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[LGBTQIA+] OSTD Carsten Böckl im Interview


Ein Artikel an einem Mittwoch? Ja, ihr seht ganz richtig! Aufgrund der Komplikationen mit dem Interview kommt der Artikel ausnahmsweise an einem Mittwoch. Der nächste Artikel kommt wieder - wie gewohnt - am Sonntag um 18 Uhr. Im Zuge unserer Recherche zur LGBTQIA+ Community stellte sich uns die Frage, auf welche Weise eigentlich Schulen mit dem Thema umgehen. Um Antworten zu finden, haben wir uns mit dem Direktor des Heinrich Schliemann Gymnasiums in Fürth getroffen und uns über Queerness, Diversität und das Coming-Out an Schulen unterhalten.


1. Welche Politik fahren Sie an Ihrer Schule bezüglich LGBTQIA+? Gibt es da bestimmte Angebote für Jugendliche?

OStD Böckl: „Ich kann für meine Schule sagen, dass wir seit einem Jahr die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ haben. Wir haben auch einen AK, der sehr rührig ist und in diesem Jahr eine Umfrage gemacht hat zum Thema „Diskriminierung“, also aus welchen Gründen Schüler diskriminiert werden. Und so haben wir ganz automatisch diese Thematik in der Schule, weil Diskriminierung nicht nur wegen Hautfarbe oder Namen stattfindet, sondern auch wegen sexueller Orientierung. Nicht in erster Linie auf der Ebene Lehrer-Schüler, sondern unter Schülern. Das war mir ganz wichtig, diese Auszeichnung zu bekommen und den AK zu installieren. Und das war schwierig, weil wir das nämlich an unserer Schule erst beim dritten Anlauf geschafft haben.“
2. Wir können uns vorstellen, dass sich da ein Spannungsfeld auftut: Einerseits soll die Schule politisch neutral sein, andererseits sollte Diversität gesellschaftlicher Konsens sein.
OStD Böckl: “Diversität ist eine gesellschaftliche Gegebenheit, die man akzeptieren muss. Das hat eigentlich mit Politik überhaupt nichts zu tun. Und diese Diversität muss ich umso mehr akzeptieren, wenn ich Lehrer bin und wenn ich mich um junge Leute kümmere und versuche, sie zu erziehen. Wir unterrichten jetzt auch Flüchtlingskinder. Und ich glaube, dass diese gesellschaftliche Entwicklung (Diversität) an den Schulen vor kurzem erst so richtig angekommen ist und auch angenommen wurde. Ich finde das schön, wenn Schüler aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen bei uns sind.” 
3. Wieso ist das so? 
OStD Böckl: “Ich denke, das liegt an der Schulstruktur hier. Wir sind das kleinste Gymnasium und durch diesen humanistischen Zweig auch das Gymnasium, das auch als anspruchsvoller gilt. Deshalb haben Kinder mit Migrationshintergrund eher Bedenken, unsere Schule zu besuchen, auch weil sehr viel Wert auf Fremdsprachen gelegt wird.“
4. Haben Sie hier ein besonderes Augenmerk auf LGBTQIA+ Themen? 
OStD Böckl: „Sexualerziehung ist ein wichtiges Thema. Das steht im Lehrplan und das ist aber auch ein Thema, das man nicht gern anfasst. Ich lege da aber Wert darauf: bei mir müssen die 10. Jahrgangsstufen einmal im Jahr einen Vortrag besuchen von Dr. Zippel aus München. Er spricht zum Thema sexuell übertragbare Krankheiten. In diesem Vortrag, der vier Schulstunden dauert, werden diese Themen alle angerissen und somit in der Schule behandelt und zumindest schon mal angesprochen. Aber was mir fehlt, ist zum Beispiel ein AK, der queere Schüler irgendwie anspricht und zusammenbringt. Das gibt’s bei uns noch nicht.”

 

5. Inwieweit können Sie als Schule in der Sexualerziehung selbst einen Fokus auf nicht heterosexuelle Themen setzen? Oder sind Ihnen da eher die Hände gebunden und Sie müssen das machen, was vom Ministerium kommt?  

OStD Böckl: „Naja, wenn ich das mache, was vom Ministerium kommt, heißt das ja nicht, dass ich darüber hinaus nicht noch weitere Themen behandeln kann. Ich habe da nur die Möglichkeit, den Lehrkräften zu sagen „es wäre wünschenswert, dass“ oder „Ich würde mich freuen, wenn sie das und jenes behandeln würden“, aber das normativ vorzugeben, das kann ich nicht machen. Das würde ich auch nicht machen. Das ist die pädagogische Freiheit der Lehrkräfte, da möchte ich mich auch nicht einmischen. Und da sind wir wieder beim Thema.“ 

6. Haben Sie Berichte darüber bekommen, ob es unter den Kindern an Ihrer Schule Diskriminierung gegen queere Mitlernende gibt?  

OStD Böckl: „Ich weiß das aus der Umfrage, die der AK Rassismus gemacht hat und die Ergebnisse wurden mir auch vorgestellt und es ist gottseidank ein geringer Prozentsatz. Aber so lange das nicht „0“ ist, muss dieses Thema ernstgenommen werden. Und ich habe diese Umfrage nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern sie in einer Lehrerkonferenz vorgestellt. Ich habe die Kollegen aufgefordert, wachsam zu sein und sich selbst zu überprüfen, ob man irgendwann Schüler diskriminiert hat wegen Hautfarbe, wegen schlechter Leistungen, wegen Namen, wegen Aussehen. Und ich schließe mich da ein. Auch ich muss das immer machen. Da überprüfe ich mich auch: „Hast Du jetzt irgendwas gemacht, was ein Schüler als Diskriminierung auffassen könnte?“ Es ist unsere Aufgabe, hier einen Lebensraum zu schaffen, in dem unsere Schüler unbeschwert und geschützt aufwachsen und lernen können. Das ist ganz einfach unsere Aufgabe als Lehrer.“

7. Könnten Sie sich vorstellen, dass es in einer Schule auch einen bestimmten Queer Safe Space gibt?  

OStD Böckl: „Ein Safe Space für alle, das würde ich bevorzugen. Weil wenn ich jetzt anfange, für eine bestimmte Gruppe solch einen Raum zu schaffen, dann kommen als Nächstes andere Interessengruppen. Wir müssen es schaffen, dass wir eben so zusammenleben, dass eben jeder den anderen toleriert und respektiert. Das ist meine Meinung.“

8. Tipps für das Coming Out? Welche Unterstützung würden Sie einem Schüler geben, der sich outen möchte? 

OStD Böckl: „Es wissen alle Schüler, dass ich für sie da bin. Es haben sich schon einige bei mir geoutet. Und ich hab’ diesen Schülern immer gesagt „bitte komm, wenn Du Probleme hast, auch am Wochenende“. Schüler haben meine Handynummer, ich bin für die Schüler da, das wissen sie. Und unser AK Rassismus hat sich selbst gebildet. Die Schüler wissen, dass wenn sie sich in einem AK formieren wollen, dann dürfen sie das. Und dann bekommen sie eine Lehrkraft an die Seite gestellt, die das ganze organisiert und betreut. Ich würde aber nie selbst sagen „Ja wir haben hier den AK Coming-Out. Kommt alle!“. Ich denke, so was muss immer im Zwiegespräch passieren. Ich kann da nur anbieten, für die Schüler da zu sein und zu unterstützen. Ich würde dem auch nie sagen “Du musst das in Deiner Klasse jetzt sagen”. Das passiert immer so, wie der Schüler das selbst möchte. Wenn er die Notwendigkeit verspürt, das zu sagen, dann muss er das machen. Wenn ihm das vielleicht noch peinlich ist und er noch warten muss, dann macht er das so.”

 

- Das Interview führten Lara und Aaron.


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