetzen. Ironischerweise entstehen der Gesellschaft durch das Wassersparen mehr Kosten, denn die Rohre müssen dann öfter gereinigt werden.

Im vierten Bereich wird v.a. durchs Mikroskop geblickt, denn das Mikroskopbild des sog. Belebtschlamms ist ein wichtiges Instrument zur Eigenüberwachung einer Kläranlage. Veränderungen in der Zusammensetzung der Mikroorganismen können frühzeitig auf Ungleichgewichte hinweisen, noch bevor diese chemisch nachweisbar wären.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Industrie und Gewerbe besitzen inzwischen schon eigene Abwasser(vor-)behandlung: Eine Waschstraße z.B. muss einen sog. Koaleszenzabscheider besitzen: Dort wird Motoröl u.ä. abgeschieden und extra entsorgt, statt dass das Öl mit dem Abwasser in der Kläranlage landet.

 

Wir verlassen das Labor und gehen ein Stück rüber zur ersten Station der Abwasserklärung.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

In dieser Halle stehen jeweils zwei Grob- und Feinrechen. Diese fischen in bestimmten zeitlichen Abständen alle greifbaren Feststoffe aus dem Abwasser, die sich in den verschieden breiten Metalllamellen verfangen, ab und kippen die Masse in eine Presse, die das Wasser auspresst und das Trockengut dann in große Container verfrachtet.

Eine Myriade an Mikroorganismen hat sich bereits an die Arbeit gemacht und beginnt mit der Zersetzung des Abwassersalats. Dabei entsteht ein Haufen Wärme. Lange bleibt das aber nicht so: Diese Masse wandert zügig in die Müllverbrennung.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Unter uns fließt das gesamte Abwasser der Stadt Fürth durch, zwischen 80 und 500 Liter pro Sekunde. Maximal sind z.Z. 1.400 l/s drin, bald soll auf 2.100 l/s ausgebaut werden.

Es riecht etwas streng, aber nicht so eklig wie erwartet. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Seitentüren kurz vor unserem Besuch geöffnet wurden. Beim Betreten wird uns aber gesagt, dass wir ab sofort am besten nichts mehr anfassen mögen, wegen Infektionsgefahr. Nachvollziehbar.

Kondom im Müll
Bild: Aaron

Leute: Safer Sex ist wichtig, aber bitte nicht im Abwasser! Abfall gehört in die Tonne, und nicht ins Klo.

Ich bin etwas erstaunt, dass dieses fehlplatzierte Kondom so offensichtlich oben auf dem Haufen liegt, wo ich doch sonst in den beiden großen Wannen nicht wirklich einzelne Dinge ausmachen konnte. Dann denke ich aber nach, was wohl sonst noch so in den Tiefen dieses Containers lauert, und gehe lieber einen Schritt weiter zur dritten Wanne.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Neben den groben Bestandteilen wird hier auch schon etwas gröberer „Sand“ abgeschöpft. Dieser wandert in die Kompostierung, da es sich zum Großteil um Biomaterial und kleine Steinchen handelt.

Gerade als es mir in den Sinn kommt, wird uns gesagt, dass es v.a. in den USA wohl früher eine Menge Leute gab, die in diesem „Sand“ nach Gold gesucht haben. Das sei jetzt aber nicht mehr so. Ganz so abwegig ist das nicht, schließlich wird einiges mit dem Oberflächenwasser heran gespült.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Das grob von Feststoffen befreite Abwasser fließt weiter in eine zweite Halle nebenan, welche auch die zweite Station der Abwasserklärung darstellt: Der Sand- und Fettfang.

Hier fließt das Abwasser in mehreren langen Kanälen, die eine Trichterform darstellen. An verschiedenen Stellen wird das Wasser durch Druckluft aufgewirbelt, sodass sich Sand und kleine Feststoffe an den schrägen Betonwänden sammeln und nach unten sinken. Gleichzeitig werden Fette, Öle und andere Schwebstoffe an der Wasseroberfläche von einer Art Paddel abgezogen und extra gelagert.

Betreten ohne Schutzausrüstung verboten! Wir gehen weiter zur nächsten Station.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Station Nummer 3: Das Vorklärbecken. Das Abwasser kommt vom Sand- und Fettfang in mehrere, abwechselnd beschickte große Freiluftbecken. Dort ruht es ungefähr zwei Stunden, bevor ein Räumer langsam von vorne an den auf dem Boden liegenden Schlamm in einen Trichter am Ende des Beckens schiebt. Am Boden des Trichters ist eine Pumpe, die den Klärschlamm in einen der beiden Faultürme pumpt. Das Wasser wird jedoch in ein weiteres, ähnlich aufgebautes Becken geleitet, das sogenannte Belebungsbecken. Hier teilt sich die Abwasserklärung also in zwei Wege auf: Der Schlamm zur Faulung, das Wasser zur weiteren Klärung.

Wir folgen zunächst dem Schlamm zu den beiden Faultürmen. Wir fahren mit einem Aufzug auf die Dachplattform dieser eierförmigen Gebilde. Direkt nach dem Öffnen der Außentür bemerken wir einen komplexen, schwer einzuordnenden Geruch. Durch ein Gitter plätschert irgendeine Art von Wasser irgendwo hin.

Wir gehen über das Gitter rüber zu einem kleinen, runden Fenster.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Wirklich viel sieht mensch nicht, außer fast 7.000 Kubikmeter einer blubbernden, schwarzen Flüssigkeit. Zum Glück ist das Glas so dick, ich wäre ungern mit dem Kopf über dem offenen Loch gewesen. Im Turm neben dran sind es 6.000 Kubikmeter.

Was dort so blubbert, ist der vom Vorklärbecken reingepumpte Klärschlamm, der hier ungefähr 21 Tage bei freundlichen 37°C unter Abwesenheit von Sauerstoff von anaeroben Bakterien zu Methan und Kohlendioxid zersetzt wird. Praktisch unten Schlamm rein, oben Faul- bzw. Klärgas raus.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Diese beiden Gase werden dann über Rohre abgeführt zur weiteren Verwendung. Wenn der Schlamm nach einer Weile ausgefault ist, wird er abgeleitet zur Entwässerung, zu der wir später noch kommen werden.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Ich dachte immer, dass ein ziemlicher Druck in den Faultürmen herrschen muss, nicht zuletzt aufgrund der Form. Tatsächlich aber erreicht der Druck maximal 0,6 bar, dann wird über eine sog. Wassertasse das überschüssige Gas in die Umgebung entlassen. Nicht so geil vong Treibhauseffekt her, aber immer noch besser als ein explodierender Turm voller Schlamm, I guess… Dieser Gasauslass passiert aber wirklich nur in Notfällen!

In dieser Wassertasse befindet sich eine bestimmte Menge Wasser in einem zweifach gebogenen Rohr, ähnlich eines Siphons. Wird der Druck auf der einen Seite zu stark, blubbert das Gas dann durch das Rohr am Wasser vorbei und kann entweichen. Das passiert aber wirklich sehr selten und auch nur dann, wenn das überschüssige Gas nicht abgefackelt werden kann: Wenn eine Gasleitung verstopft o.ä.


[Werbung in eigener Sache] Schon mit einer kleinen Spende förderst du das Fortbestehen und das Überleben unseres kleinen Herzensprojekts und gibst uns die Chance, uns noch weiter zu verbessern. Wir hoffen auf deine Unterstützung und hoffentlich bis bald! :)

Informationen zur Spende per Überweisung ganz unten auf der Seite!

Hier geht es zur Patreon Seite: www.patreon.com/direktmagazin


Auf jeden Fall kann mensch hier oben eine nette Aussicht genießen. Für den Fall, dass einem das ein oder andere Lüftchen nichts ausmacht und mensch schwindelfrei ist.

Wir gehen mehr oder weniger balanciert zurück zum Aufzug und fahren wieder runter. Auf dem Weg kommen wir an einem zylindrischen, weißen Tank vorbei. Dort wird das erzeugte Gas zwischengespeichert, bevor es im nächsten Gebäude, dem Blockheizkraftwerk, in Energie umgewandelt wird.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Im ersten großen Raum stehen drei abgeschlossene Kabinen, sogenannte Blockheizkraftwerke. An sich sind das klassische Gaskraftwerke: Das Faulgas wird in dieser Maschine verbrannt und treibt so einen Generator an, welcher für die eigentliche Stromerzeugung zuständig ist. Immerhin kommt die Kläranlage damit auf eine Energieerzeugung von ca. 1 Megawatt. Mit diesem Strom werden dann alle anderen Bereiche der Kläranlage versorgt, auch wenn das noch nicht ganz reicht für die komplette Autarkie. Immerhin 80% wird schon erreicht. In zwei Jahren soll dann 100% erreicht werden, auch mit der noch zu installierenden Photovoltaik auf dem Gelände.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Im Keller des Blockheizkraftwerkes stehen wieder drei Maschinen in einzelnen Kabinen, diesmal sogar schallisoliert. Ich merke direkt, dass die Wände Geräusche schlucken, denn während der Unterhaltung mit unserer Begleitung habe ich den Eindruck, Wasser in einem Ohr zu haben. Als ich meinen Kopf drehe, ist das Gefühl auf der anderen Seite.

Diese Maschinen dienen der Sauerstofferzeugung für das Belebungsbecken. Eigentlich wird aber keine Luft erzeugt, sondern nur komprimiert, Druckluft also. Jedenfalls sind diese drei Maschinen hier im Keller der Hauptenergieverbraucher der gesamten Kläranlage! Und es hat einen Grund, wieso es hier Schallisolierung gibt…

Durch ein durchaus verwirrendes Geflecht an Gängen kommen wir in der Entwässerung wieder an die Oberfläche.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Hier befinden sich vier Zentrifugen, die wie gigantische Waschmaschinen aussehen und klingen. Je zwei Zentrifugen werden aus den Faultürmen und aus den Nachklärbecken befüllt. In der Zentrifuge sieht es so aus: Der Schlamm wird hier in einem Behälter mit sagen wir 3.147 Umdrehungen pro Minute entwässert. In diesem Behälter befindet sich eine Art Schnecke, die mit 3.143,7 U/m den Schlamm „langsam“ aus dem Behälter schraubt. Diese winzige Differenz zwischen Drehbehälter und Schraube ist notwendig, damit der eingedickte bzw. entwässerte Schlamm auch wirklich abtransportiert werden kann.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Je nachdem, ob der Faulschlamm aus den beiden Faultürmen entwässert oder der Klärschlamm aus den Nachklärbecken eingedickt wird, wandert das Produkt entweder bei ersterem in ein an die Zentrifugen angeschlossenes Silo, welches von LKW zweimal täglich entleert wird, oder bei zweiterem weiter in die Faultürme, wo der Faulprozess von vorne beginnt.

Das Substrat, das ins Silo wandert, hat einen Feststoffgehalt von idealerweise 27% und wird entweder verbrannt oder als Dünger verwendet. Mir fällt auf, dass es kaum riecht. Oder vielleicht bekomme ich es bloß nicht mehr mit. Der eingedickte Schlamm aus den Nachklärbecken hat 6% Feststoffanteil und landet unten in den Faultürmen.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Mit dem Silo endet der Weg des ausgefaulten Klärschlamms. Doch wie oben schon gesagt, das Wasser geht nach dem Vorklärbecken einen anderen Weg. Und den gehen wir jetzt!

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Vom Vorklärbecken aus geht es für das Wasser weiter in die erste Station der Biologie: Das Belebungsbecken. Hier wird dem Wasser die Druckluft beigemischt, damit aerobe Bakterien hier gut gedeihen und mit der biologischen Reinigung des Wassers beginnen. 

Diese wandeln zunächst das vorhandene Ammonium aus den im Wasser gelösten organischen Verbindungen in Nitrit um, damit dieses im Anschluss zu Nitrat umgewandelt werden kann, die sog. Nitrifikation. Danach wird das gewonnene Nitrat von anderen Organismen zu molekularem Stickstoff und Stickoxiden verstoffwechselt, die sog. Denitrifikation. Dieser Prozess wiederholt sich mehrere Male: Befüllen, mit Sauerstoff beleben, Schlamm absetzen lassen, Schlamm hinten abpumpen und vorne wieder rein.

Ist das Abwasser mehrmals durch das Belebungsbecken gewandert, fließt es unter diesem kleinen Rohr hindurch Richtung Nachklärbecken. Hier tropft Eisen (III)-Chlorid dazu, damit Phosphate ausgefällt werden können. Eine Druckluftleiste vermischt das Abwasser mit der Lösung und wenige Meter später werden die Phosphate dem Wasser entzogen. Außerdem wird so Schwefel gebunden.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Die dritte und letzte Station der Biologie und damit des Wasserteils des Abwassers ist das Nachklärbecken. Diese großen, runden Becken sind neben den Faultürmen die bekanntesten Gebilde einer Kläranlage. Das Wasser verweilt hier einen Tag, danach fließt das geklärte Oberflächenwasser in die tiefer liegende Ausleitungsstelle am Fluss und wird damit dem Wasserkreislauf wieder zugeführt. Langsam dreht sich ein Räumer auf dem Becken, welcher den abgesetzten Schlamm am Boden zusammenschiebt und zurück zur Entwässerung und den Zentrifugen verbringt. Dem Wasservogel auf dem Bild macht das wohl nichts aus.

Tatsächlich ist das Wasser, das an der Ausleitungsstelle in die Regnitz fließt, ziemlich sauber. Problematisch sind da eher die Entlastungsstellen im Stadtgebiet, die bei großen Belastungen wie Gewittern einen Teil des anfallenden Abwassers manchmal wenigstens mechanisch geklärt, aber meist unbehandelt in die Natur entlassen.

Ein weiteres Problem sind die zunehmenden Anteile von hormonell aktiven oder antibiotisch wirkenden Medikamentenrückständen im Abwasser, welche bisher noch gar nicht gefiltert werden und in der Natur die Wasserfauna beeinflussen oder multiresistente Keime erzeugen können. Und natürlich ist auch Mikroplastik ein Problem, sei es durch Kosmetika und Hygieneprodukte im Abwasser oder Reifenabrieb und Kunstrasenbolzplatzpartikel im Oberflächenwasser. Bisher gibt es in Weißenburg eine Pilotanlage, die eine Ozonbehandlung und Aktivkohlestufe testet, um die genannten Substanzen aus dem Abwasser zu reinigen. Bis dahin bleiben die genannten Stoffe eine ungefilterte Belastung für unsere Umwelt…

Wenigstens soll bald die Abwärme des Ausleitungswassers als Heizung für die Gebäude der Kläranlage genutzt werden, ähnlich wie dies bereits im Fürther Rathaus geschieht.

Bild: Aaron
Bild: Aaron

Ich wette, ihr wusstet nicht, dass Abwasserklärung nicht vegan ist!

In diesem kleinen Teich neben dem Belebungsbecken leben ein paar Karpfen. Das Wasser im Teich speist sich aus dem Wasser der Ausleitungsstelle. Die Karpfen leben einen Sommer lang im geklärten Abwasser, werden im Herbst geschlachtet und dann untersucht, inwiefern sich Stoffe aus der Klärung in ihnen angesammelt haben.

Es beginnt zu regnen und wir flüchten eine Treppe runter neben einem Nachklärbecken. Nach einigen Minuten und vielen unterirdischen Rohrkreuzungen landen wir schließlich wieder im Büro vom Anfang.

Zum Abschluss stellen wir noch einige allgemeinere Fragen, z.B. was das Worst-Case-Szenario für die Kläranlage wäre. Neben einem sehr großen Brand im Stadtgebiet (Löschwasser!) wäre das ein totaler Stromausfall und das Versagen der Notstromaggregate, denn nach vier Stunden ohne Belüftung sterben die Bakterien im Belebungsbecken ab.

Ganz oben auf der Wunschliste der Klärwerksverwaltung steht eine sog. De-Ammonifizierungsanlage. Bisher wird die Ammoniumbehandlung noch rein biologisch durchgeführt. Auch könnte mensch das hochgradig mit Ammonium angereicherte Zentrifugenwasser aus der Schlammentwässerung noch energetisch für die Stromerzeugung nutzen. Und dass die Bevölkerung nicht mehr allen möglichen Müll im Klo runterspült. Absolut ungern gesehen sind Binden, Kondome, Feuchttücher und Wattestäbchen. Diese können nicht nur sämtliche Rohre verstopfen oder Fettberge im Abwasserkanal bilden, sondern auch alle Prozesse in der Kläranlage stören. Vor einer Weile haben Mechaniker in der Kläranlage Fürth einen mehr als zehn Meter langen „Zopf“ aus Feuchttüchern aus einem Rohr gezogen. Muss wirklich nicht sein…

Nach dieser abschließenden Fragerunde werden wir noch zur Pforte gebracht und stehen ziemlich genau drei Stunden später viel klüger wieder vor der Liegenschaft Erlanger Straße 105x.

 

Hiermit komme ich zum Schluss der ersten Ausgabe von „Komm’se rein, könn’se rausschaun!“ Ich hoffe, euch hat es beim Lesen genau so viel Spaß und Interesse bereitet wie mir, vor Ort zu sein.

Vielleicht denkt ihr in Zukunft ja aufm Klo mal darüber nach, welche Reise da in der Schüssel beginnt. Ihr wisst ja jetzt genau Bescheid!

 

Ihr seid auch herzlich eingeladen, am Tag der offenen Tür am 22. September 2019 selbst mal nachzuschauen und zu erleben, was ich euch geschildert habe. Herr Weilgony, Herr Simon, Frau Haase und alle anderen Mitarbeiter der Kläranlage Fürth freuen sich auf euren Besuch!

 

Und bitte, benutzt keine Feuchttücher mehr. Diese ökologische Katastrophe ist literally der größte Scheiß!

 

- Euer rasender Reporter Aaron

____

[Werbung in eigener Sache]

Wenn du unser Überleben sichern, uns unterstützen und einmalig spenden willst, kannst du das per Überweisung mit dem Verwendungszweck "Spende" an:

Lara Heiße

IBAN: DE48 7933 0111 0000 4334 13

BIC: FLESDEMMXXX

Informationen zur monatlichen Unterstützung, zu Inseraten und zu Patreon gibt es auf Unterstützung


Kommentar schreiben

Kommentare: 0