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[LGBTQIA+] Angebote für die Community in der Region


Gleis 3, Einfahrt: ICE 69 nach Ausgabe 5, Abfahrt ursprünglich: gestern. Vorsicht bei der Einfahrt!

Alle einsteigen, besser spät als nie geht es in die fünfte Ausgabe! Diesmal geht es um die regionalen Angebote für queere Menschen. Wir werden euch ein paar Institutionen durch ein Interview vorstellen, und einige weitere mit einem kurzen Infotext.

Vorneweg: Wir haben den Interviewten jeweils ähnliche Fragen gestellt, um einen gewissen Rahmen an Vergleichbarkeit der Angebote zu ermöglichen. Da aber nicht jeder Verein dieselben Ziele und Angebote hat, sind auch spezifische Fragen dabei. Einiges bezieht sich auch auf Fragen aus den letzten Ausgaben, daher kommt da noch etwas ergänzender Input mit dieser Ausgabe. Wir wünschen auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen, und schaut doch bei Interesse mal bei den vielfältigen Angeboten der Vereine vorbei!

Unser erster Termin für die LGBTQIA+ Recherche führte uns zum Verein Fliederlich e.V. am Nürnberger Plärrer. Der Verein ist seit Herbst 1978 aktiv und ist inzwischen zu einer Institution im Städtedreieck geworden und auch darüber hinaus. Es werden verschiedenste Gruppenangebote organisiert, so z.B. eine Gruppe für Regenbogenfamilien, trans*idente Menschen oder auch schwule Väter, die aus einer Hetero-Beziehung kommen.

Im Folgenden könnt ihr unser Interview mitMichael Glaslesen. Er hat sich mit uns zusammengesetzt und die folgenden Fragen beantwortet:

 

1. Was genau ist der Fliederlich e.V?

Michael Glas:“Die meisten Leute, die hier arbeiten, sind ehrenamtlich tätig. Fliederlich als Organisation gibt es bereits seit 1978. Los ging’s als reine Schwulengruppe; das waren vor allen Dingen Studenten damals, die die Organisation gründeten. Danach begannen wir die Erweiterung zu einem Zentrum für LGBTQIA+. An diesem Standpunkt sind wir inzwischen angekommen und uns deswegen in ‘Queeres Zentrum’ umbenannt.“

2. Wie finanziert ihr euch? 

Michael Glas:“Wir finanzieren uns zum einen aus Mitgliedsbeiträgen und zum anderen durch einen Zuschuss der Stadt Nürnberg. Nachdem wir aber nicht nur für Nürnberg zuständig sind, sondern auch für die anderen Städte in der Region, sind wir schon seit vielen Jahren hinterher, dass auch diese ihren Beitrag entrichten. Da hat sich kürzlich die Stadt Fürth bereit erklärt, einen kleinen Beitrag zu zahlen. Bei den anderen müssen wir noch daran arbeiten. Wir sind auch gemeinnützig, also finanzieren wir uns auch aus dem Spendenaufkommen. Das ist leider nicht so hoch, aber ab und zu ‘trudelt’ was ein. Organisatorisch sind wir ein e.V. für soziale Arbeit im weitesten Sinne. “

3. Was leistet ihr mit dem Verein? 

Michael Glas:“Unser Schwerpunkt ist Beratung und Unterstützung von Menschen mit einer nicht der heterosexuellen Norm entsprechenden geschlechtlichen oder sexuellen Identität. Wir bieten zum einen unsere Beratungstelefone an und auf der anderen Seite Gruppen, die alle in die Richtung Selbsthilfegruppe gehen. Einfacher Austausch mit Betroffenen hilft manchmal schon recht viel, wenn man sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet. Mehrere unserer Gruppen laufen derzeit sehr gut. Unsere Jugendinitiative hat in den letzten Jahren eine Wandlung durchgemacht. Anfangs hatten wir eine Gruppe für schwule Jungs und eine für lesbische Mädels. Dann haben wir entschieden, dass diese Trennung Quatsch ist und sie daraufhin aufgehoben. Seitdem hat die Gruppe ziemlichen Aufwind bekommen. Manchmal sind bis zu vierzig Leute am Dienstagabend hier. Im letzten dreiviertel jahr haben wir bemerkt, dass vermehrt transidente Jugendliche unsere Angebote wahrnehmen. Anscheinend hat sich der Fokus mehr zur Geschlechtsidentität hin verschoben. Auch eine Gruppe, die relativ viel in Anspruch genommen wird, ist die der schwulen Väter. Also Väter, die ein Kind aus einer Beziehung mit einer Frau haben und jetzt ihr Coming Out hatten. Da ist ja dann nicht nur eine Person betroffen, sondern gleich eine ganze Familie.”

4. Wie werden Menschen auf den Verein aufmerksam?

Michael Glas:“Mein Eindruck ist, dass viel über Mund-zu-Mund-Propaganda passiert. Social Media sind nicht die ausschlaggebenden Kanäle. Die Arbeit auf der Straße ist bei uns in den letzten Jahren relativ eingeschränkt. Wir sind beim CSD präsent, wir sind auf diversen Straßenfesten präsent. Das Thema Infostände auf der Straße ist bei uns durch, das machen wir nicht mehr. Wo wir auch präsent sind, ist durch unser Schulprojekt. Dieses richtet sich an SchülerInnen ab 14 aufwärts. In einer Doppelstunde geht es um sexuelle Identität und Geschlechtsidentität. Dies ist pädagogisch an das ‘Schlau-Projekt’ angelehnt und wird in den Klassen mit sehr viel Beteiligung der SchülerInnen boniert. Das kommt meist bei den Klassen auch ganz gut an. Das Projekt haben wir vor drei oder vier Jahren neu aufgesetzt und daraufhin bei vielen Schulen beworben. Inzwischen wenden sich die Schulen von sich aus an uns. Wir haben relativ wenig Kapazität, weil die Projekte meistens auch von Ehrenamtlichen durchgeführt werden. Letztes Jahr konnten ca. 2/3 der Anfragen wahrnehmen. Massive Werbung betreiben wir allerdings nicht, da wir sonst die vielen Anfragen nicht bewältigen könnten.”

5. Wie schätzt ihr die Metropolregion bezüglich Angebote für die Community ein? 

Michael Glas:“In Nürnberg gibt es ziemlich viele Angebote, da ist schon einiges geboten. Im Umland sieht es ein bisschen düsterer aus. Die nächste queere Gruppe ist in Bamberg, im Osten wäre es in Prag, im Süden Ingolstadt und im Westen Stuttgart. Die Metropolregion hat ein gutes Angebot, auch auf der Partyschiene. Im Umland eher nein. Im Großen und Ganzen kommen die Jugendliche aus dem Städtedreieck oder aus Schwabach. Von weiter weg fallen mir spontan zwei oder drei Leute ein. Jugendliche, die erst 15, 16 oder 17 sind müssen eben auch schauen, wie sie zu uns kommen und danach auch wieder heim, wenn sie noch kein eigenes Auto haben.” 

6. Tipps fürs Coming Out? 

Michael Glas:“Man sollte sich vorher genau überlegen, mit wem man darüber sprechen möchte und da auf das eigene Bauchgefühl hören, wem man vertrauen kann und wem nicht. Wer davon erfahren sollte und wer nicht, wo es einem selber wichtig ist, dass es die Menschen von einem wissen. Wenn man auf sein Gefühl hört, dann erwischt man auch meistens jemanden, der positiv reagiert. Also mein Tipp: Auf das eigene Gefühl hören, dann wird man in der Regel auch positive Erfahrungen machen. Insgesamt betrachtet hat sich das Umfeld geändert: man bekommt nicht mehr so viele negative Reaktionen auf das Coming Out, auch bei den Eltern nicht mehr.” 

7. Leuten aus der Community werden ja häufig „Argumente“ entgegengebracht. Wie sollte mensch darauf reagieren? 

Michael Glas:“Wenn jemand behauptet, dass Homosexualität unnatürlich sei, kann man dem entgegenbringen, dass es auch im Tierreich vorkommt und was ist daran dann unnatürlich? Wenn es aus der Kirche kommt, dann sage ich immer: Wenn Gott die Welt und den Menschen erschaffen hat, hat er auch mich erschaffen. Hat er da einen Fehler gemacht? Aber wenn er unfehlbar ist, dann kann das ja auch nicht sein. Aber Menschen, die solche Argumente vorbringen, werden sich durch Gegenargumente wahrscheinlich auch nicht belehren lassen. Das wichtige ist, präsent zu sein, sich nicht unterkriegen zu lassen und letztendlich durch die Persönlichkeit zu überzeugen.”

8. Habt ihr schon Erfahrungen mit hate crime gemacht? 

Michael Glas:“Mit Hassverbrechen haben wir in den letzten Jahren nicht mehr wirklich viel zu tun. Mir sind in den letzten fünf Jahren drei oder vier körperliche Übergriffe bekannt, also keine signifikant hohe Zahl. Ich habe das Gefühl, dass die Gegend hier noch einigermaßen sicher ist. Keine Ahnung, wie es in Zukunft weitergeht, aber zurzeit sehe ich die Gefahr, Opfer dieser Gewalt zu werden, als nicht sehr hoch an. Mir sind auch keine Gebiete bekannt, die man unbedingt meiden sollte. Wird jemand zu einem Gewaltopfer, versuchen wir, diese Person so gut es geht zu unterstützen und diese Person entscheidet dann, was zu tun ist. Wir wollen da niemandem zu Dingen zwingen, die nicht erwünscht sind. Auch im Internet haben wir kaum mit dem Thema zu tun. Es ist absolut selten, dass da mal blöde Kommentare kommen. Ich wundere mich selber ein bisschen, aber da kommt so gut wie nichts. Worüber ich sehr froh bin!”

9. Habt ihr hier auch mit Schicksalsschlägen zu tun? 

Michael Glas:“Wir hatten immer wieder Fälle von relativ heftigem Mobbing, auch an Schulen. Da versuchen wir, wenn es gewünscht ist, die Schule und die Lehrer mit einzubinden und zu sensibilisieren und dem Menschen, der gemobbt wird, den Rücken zu stärken und zu zeigen, dass er nicht allein ist. Da konnten wir bei einigen die Situation in eine gute Bahn lenken. An Schulen war es meistens an Mittel- und Realschulen. Auch an Berufsschulen für Handwerksberufe geht es, auch bei unseren Projekten, etwas rustikaler zu, mit Zwischenrufen oder unpassenden Kommentaren. Hier als queerer Mensch geoutet zu sein, ist schwierig und erfordert viel Kraft. Ich denke aber, dass da bei den Mobbern sehr viel aus dem Umfeld kommt. Bei den meisten kommt das nicht aus schlechten Erfahrungen heraus, sondern durch den Einfluss der Familie oder des Freundeskreises. Ich kann nur etwas fundiert beurteilen, wenn ich darüber Bescheid weiß und diese Menschen kenne. Von daher ist auch Aufklärung sehr wichtig und Information, gerade an Schulen. Am Arbeitsplatz hatten wir in letzter Zeit fast nichts mehr.”


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Als nächstes wurden wir zu einer Sitzung des “Lesben- und Schwulen Verbandes Deutschland in Bayern e.V.” (LSVD Bayern) in die Christuskirche in der Nürnberger Südstadt eingeladen. Dort sprachen wir mit Markus Apel. Der LSVD setzt sich auf politischer Ebene für die Belange der LGBTQIA* Community ein und betreibt Lobby- und Aufklärungsarbeit.

 

1. Was genau ist euer Verband?

Markus Apel:“LSVD ist die Abkürzung für Lesben- und Schwulenverband in Deutschland. Wir haben Landesverbände in allen 16 Bundesländern. Die Hauptarbeit ist im Prinzip politische Lobbyarbeit. Wir haben die queere Community hinter uns mit einem besonderen Fokus auf Lesben und Schwule mit ihren Anliegen. Wir vertreten aber auch Trans*personen und Intersex-Menschen oder Bisexuelle und versuchen da gemeinsam, rechtliche Gleichstellung zu erreichen und für gesellschaftliche Akzeptanz zu werben.”

2. Macht ihr auch Aktionen speziell für junge Leute?

Markus Apel:“Auf Landesebene gibt es keine konkreten Angebote für Jugendliche. Aber eine gute Möglichkeit für junge Menschen, mit der Community in Kontakt zu kommen und einen sinnvollen Einstieg über die Politik in die Community zu finden, wäre uns bei Veranstaltungen zu begleiten und zu unterstützen, zum Beispiel bei den bayerischen CSDs. Auf Bundesebene gibt es eine Gruppe, die nennt sich LSVD Fresh. Das ist ein Zusammenschluss von jungen Leuten aus dem LSVD, die entweder schon ein bestimmtes Amt wie den Landesvorstand oder Bundesvorstand bekleiden, oder einfach nur Mitglieder sind. Da gibt es gemeinsame Veranstaltungen und Unternehmungen. Ansonsten ist das Thema Jugend eines, das auf Bundesebene zum Themenkomplex ‘Generationen’ dazugehört. Es gibt eine Arbeitsgruppe auf Bundesebene, die sich mit Generationsfragen auseinandersetzt und da ist das Thema Jugend auch präsent. Wir sind für die gesamte Community da, nicht nur speziell für junge Leute.“

3. Wir befinden uns hier gerade in einer Kirche. Wie kam es dazu?

Markus Apel:“Wir haben es in der letzten Zeit schon öfter erlebt, dass die evangelische Kirche aufgeschlossen ist und, wenn sie uns schon nicht in Forderungen unterstützen, zumindest dafür sorgt, dass wir Räumlichkeiten haben, wo wir Veranstaltungen durchführen können. Vor kurzen hatten wir ein Vernetzungstreffen am Tegernsee. Das Thema des Treffens ging von einem katholischen Pfarrgemeinderatsmitglied aus, der meinte, dass das Thema in seiner Gemeinde überhaupt nicht angegangen wird und wenn, dann nur diskriminierend und abschätzend. Er würde daran gerne etwas ändern und Aufklärungsarbeit betreiben. Dann wollten wir die Menschen dort zusammenbringen, der Tegernsee ist eine ziemliche erzkatholische Gegend, aber die katholische Gemeinde dort konnte die Räumlichkeiten nicht zur Verfügung stellen ohne einen glaubhaften Grund. Formal hieß es, dass die Räume nicht an externe Personen vermietet werden können. In der Stunde der größten Not, ungefähr zwei Wochen vor dem Termin, haben wir dann das evangelische Pfarrarmt angeschrieben, die uns dann am Tegernsee einen Raum zur Verfügung gestellt haben. Das hat sehr gut funktioniert. Da sieht man dann eben auch die beiden Seiten der Medaille. Wir als Landesverband haben keine religiösen Gruppen unter uns, aber wir haben gute Kontakte zu jüdischen MitbürgerInnen, vor allem in München. Auf Bundesebene haben wir auch gute Kontakte zu muslimischen Gruppen, besonders über das bundesweite LSVD-Projekt „Queer Refugees Deutschland“. Da hat man immer wieder Berührungen mit muslimischen Gemeinden. Da funktioniert die Arbeit mit den Gruppen, die zur Verfügung stehen, sehr gut.”

4. Wie schätzt ihr die gesellschaftliche Entwicklung an? Müssen wir um unsere erkämpften Rechte fürchten, oder sind wir noch auf einem guten Weg?

Markus Apel:“Zur Gesellschaft gehören für mich zwei Aspekte dazu: Wer gestaltet diese Gesellschaft? Und wer lebt diese Gesellschaft? Wenn wir uns den ersten Bereich zum Beispiel in der Politik anschauen, dann ist es aktuell noch so, dass wir im Bundestag in vielen Fällen eine Mehrheit haben für Menschenrechte und für Minderheitenschutz. Gleichzeitig ist man aber auch auf dieser Ebene Angriffen ausgesetzt, zum Beispiel durch die sogenannte „Alternative für Deutschland“, die Anträge einbringt, die Ehe für alle wieder abzuschaffen. Die sich im und außerhalb des Parlaments homophob und transphob, menschenverachtend äußert - und das ist ein ganz klarer Angriff. Was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist, dass der Widerspruch lauter und direkter geworden ist. Im zweiten Bereich sehen wir, dass ein Großteil der Leute aufgeschlossen ist, dass viele Leute interessiert sind. Gleichzeitig wissen wir aber auch von Studien, dass je näher Minderheiten an das eigene Leben heranrücken, desto weiter sinkt die Akzeptanz. Wenn der Kollege schwul ist, der im gleichen Büro direkt gegenübersitzt, dann sinkt die Akzeptanz von den Leuten, die vorher noch gesagt haben, sie hätten damit kein Problem. Das liegt vor allem an Unverständnis. Man geht erstmal auf Distanz von allem, was nicht mit der eigenen Art zu leben übereinstimmt, um es zu beobachten und es einzuschätzen. Dann ist eben die Frage, wie man damit weiter umgeht. Ob man sich daran gewöhnt und nur noch mit dem Menschen zusammenarbeitet, oder ob dieses Stigma der Minderheitenzugehörigkeit weiter besteht und man die Person dann genau aus diesem Grund anders behandelt.”

5. Habt ihr schon einmal hate crime gegenüber der Community erlebt?

Markus Apel:“Ganz konkret haben wir bei Demonstrationen zum Beispiel erlebt, dass Leute geschubst und angebrüllt werden. Da war es dann meistens so, dass sich die Leute einigermaßen gut verteidigen oder sich zumindest der Situation entziehen konnten. Ich denke nicht, dass viele Leute dann rechtliche Schritte eingeleitet haben. Aber Angriffe kommen vor. Das ist in gewisser Weise Teil des Engagements, dass man auf die eine oder andere Art angefeindet wird. Es kommt schon öfter vor, dass man sich verbal verteidigen muss. Körperliche Gewalt im direkten Umfeld unseres Landesvorstands ist noch nicht vorgekommen. Wenn wir aber mit Beratungsstellen sprechen, dann merken wir schon, dass diese Gewalt da ist. Die Leute, die richtig unter dieser Gewalt leiden sind die, die nicht gelernt haben, sich dagegen zu wehren. Diese Gewalt gibt es und sie ist ein großes Problem und wir haben da verschiedene Ideen und Möglichkeiten, wie wir dieser Gewalt entgegenwirken wollen.” 

6. Seht ihr euch als safe space? 

Markus Apel:“Wir sind zumindest in der Hinsicht ein safe space, dass wir erstmal prinzipiell offen sind für alle, die konstruktiv an etwas mitarbeiten wollen. Und wenn die Leute mit uns arbeiten, genießen sie den Vorteil, dass sie offen sagen können, was sie wollen. Dass sie von Leuten umgeben sind, die es sehr zu schätzen wissen, wenn sich jemand engagiert. Und vor allem haben wir einen großen Erfahrungsschatz und Wissen. Wenn man das Wissen hat, kann man ganz anders auf die Leute eingehen, die zu einem kommen. Safe spaces in der Gesellschaft finde ich wichtig, sie dürfen aber nicht zu Elfenbeintürmen werden. Man muss wahrnehmen, dass es eine Welt um diesen safe space herum gibt. In diesem Fall ist Rückzug keine endgültige Lösung. Ich sehe safe spaces eher als Möglichkeit, um aufzutanken, Kraft zu sammeln, um dann weiterzumachen. Um die Kraft und Energie zu bekommen, die man so dem Alltag nicht entnehmen könnte.” 

 

Unsere dritte Station war die Nürnberger AIDS-Hilfe. Diese wurde 1985 als Selbsthilfegruppe betroffener Menschen gegründet und ist heutzutage eine der wichtigsten Organisationen der Community. Neben gesundheitlicher Aufklärung und Beratung zu sexuell übertragbaren Krankheiten (STDs) bietet die AIDS-Hilfe auch Test-Abende an und bietet Vernetzungsmöglichkeiten. Bei unserem Termin sprachen wir mit Uwe Gerdelmann.

 

1. Was ist die Aidshilfe? 

Uwe Gerdelmann:“Die Aidshilfe wurde 1985 von AktivistInnen gegründet aus der Selbsthilfe heraus. Es passierte was und man musste den Menschen, die an AIDS starben, irgendwie helfen. Von schwulen Männern bis zur Krankenschwester haben sich Leute dann hier eingefunden und haben dann die ersten Jahre hauptsächlich passive Sterbehilfe geleistet. Das waren ganz viele erkrankte Männer und auch Frauen, die teilweise auch von ihren Familien verstoßen wurden, zum Teil auch keinen Anschluss mehr hatten. An dieser Stelle ist die AIDS-Hilfe eingesprungen, hat betreut und auch oft in den letzten Lebensmonaten begleitet. Geändert hat sich das erst in den 90er Jahren mit dem Aufkommen erster Medikamente. Aus dieser ambulanten Pflege wurde dann so langsam der heutige Verein mit den verschiedenen Betätigungsfeldern: Betreuung von Menschen, die psychische Erkrankungen haben und die am Existenzminimum leben, HIV-positiv sind oder das Risiko haben, HIV-positiv zu werden. Dann die Beratung, da kann man sich anonym jederzeit am Telefon, im Chat oder auch persönlich beraten lassen, nicht nur zu HIV, sondern auch zu allem, was mit psychischer Gesundheit zu tun hat und natürlich auch zu Geschlechtskrankheiten. Da ist dann auch die Prävention angegliedert, vor allem in der Schwulenszene durch Aufklärung. So haben wir immer wieder verschiedene Projekte am Laufen: für Menschen mit HIV, Frauen, einen Kaffeeklatsch, eine Gruppe für queere Geflüchtete, Unterstützung für finanziell benachteiligte Personen, ein Freizeitprogramm alle zwei Wochen (gemeinsame Ausflüge etc.), denn häufig führt die Infektion mi HIV zu sozialer Ausgrenzung mit der Folge von prekären Lebensumständen. Wir sind immer noch ein Selbsthilfeverein, hier arbeiten auch einige Menschen mit HIV. Auch der Erstkontakt kann immer bei uns entstehen, wenn jemand frisch infiziert ist oder in einer neuen Stadt ist und Hilfe braucht, bei der Arztsuche oder ähnliches. Dementsprechend machen wir auch einmal in der Woche einen Testabend, da kann man sich auf HIV und Geschlechtskrankheiten testen lassen. Und dann haben wir eben noch die Präventionsprojekte an Schulen z.B. Aber es kommen auch viele (Firmen-)Gruppen zu uns, vor allem viele Pflegeschüler. Das größte Unwissen herrscht bei medizinischem Personal und dementsprechend geht die größte Diskriminierung auch von diesem aus. Wir haben gehört, dass HIV-Positive bei Zahn- oder Frauenärzten diskriminiert wurden.Diese Baustelle, selbst hier in Deutschland, ist noch lange nicht bearbeitet.”

2. Wie schätzt du die Metropolregion für queere Menschen ein?

Uwe Gerdelmann:“Wir haben vor allem mit Fliederlich das Glück, dass sich noch Vereine halten konnten. Fliederlich ist im 41. Jahr, die Aidshilfe gibt es seit 1985. Das sind Institutionen, die zu einer Zeit entstanden sind, da können wir uns gar nicht vorstellen, wie viel Gegenwind es damals gab. Auch die Finanzierung hing immer an einem dünnen Faden. Das hat ewig gedauert bis die Städte anfingen, solche Gruppen zu finanzieren; bis das Land Bayern anfing, eine Finanzierung beizusteuern. Es ist immer noch nicht das Gelbe vom Ei und mit einer konservativen Landesregierung wird sich da auch so schnell nichts ändern. Das läuft in anderen Bundesländern ganz anders. Nichtsdestotrotz könnte die Region diverser sein, z.B. dass ein Raum für die unterschiedlichen Identitäten der Community zur Verfügung gestellt wird. Viele der Vereine auch die Bars sind schwul und haben ein älteres Publikum. Da muss geschaut werden, dass man die Verbindung zur Jugend nicht verliert. Es wird immer gesagt, dass sich die Jugend im Internet trifft und keine Bars mehr braucht. Dem mag so sein, aber wenn jetzt die Räume, in denen wir miteinander reden können, wegfallen, oder nur die älteren Generationen in diesen Räumen bleibt und es keinen Nachwuchs gibt, dann ist ein rein theoretisch irgendwann so, dass sich die jungen Leute gar nicht mehr finden, um über Probleme zu reden und um gemeinschaftlich diese Probleme anzugehen. Was es wirklich braucht, ist Nachwuchs in diesen klassischen Institutionen, die es in der Community gibt. Es müsste für jeden und jede was dabei sein.” 

3. Welche Angebote habt ihr speziell für junge LGBTQIA+ Menschen?

Uwe Gerdelmann:“Für explizit junge Menschen haben wir kein Angebot. Es gibt unser Queercafe-International für queere Geflüchtete, dies ist theoretisch für jede Altersgruppe, das machen wir zusammen mit Fliederlich. Die Gäste dort sind teilweise auch jugendlich. Ansonsten sind wir in unserem Arbeiten für jede Altersgruppe offen. Zur Beratung kommen 17-Jährige genauso wie 70-Jährige. Auch im betreuten Einzelwohnen ist das so, da ist auch jede Altersgruppe vertreten. Es wurde immer wieder überlegt zum Beispiel eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit HIV unter 30 zu gründen, bisher ist es aber nicht dazu gekommen. Man könnte eine solche Gruppe mal probieren, um auch den Bedarf von jüngeren Leuten zu erfahren. Man kann auch ehrenamtlich hier jederzeit arbeiten. Der Draht zu der jüngeren Community ist schwieriger zu halten und geht auch dadurch verloren, dass viele Mitarbeitende um einiges älter sind.”

4. Wie finanziert ihr euch?

Uwe Gerdelmann:“Ohne Spenden geht’s gar nicht. Es gibt eben die drei Standorte, Nürnberg/Erlangen/Fürth. Das betreute Einzelwohnen wird durch den Regierungsbezirk Mittelfranken bezahlt. Die MSM-Prävention wird vom Freistaat bezahlt, also eine Stelle und der Rest durch Spenden, diese dürften ungefähr 1/8 des Budgets ausmachen. Wir haben 20 hauptamtliche MitarbeiterInnen, dann noch ungefähr 30 im Ehrenamt.”

5. Habt ihr schon Erfahrungen mit hate crimes gemacht?

Uwe Gerdelmann:“Wir hatten erst letztens eine Aktion vor der Lorenzkirche, Benefiz-Haareschneiden nennt sich das. Das gibt es seit über 20 Jahren und da kommen Friseure, die für 17 Euro Haare schneiden und der Erlös geht an die AIDS-Hilfe. An usnerem Pavillon hing eine pride flag, das machen wir immer, weil wir eine Institution in der Community sind. Dann kam dann jemand vorbei und hat sie runtergerissen, sich damit die Schuhe abgeputzt und gesagt ‘Das ist Dreck. Was wollt ihr hier? Geht weg, ihr seid alle pädophil!’ Das war schon krass und hat mich sehr schockiert, aber das passiert jedes Mal. Es kommt immer eine Person, die Dir gegenüber dermaßen homophob und respektlos ist, dass es Dir zeigt, wo die deutsche Gesellschaft teilweise steht. Der die Flagge runtergerissen hat, war vielleicht Anfang 20 und bereit, zuzuschlagen. Letztes Jahr ist jemand mit einem Fahrrad mehrmals um unsere Veranstaltung herumgefahren und hat immer wieder gerufen ‘Ihr sollt alle sterben!’ Das ist etwas, was man nicht verschweigen darf. Das ist immer noch Realität. Natürlich, wenn wir da acht Stunden stehen, passiert sieben Stunden nichts, trotzdem: irgendwas geschieht immer. Geschlechtskrankheiten sind auch mit Scham verbunden. Es heißt immer gleich, man wäre selber schuld, wenn man sich infiziert, das stimmt aber gar nicht. Es kann überall passieren. In westlichen Ländern, wo ca. 70% der infizierten Personen MSM sind, ist HIV ein queeres Thema. Wir haben öfters im Jahr Infostände mitten in der Stadt stehen, wodurch wir sichtbarer sind und vielleicht bekommen wir das deshalb mehr hate crime zu spüren. Dennoch: vor allem HIV-positive Menschen müssen sich immer wieder solchen Ressentiments stellen, v.a. online. Es gibt Verschwörungstheorien, AIDS sei von Pharmafirmen erfunden worden, um Geld zu machen.” 

6. Wir können uns nur schwer vorstellen, da die Fassung zu bewahren...

Uwe Gerdelmann:“Es ist ganz wichtig, dass Ehrenamtliche auch geschult werden, mit solchen Dingen umzugehen. Wir versuchen immer schnell der Person die Fakten offen dazulegen. Nützt oft leider aufgrund von fundamentaler Homophobie wenig. Diese Einstellungen sind nicht nur gegen HIV, sondern auch oft ist Hass gegen Schwule da. Nichtsdestotrotz ist es auch ganz oft verletzend, man ist ja auch kein Roboter, wenn so was gesagt wird. Wir hatten mal einen Infostand auf der ‘InViva’, das ist eine Messe für ältere Menschen und da war gleichzeitig die Freiwilligenmesse, wo wir unsere ehrenamtlichen Tätigkeiten vorstellten. Das Publikum war zu 90% über 60. Da hat man auch einige Sprüche gehört. Eine ältere Frau hat unsere Sachen angeschaut und ich habe gesagt, dass sie das auch gerne für ihre Enkel mitnehmen könnte. Sie meinte dann nur ‘Nein, nicht, dass der noch so wird wie ihr’. Das sind zwar nur so kleine Sachen, aber diese Sätze sammeln sich auch und hinter dem Satz steht eben Homophobie und was weiß ich nicht alles.” 

7. Tipps für das Coming Out?

Uwe Gerdelmann:“Immer eine Vertrauensperson suchen, die das schon hinter sich hat. Und sich erstmal schlau googlen, was es so vor Ort gibt. Es gibt hier in der Metropolregion Anlaufstellen für genau diese Fragen, mit Fliederlich z.B. und auch hier bei uns gibt es seit 35 Jahren Fachwissen, wie man das Coming Out angehen kann. Man kann hier mit den Beratern darüber reden, wie man es seiner Freundin oder seinem Freund erklären kann oder dem Arbeitgeber oder der Familie. Dieses Beratungsangebot bzgl. HIV einfach wahrzunehmen kann helfen, weil meine Kollegen haben das schon hundertmal mitgemacht und wissen, wie man helfen kann. Und so funktioniert es glaube ich auch am besten beim queeren Coming Out. Dass man immer eine Stütze hat in einer Person, der man vertraut.”


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Das letzte Interview führten wir mit dem Verein queer culture Nürnberg e.V. 

Auf der Website des Vereins beschreibt sich dieser folgendermaßen: “Queer Culture Nürnberg e.V. ist ein gemeinnütziger Kulturverein und wurde im November 2009 gegründet. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, queere Kultur in Nürnberg und der Metropolregion zu fördern – durch die öffentliche Durchführung von Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen, Vorträgen und Symposien, die Förderung und Publikation von wissenschaftlichen Studien zur schwul-lesbischen Kunst und Kultur sowie andere Aktivitäten, die geeignet sind, schwul-lesbisches Kulturleben in die Öffentlichkeit zu tragen.” Folgenden Fragenkatalog hat uns Matthias Dornhuber, Europakandidat der SPD Fürth und Vorstand des Vereins in Nürnberg, freundlicherweise per eMail bearbeitet:

 

1. Was genau ist Queer Culture, was ist die Idee hinter dem Verein?

Matthias Dornhuber:“Queer Culture ist ein gemeinnütziger Kulturverein. Wir wollen dem queeren und dem nicht-queeren Publikum in unserer Region queere Kultur präsentieren –durch Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen, Vorträgen und Symposien – und queere Kulturschaffende fördern. Menschen machen Erfahrungen. Erfahrungen, die manche von ihnen in Literatur und Musik, in Bildern und in Filmen verarbeiten. Queere Menschen machen besondere Erfahrungen, denn sie sehen sich in ihrem Leben oft mit ganz besonderen Herausforderungen konfrontiert. Das Coming-out ist nur die bekannteste von ihnen – aber bei weitem nicht die einzige. Und auch diese Erfahrungen finden sich in Literatur, Musik, Bildern und Filmen von oder über queere Menschen wieder. Aus all den einzelnen Büchern, Liedern, Bildern und Filmen entsteht in ihrer Gesamtheit die Kultur einer Gesellschaft. Queere Künstler und queere Themen haben die Kultur zu jeder Zeit bereichert - und dabei nicht wenige unvergängliche Meisterwerke geschaffen. Das wollen wir zeigen; wollen Neugier wecken auf queeres Leben, Verständnis erzeugen für Probleme, die damit einhergehen, und ein Forum für den Austausch über unsere unterschiedlichen Erfahrungen für ein breites Publikum schaffen.”

2. Wie schätzen Sie die Metropolregion Fürth/Nürnberg/Erlangen für die Community ein? Gibt es genug Angebote, oder ist noch Luft nach oben?

Matthias Dornhuber:“Luft nach oben gibt es natürlich immer. Wir selbst haben zum Beispiel noch ganz viele Veranstaltungsideen, die wir bisher noch nicht umsetzen konnten. Aber unsere Metropolregion bietet schon sehr viel für die Community und kann für unglaublich viele motivierte und engagierte Menschen und Vereine sehr dankbar sein: das SchwuLesbische Zentrum Fliederlich mit seinen vielen Beratungs- und Selbsthilfeangeboten (zum Beispiel der Jugendintiative), aber auch seiner politischen und seiner Aufklärungsarbeit; den CSD-Verein natürlich, der dieses Jahr wieder einen richtig beeindruckendes Programm für den Pride-Month und den Christopher-Street-Day organisiert hat; die AIDS-Hilfe für alle gesundheitlichen Fragen; den Sportverein Rosa Panther mit seinen vielen Abteilungen; Queer Culture für Kulturveranstaltungen; Chöre wie die Trällerpfeifen und die Tinitussis; die Theatergruppe Schlampenlichter; offene Gruppen wie Queer Franken; das Newsportal Gaycon.de und schließlich immer wieder auch queere Parties - da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Politisch aber ist unsere Region natürlich Teil des Freistaat Bayerns, und da gibt es leider noch immensen Nachholbedarf. Während unsere Städte die Community gerne und gut unterstützen, hinkt das ländliche Bayern sehr hinterher. Alle anderen Bundesländer haben zum Beispiel inzwischen einen Aktionsplan für Vielfalt und gegen Homo-, Bi- und Transphobie, wie ihn die EU fordert, nur Bayern nicht. Unsere Gesellschaft ist polarisiert wie lange nicht, es gibt wieder mehr Diskriminierung, mehr Beleidigungen und mehr Gewalt gegen queere Menschen. In Berlin werden Gewalttaten mit homo- oder transphobem Hintergrund polizeilich erfasst. 2017 gab es bei einer geschätzten Dunkelziffer von bis zu 90 Prozent 324 entsprechende Angriffe. Queere Jugendliche haben ein etwa 4-fach höheres Suizidrisiko. Das muss alles nicht sein: In den 32 Staaten, in denen bis 2015 gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt wurden, sind die Suizid-Versuche unter LGBT-Jugendlichen um 14 Prozent zurückgegangen, während sie in den anderen gleichgeblieben sind. Der rechtliche Rahmen und das staatliche Handeln machen also wirklich einen Unterschied.”

 


Foto: abgeordnetenwatch.de


3. Was für Angebote bietet Ihr Verein speziell für queere Jugendliche?

Matthias Dornhuber:“Wir organisieren ganz unterschiedliche Veranstaltungen, die sich grundsätzlich immer an ein möglichst breites Publikum richten. Außergewöhnlich viele Jugendliche und junge Erwachsene erreichen wir aber immer mit unserem Queer Filmfestival. Seit acht Jahren zeigen wir gemeinsam mit den Nürnberger Kinos Cinecittà und Casablanca an einem oder zwei Wochenenden ca. acht bis zwölf Filme, dazu gibt es ein Rahmenprogramm etwa mit Lesungen, Filmgesprächen oder Workshops. Auch bei der Themenwahl achten wir darauf, nicht nur Hochkultur zu bieten. Neben Vorträgen zu Friedrich dem Großen und zur Geschichte der Homosexualität in Deutschland hatten wir auch Veranstaltungen zur ‘50 Jahre Schwule und Lesben in der BRAVO’ oder ‘Homosexualität bei den Simpsons’. Die Filmvorführungen in den Kinos sind übrigens unsere einzigen Veranstaltungen, die Eintritt kosten. Alle anderen sind immer kostenlos – vielleicht trägt auch das dazu bei, dass wir verhältnismäßig viele jüngere Menschen erreichen.”

4. Hat sich Ihr Engagement für die LGBTQIA+ Community schon einmal negativ auf Ihr eigenes Leben ausgewirkt, sei es zum Beispiel im Wahlkampf, in der Politik oder privat? Haben Sie selber schon mal Hass auf die Community zu spüren bekommen?

Matthias Dornhuber:“Nein, ich musste bisher keine negativen Erfahrungen machen und bin dafür sehr dankbar, denn das ist leider nicht der Normalfall. Ich habe das bei vielen Freunden und Bekannten miterlebt. Das fängt mit abschätzigen, schiefen Blicken an, geht über Hänseleien und Beleidigungen oder verbale Drohungen bis hin zu Drohbriefen und physischer Gewalt. Und dann gibt es die Vermieter, die ganz offen zeigen, dass sie nicht an ein Ehepaar aus zwei Frauen vermieten werden. Und strukturelle Diskriminierung wie etwa den nach wie vor bestehenden, faktisch lebenslangen Ausschluss schwuler Männer von der Blutspende. Die Ohnmacht, dagegen nichts tun zu können, fühlt sich nicht gut an. Ich bin wirklich dankbar, dass ich bisher keinen Hass spüren musste, Anfeindungen gerade in den sozialen Medien kommen zurzeit eher für die politische Arbeit. Wichtig ist, dass wir als Community anpacken, sichtbar sind, uns gegenseitig stützen und gemeinsam mit allen, die guten Wilens sind, für eine Welt ohne Hass, Hetze, Vorurteile, Diskriminierung und Gewalt kämpfen.”

5. Haben Sie Tipps für Jugendliche oder queere Menschen im Allgemeinen für das Coming Out?

Matthias Dornhuber:“Das Coming Out ist immer etwas ganz Besonderes, etwas sehr Persönliches und Individuelles. Da ist es schwer, Tipps zu geben. Jeder muss das Recht haben, seine Coming-Out-Geschichte (denn in Wirklichkeit steht man im Leben ja mehrmals vor einer Coming-Out-Situation) selbst zu bestimmen: wann er oder sie wem was erzählt, muss einem selbst überlassen bleiben. Wer sich unsicher oder überfordert fühlt, sollte sich unbedingt Hilfe holen, zum Beispiel bei einer der Gruppen von Fliederlich. Vielleicht gibt es auch einen Bruder, eine Schwester, einen besten Freund oder eine beste Freundin, der man sich vorher anvertrauen kann und die dann bei schwierigeren Konstellationen Beistand leisten können. Man sollte sich auch bewusst machen, dass das eigene Coming Out meistens das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses ist, in dem man sich mit der eigenen Identität auseinandergesetzt hat. Die Gesprächspartner aber müssen auf eine vielleicht überraschende Nachricht in Sekunden reagieren - das ist manchmal gerade für Eltern nicht einfach. Meine Erfahrung ist aber, dass das Coming Out vor allem guttut, weil man die zentralen Fragen des Lebens endlich mit den Menschen, die einem wichtig sind, teilen kann.”

 

Das war’s soweit mit unserer Interview-Sektion. Es gibt aber noch weitere queere Vereine und Einrichtungen im Mittelfranken. 

Zum einen hätten wir da Uferlos e.V aus Bamberg. Der schwul-lesbische Verein wurde 1979 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die homosexuelle Community da zu sein. Ihre Aufgaben bestehen darin, Schwule und Lesben bei ihrem Coming Out zu unterstützen, ihnen ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm zu bieten und Homosexualität ein Forum in der Gesellschaft zu schaffen. Speziell für junge Menschen bietet Uferlos e.V. die “Uferlos Young” Gruppe an, eine Jugendgruppe für Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. In dieser Gruppe steht der Verein jungen Homosexuellen mit Rat und Tat durch Information und Aufklärung zu Seite. Uferlos e.V. lädt ein zu Partys, Wanderungen, geselligen Gesprächsstunden und besonderen Events wie ein Bowlingtunier oder einem Sommerfest und bringt somit die queere Community aus Bamberg und Umgebung ein Stück nähe zusammen.

 

Zurück nach Nürnberg, genauer gesagt in das Cartoon. Cartoon ist ein Schwul-Lesbisches Café in Nürnberg, das zu einem gemütlichen Kaffee oder einem leckeren selbstgemachten Essen mit Freunden einlädt. Monatlich betreibt die Einrichtung Party-Events und an den Wochenenden werden in der CO²-Bar wilde Partys gefeiert.

Wir bleiben in Nürnberg und werfen einen Blick in die Theaterszene, genauer gesagt in das Paradies Revue Theater. Das Travestie - Theater bietet euch ein breit gefächertes Spektrum elegant verpackter Abendunterhaltung für alle Altersklassen, wie zum Beispiel Comedy, Parodie, Conférence, Life-Gesang, Striptease und Man-Strip. Das PARADIES ist eines der ältesten Privattheater der Stadt und bietet ein monatlich wechselndes Programm mit Artisten aus aller Welt. 

 

Als letzten inhaltlichen Punkt möchten wir euch noch zwei große Party-Events vorstellen, die in der Nürnberger Community zu finden sind: Auf der einen Seite natürlich der CSD in Nürnberg. Wir werden vor Ort sein und mit einer Fotoreportage berichten. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald auch einen in Fürth? Wenn ihr Lust darauf habt, scheibt uns eine eMail an redaktion@direkt-magazin.de.

Die zweite Möglichkeit betrifft das Nachtleben und findet auch am nächsten Samstag wieder statt: die monatliche rosa Party im Hirsch: “Rosa Hirsch”. Wer hätte diesen Namen erwartet xD. Einmal monatlich findet dort in der Vogelweiherstraße 66 eine Party explizit für die queere Community statt. Passend zum CSD ist dort heuer die Afterparty ab 23 Uhr. Für die Ü18-Fraktion also durchaus interessant!

Und damit sind wir am Ende unserer heutigen Ausgabe angekommen. Wir hatten durch unsere Recherche das Privileg, mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen, die alle auf ihre Weise etwas für die LGBTQIA+ Community in Mittelfranken leisten. Natürlich ist auch uns aufgefallen, dass da an vielen Stellen noch Luft nach oben ist und es noch mehr Angebote gerade für die queere Jugend der Region geben könnte. Wir hoffen, dass wir euch in diesem Artikel einen Überblick über die bestehenden Institutionen verschaffen konnten und ihr nun seht: Auch wenn es kein unendlich großes Angebot gibt, es sind Einrichtungen da. Und an viele dieser Einrichtungen könnt ihr euch jederzeit wenden, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt. Ihr seid nicht allein! 

 

Am Samstag sehen wir uns dann auf dem CSD 😉

 

Bis dahin, sashay away!

Eure rainbow surfer Lara und Aaron

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