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Seebrücke Fürth: "Ich will nicht untätig bleiben, während Menschen sterben."


18.000 Menschen. So viele Flüchtlinge sind seit 2014 geschätzt im Mittelmeer ums Leben gekommen. 

Um diesem Sterben Einhalt zu gebieten, bringen seit einiger Zeit private Rettungsorganisationen schiffbrüchige Flüchtlinge an europäisches Festland, um sie so vor dem Ertrinken zu bewahren. Zwar findet dieses Vorgehen Zuspruch, allerdings trifft dieses auch mindestens genauso große Ablehnung von der anderen - der überwiegend rechten - Seite.

So müssen Seenotretter*innen damit rechnen, u. a. wegen angeblicher Schlepperei verurteilt zu werden. Insbesondere der italienische Innenminister Salvini, der Mitglied der rechtspopulistischen Lega ist, lässt hart gegen „Schlepper*innen“ vorgehen wie sich im Fall der Carola Rackete zeigte. Viele Menschen solidarisierten sich in der Folge mit Personen wie Rackete.

In Fürth gipfelte diese Bekundung der Solidarität in der ersten Seebrücke-Demo in Fürth. Ziel der Demo war es, Unterstützung für Seenotretter*innen zu zeigen und zu zeigen, dass Fürth ein sicherer Hafen für in Seenot geratene Menschen ist.

Freitag, 17 Uhr, 36°C.

Am Drei-Herren-Brunnen in der Schwabacher Straße bildet sich eine Menschentraube von ungefähr 120 Personen um einen kleinen Kern aus orangenen T-Shirts, Plakaten und einem roten Lastenfahrrad, vollgepackt mit Mineralwasser. Passanten, die versuchen, der Gruppe auszuweichen, bleiben doch stehen und beäugen, was da geschieht.

Da ertönt auch schon die Stimme von Elisabeth Reichert, Sozialreferentin der Stadt Fürth. Sie eröffnet mit ihrem Redebeitrag die erste „Seebrücken-Demo“ in Fürth. Direkt im Anschluss ist Rainer Kristuf für die Partei DIE PARTEI an der Reihe.

Er hält einen deutschen Pass in die Luft und fragt rhetorisch, was das sei. Nach ein paar Sekunden liefert er selbst die Antwort: Ein Papier erster Klasse. Andere Papiere anderer Nationen hätten nicht den Wert, den dieses kleine, rote Büchlein der Glücklichen, die BRD-Staatsangehörige sind, darstellt. Kurz darauf bittet er die Versammelten um eine Schweigeminute „für all diejenigen, die nicht… [Stimme bricht] …mehr unter uns sind.

 

Markus: „Ich will nicht untätig bleiben, während Menschen sterben.

 

Dass einige jetzt schon ächzten, unter diesen Temperaturen vor Ort, merkt Uwe Kekeritz von den Grünen an. „Jetzt stellen Sie sich mal vor, die befinden sich mit unzähligen anderen Menschen auf einem wackeligen Schlauchboot, seit drei Tagen ohne Wasser in der prallen Mittelmeersonne.“ Dass viele das nicht überleben, könne niemand von der Hand weisen. „Im Mittelmeer sterben nicht nur Menschen, sondern auch unsere Werte.

Den Abschluss der Auftaktkundgebung macht Ulrich Schönweiß von der LINKEN. Direkt geht es los über die neue Mitte und den neuen Wochenmarkt zum Paradiesbrunnen. 


Vor mir läuft eine Frau mit selbstgebasteltem Schild, darauf ist „It’s time to care! “zu lesen. Neben ihr ein kleines Mädchen. Es trägt auch ein Pappschild. Auf diesem ist eine weinende Frau mit einem blutenden Fuß und zerfetztem Kleid. Krakelig steht „Schützen“drüber.

 

Anna: „Ich finde es super, dass so viele kein ‚Weiter-So‘ wollen und orange tragen.

 

Ankunft im Paradies.

Abdul, ein libanesischer Junge kommt auf die Bühne. Mit deutlicher Bewegung in der Stimme schildert er seine bisherigen Erfahrungen auf der Flucht und nach der Ankunft in Deutschland. Einige verdrücken sich eine Träne.

Ihm folgt Eva Maria Brütting für das Fürther Friedensforum und ein ganzer Reigen an Grußworten von Families for Future, Fridays for Future, den Gewerkschaften, des Fürther Bündnisses gegen Rechtsextremismus und Rassismus, des Fürther Sozialforums, der grünen Jugend, des Beauftragten für Asyl in der evangelischen Kirche, des „Protestgartens“, der MUT-Partei, des mittelfränkischen Schriftstellerverbandes, der Seebrücke Nürnberg und der Antifaschistischen Linken Fürth.

 

Simon: „Wenigstens etwas.

 

Ein Redebeitrag sticht mir besonders ins Auge: Während vorne eine ältere Dame spricht, stehen im Hintergrund zwei Personen und halten eine große Deutschlandfahne hoch. Darauf steht „Deutschland ist SICHERER HAFEN “. Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen und bekomme das Gefühl nicht los, dass diese Fahne hier ziemlich deplatziert ist. Und dann denke ich, wie schön wäre es gewesen, wenn auch die Ertrunkenen in den Genuss dieses sicheren Hafens gekommen wären. Blöderweise fährt - mit Ausnahme der Alan Kurdi von Sea Eye - offiziell kein (zur Menschenrettung bereites) Schiff mit deutscher Fahne im Mittelmeer umher.


Der Demonstrationszug zieht weiter über das Stadttheater und das Rathaus zum Grünen Markt.  Auf dem Weg kommen wir an einer Kneipe vorbei, davor sitzen stereotype Gestalten. Ein Mann nuschelt deutlich hörbar: „Ich hoffä, ihr besahlt des alle selber…

Ich kann mir einen mitleidigen Blick nicht verkneifen. Und dann ärgere ich mich, dass solche Personen sich das Recht rausnehmen, „unsere“ „deutsche“ „Kultur“ zu repräsentieren, wobei sie doch selbst nicht mal die Sprache richtig können. Es heißt nämlich „selbst“ und nicht „selber“.

Unser“ Land hat definitiv mehr zu bieten.

 

Janine: „Von Klein auf wird einem Nächstenliebe gepredigt, aber dann nicht angewendet.

 

Eine Überraschung für einige mag wohl das Grußwort von Konstantin Wecker sein, das nach den Redebeiträgen von Bürgermeister Markus Braun, Gabriele Syben (kath. Dekanat), Jörg Sichelstiel (evang. Dekanat) und eines Vertreters von Sea Eye verlesen wird. Es markiert zugleich auch den Abschluss der ersten Fürther Seebrücken-Demo.


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Unterwegs stelle ich jeweils drei Fragen an Vertreter der Grünen, Linken, VOLT und Fridays for Future. Auf die erste Frage, wieso mensch hier ist, antwortet VOLT, dass die Seebrücke eine unterstützenswerte NGO sei. Für F4F ist die Achtung der Menschenrechte der ausschlaggebende Beteiligungsgrund. Grüne und Linke sind sich einig, dass das Sterben aufhören muss und mensch sich nicht mit einer Politik abfinden könne, die tote Menschen an die Küsten spülen lässt. Bezüglich der Position zur Strafbarkeit der Seenotrettung ist unisono eine vehemente Ablehnung dieser zu hören. Die Linke fordert auch mehr Handeln von Seiten der EU, damit dieses skandalöse Geschehen endlich ein Ende findet. Und schließlich sei Erste Hilfe auch nicht strafbar, wieso also die Seenotrettung, fragt sich VOLT. Wie es denn nun nach dieser Demo in Fürth weitergehen soll, ist meine letzte Frage. F4F wird weiter daran arbeiten, Klimagerechtigkeit herzustellen, während die Grünen weiterhin Druck für eine menschliche Politik in dieser Angelegenheit machen wollen. VOLT fordert, dass die Stadt aktiv Geflohene von den Rettungsschiffen aufnimmt. Die Linke begrüßt in diesem Kontext auch die Entscheidung der Stadt Fürth, ein sicherer Hafen zu werden. Mensch müsse nun nur auch endlich handeln.

 

Fotos: Marlena Tinter

Die Seebrücke Fürth selbst plant eine Ausstellung in der Schwabacher Straße mit Fotos von Flüchtenden, die auf Lesbos feststecken und dort in einem Lager leben müssen.

 

Sebastian: „Als Humanist ist es für mich ein Widerspruch, gebotene Hilfeleistung zu unterlassen.

 

Als ich nach Hause komme, sehe ich zufällig in die Schublade, in der ich auch meinen Pass aufbewahre. Ich halte kurz inne, nehme ihn raus, und frage mich, wieso ein Stück Papier mehr Wert ist, als meine Menschenwürde. Etwas beschämt blättere ich auf die letzte Seite. Da steht: „Dieser Reisepass ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.“ Darüber thront der Bundesadler.

ich finde, die fette Henne sollte losfliegen und Menschen retten.

 

- Text: Aaron und Alex | Bilder: Marlena Tinter


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