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[LGBTQIA+] LGBTQIA+ und Popkultur


It´s sunday, sunday, gotta read this on sundaaaay” 

 

OK, sorry für diese Rebecca Black Referenz. Aber es passt ja auch irgendwie: Heute geht es um LGBTQIA+ in den verschiedenen Medien! 

 

Zu Beginn möchten wir euch nicht die Antwort unseres Gewinnspiels von letzter Woche vorenthalten: Wir suchten nach den kleinen rainbowflags am Ladeneingang. Glückwunsch an die Gewinner, wir treffen uns dann demnächst bei der Eisdiele 😉 

Und jetzt geht’s auch schon los mit unserer heutigen Ausgabe. Wir holen aus und behandeln alle möglichen Medienformen, also zurücklehnen und Film ab! 

 

Als Einstieg kommt natürlich erstmal wieder etwas zum aufregen xD. Diesmal aus dem Musikbusiness: 

Im April 2019 veröffentlichte die deutsche Sängerin Sarah Connor ihren neuen Song „Vincent“. Doch wer zum Beispiel Hörer von Antenne Bayern ist, geht wohl eher leer aus. Denn der Radiosender weigert sich, das Lied zu spielen. Schuld daran ist die erste Line: „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt. Er hat es oft versucht und sich echt angestrengt.“  

Die Programmchefin des Senders, Ina Tenz, rechtfertigt dies auf der Website des Senders folgendermaßen: „Wir wollen nicht, dass der Song bei uns im Radio läuft und sich dann unsere Hörer unvorbereitet der Frage des eigenen Kindes stellen müssen: ‘Mama, was bedeutet einen hoch kriegen?’“ 

Aber werfen wir mal einen Blick auf das sonstige Programm der Radiostation. Wer nämlich denkt, der Sender würde konsequent auf Lieder mit sexuellen Texten verzichten, der liegt falsch. Schauen wir uns doch mal den Song „The bad touch“ von The Bloodhound Gang an, ein Lied, das mensch regelmäßig auf Antenne Bayern zu hören bekommt: „So put your hands down my pants and I´ll bet you´ll feel nuts“,„You and me baby we ain´t nothing but mammals so let´s do it like they do it on the Discovery Channel, gettin´ horny now“,„You´ll love it just like Lyle and then we´ll do it doggy style.“  

Das erklärte Ziel der Familienfreundlichkeit klingt anders... 



Aber dieses Lied ist nicht das einzige mit anzüglichen Lyrics. Ein absolutes Paradebeispiel ist „Whistle“ von Flo Rida: „Can you blow my whistle baby“ „I´m betting you love creep mode and I´m betting you like girls that give girls love to girls“, „It´s like everywhere I go my whistle ready to blow.“ Dass “Whistle” in diesem Kontext für das männliche Geschlechtsorgan steht und der Song Oralsex beschreibt, scheint Antenne Bayern nicht zu stören. 

Oder wie wäre es mit InnerCircle (u.a. mit Bob Marley) und deren oft gespielten Sommerhit „A Lala Long“? „I’ve been watching you a lala lala long”, “Girl I want to make you sweat, sweat till you can´t no more and if you cry out I´m gonna push it some more.“ Ein Schelm, wer hier an eine Vergewaltigung denkt... 

Was also, wenn Kinder am Frühstückstisch fragen: „Mama was meint der mit whistle?“ oder „Was ist doggy style?“ An den meisten Schulen steht der Englischunterricht bereits seit der Grundschule auf dem Stundenplan. Kinder sind heute mehr denn je im Alltag mit der englischen Sprache konfrontiert. Die Ausrede, Kinder würden die englischen Lyrics nicht verstehen, ist mehr als fragwürdig. Schon allein deshalb, weil auch der deutsche Song „Hamma!“ von Culcha Candela einen Platz in Antenne Bayerns Programm hat: „Du bist der Hamma und den will ich mal schwingen. So wie du mich anmachst, kann ich dir nicht widerstehen. Wie wär´s, wenn wir woanders so´n kleines Ding drehen? Und wat da so bei rauskommt, ja, dat werden wa ma sehen.“  

Ein deutsches Lied mit einer klaren sexuellen Anspielung, das vom Sender unzensiert gespielt wird.   

Sarah Connor singt in einer Line über einen biologischen Vorgang von Vincent, The Bloodhound Gang trällert über drei Minuten von Geschlechtsverkehr. Und trotzdem wird letzteres nicht aus dem Programm gestrichen.  

Was wäre, wenn Sarah Connor statt über einen schwulen Jugendlichen über einen heterosexuellen jungen Mann singen würde? Würde Antenne Bayern sich dann immer noch mit fadenscheinigen Ausreden weigern, den Hit zu spielen? Da sich alle anderen der genannten Lieder mit heterosexuellem Sex beschäftigen und unzensiert im Radio laufen dürfen, ist das eine durchaus berechtigte Frage.  

Und, Entschuldigung, aber: WTF InnerCircle?! Was ist falsch bei euch? 

 

Doch es gibt generell im Radio glücklicherweise auch queere Lieder oder queere Künstler. Das wohl berühmteste Beispiel im deutschen Radio ist die britische Rockband Queen mit ihrem Song „I want to break free“. Sänger Freddie Mercury war selbst ein Mitglied der LGBTQIA+ Community. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er mit dem irischen Friseur Jim Hutton, bevor er am 24. November 1991 im Alter von 45 Jahren an einer Lungenentzündung, ausgelöst durch seine Erkrankung an HIV und der daraus resultierenden AIDS-Symptomatik, verstarb. 

Queen performt den größten Teil des 1984 erschienenen Musikvideos in Drag. Verkleidet als Frauen erzählen die vier Männer Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon von der Emanzipation der Frau und singen dabei „I want to break free!“ was im Deutschen so viel heißt wie „Ich will ausbrechen!“ und „Ich will frei sein!“ Das Musikvideo ist gleichzeitig eine Parodie der britischen Seifenoper „Coronation Street“. 

Eine weitere LGBTQIA+ Person in der musikalischen Öffentlichkeit ist Beth Ditto, besser bekannt als die Frontfrau der Band Gossip, die 2009 den Hit „Heavy Cross“ veröffentlichten, der auch heute noch regelmäßig in den Radios zu hören ist. 2013 heiratete Ditto ihre damalige Lebensgefährtin Kristin Ogata, die beiden trennten sich jedoch im Frühjahr 2018. Seitdem ist die Sängerin mit dem Musiker und Trans*Mann Teddy Kwo zusammen.  

Auch der britische Sänger Sam Smith ist ein Teil der LGBTQIA+ Community. 2014 outete sich der Künstler erstmals öffentlich als schwul, 2017 erklärte er dem Magazin “Attitude” in einem Interview, er fühle sich genauso sehr als Frau wie als Mann. Kurz darauf outete er sich in einem Artikel in “The Sunday Times” als genderqueer. “I make no promises, I can’t do golden rings, but I’ll give you everything, tonight...” könnt ihr diesen Sommer ruhig etwas lauter aufdrehen ;) 

Ein weiteres Beispiel für ein queeres Musikvideo bringt der irische Folkrockmusiker Hozier, bürgerlich Andrew Hozier-Byrne, mit seinem Song “Take me to Church” aus dem Jahr 2013. Das Video erzählt die Geschichte eines schwulen Paares, das von maskierten Männern gejagt und gefoltert wird. Mit dem Lied spricht sich der 29 Jahre alte Musiker klar gegen Homophobie aus. Das Video zeigt auch hasserfüllte Demonstrationen, in welchen die Teilnehmer Schilder in kyrillischer Schrift hochhalten – eine klare Anspielung auf den intoleranten Umgang mit der LGBTQIA+ Community in Russland.  

 

Eine Musikveranstaltung außerhalb der Grenzen des Radios, die für ihren queeren Touch mittlerweile bekannt ist, ist der seit 1956 jährlich stattfindende Eurovision Song Contest, ein internationaler Musikwettbewerb mit Kandidaten aus Europa, Israel und Australien. Das grundlegende Motto der Veranstaltung ist das Zeigen und Leben von europäischer Vielfalt und Toleranz durch Musik und Bühnenshow. Die teilnehmenden Länder singen und performen um die Wette, um im nächsten Jahr die Show zu sich nach Hause zu holen. Im Laufe der Zeit sind auch außereuropäische Staaten wie Azerbaijan, Israel und sogar Australien dazugekommen. Der diesjährige ESC fand in Tel Aviv in Israel statt und war ein fulminantes Fest der Toleranz und der Sichtbarkeit für die LGBTQIA+ Szene. Nächstes Jahr werden die Niederlande den ESC ausführen. 

Aber nicht nur im Radio begegnet einem die LGBTQIA+ Community. Auch in der Welt der Filme stößt mensch auf queere Kultur. Das wohl bekannteste Beispiel im Bereich Kinofilme ist das 2005 erschienene Liebesdrama “Brokeback Mountain”, von Regisseur Ang Lee. Die Geschichte handelt von den beiden Viehhirten Ennis Del Mar und Jake Twist, gespielt von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, die 1963 einen Sommer lang die Schafe eines Großfarmers auf dem Brokeback Mountain hüten. Während des Jobs verlieben sich die beiden Männer ineinander und es beginnt eine dramatische Liebesgeschichte im Amerika der 60er Jahre, die wohl jedem Zuschauer ans Herz geht. 2006 gewann der Film neben einigen anderen Auszeichnungen drei Oscars und vier Golden Globe Awards. 2016 belegte “Brokeback Mountain” bei einer BBC Umfrage zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts Platz 40 und 2018 wurde der Film in das National Film Registry aufgenommen, ein Register von Filmen, die als besonders erhaltenswert gelten. 

Ein neuerer Film über queere Liebe, der 2018 bei den Oscars vertreten war, ist “Call me by your name”. Der Film von Regisseur Luca Guadagninobasiert auf dem 2007 erschienenen gleichnamigen Roman des Schriftstellers André Aciman und erzählt die Romanze zwischen dem 17 - jährigen Elio und dem 24 - jährigen Amerikaner Oliver. Die beiden lernen sich in 1983 in Norditalien auf dem Landsitz von Elios Eltern kennen, wo Oliver als Forschungsassistent für Elios Vater, einen Archäologen, für sechs Wochen bei der Familie einzieht. Zwischen den beiden Männern entsteht, ohne zu viel verraten zu wollen, eine unheimlich innige und gefühlvolle Beziehung, die sowohl im Buch als auch im Film den Betrachter mitreißt. “Call me by your name” wurde 2018 in vier Kategorien für den Oscar und für drei Golden Globes nominiert. Insgesamt gewann der Film rund 70 Filmpreise weltweit.   

 

Auch in Serien findet mensch queere Charaktere. Ein Beispiel wäre die neue Fortsetzung des Star Trek Universums mit “Star Trek: Discovery”. 2017 erschien die erste Folge der Serie, mittlerweile gibt es 29 Episoden über zwei Staffeln verteilt, eine dritte ist in Produktion. Star Trek hat eine lange Geschichte. Die erste Crew des Raumschiffs USS Enterprise brach bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts unter der Leitung von Captain James T. Kirk in die Weiten des Weltraums auf, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Schon damals behandelte die Show Themen wie Sexismus, Bürgerrechte, Kalter Krieg und auch Rassismus. Schauspielerin Nichelle Nichols war als Lieutenant Nyota Uhura die erste dunkelhäutige Frau in einer Weltraumserie, die nicht nur eine nebengeordnete Rolle auf der Brücke der Enterprise spielen durfte, sondern aktiv am Geschehen beteiligt war. Auch die neue Adaption führt die Diversität weiter. Hauptcharakter von “Star Trek: Discovery” ist Commander/Specialist Michael Burnham, gespielt von der dunkelhäutigen Schauspielerin Sonequa Martin Green. Aber auch LGBTQIA+ Charaktere sind an Bord der Discovery. Eine offen schwule und gleichzeitig interracial Beziehung blüht zwischen Lieutenant Commander Paul Stamets und Lieutenant Commander Dr. Hugh Culber auf, gespielt von den ebenfalls homosexuellen Schauspielern Anthony Rapp und Wilson Cruz. Ohne die ganze Story der Show erklären zu wollen, existieren in “Star Trek: Discovery” zwei Universen nebeneinander. In beiden Universen leben die gleichen Menschen, die jedoch andere Charakterzüge aufweisen. Das nutzt die Show um auch andere Sexualitäten zu porträtieren. Ist Paul Stamets in einem Universum schwul, wird er im anderen Universum als pansexuell definiert. Auch ein lesbischer Charakter findet sich auf der Discovery: Chief Engineer Jeff Reno, gespielt von Mathilde “Tig” O´Callaghan Nataro, die im echten Leben ebenfalls mit einer Frau verheiratet ist. 

In der bekannten britischen Comedy-Serie “Little Britain”, größtenteils produziert und dargestellt von Matt Lucas und David Walliams, werden mit ganz viel Humor und Übertreibung stereotypische Charaktere der britischen Gesellschaft dargestellt. Einige davon haben auch einen queeren Hintergrund, z.B. Daffyd Thomas, der sich für den einzigen Schwulen im Dorf hält (“I’m the only gay in the village!”), oder Emily Howard, der vermutlich schlechteste Travestie-Ausüber Englands (“I’m a lady, I do lady stuff”). Was auf den ersten Blick wie das Sich-Lustig machen über queere Menschen aussieht, stellt tatsächlich die gesellschaftlichen Vorurteile bezüglich queerer Verhaltensweisen humoristisch und übertrieben dargestellt an den Pranger. 

Besser spät als nie hat sich “The 100” auch noch getraut, queere Beziehungen (und Andeutungen von Sexualität) darzustellen: Zu Beginn, als die Serie noch unbekannt war und von Folge zu Folge dem Aus davonlief, waren die Charaktere noch stereotypische Teenager in einer postapokalyptischen Welt, natürlich alle hetero. Mit dem steigenden Erfolg fanden die Drehbuchautoren dann auch den Mut, sowohl einen weiblichen Hauptcharakter bisexuell zu schreiben, als auch ein homosexuelles Paar prominent in den Hauptgeschichtsstrang einzuarbeiten. Ob das aber am neuen Selbstbewusstsein ob der gefestigten Fanbase liegt oder mensch sich anfangs vor dem Abspringen konservativer Sponsoren fürchtete, kann mensch nur spekulieren. 

Und natürlich müssen wir noch etwas zu “Game of Thrones” sagen: Dort gibt es eine Vielzahl an queeren Charakteren. Interessant zu sehen ist allerdings, dass diese in einen kulturellen, geschichtlichen und hierarchischen Kontext gesetzt werden: Während die reichen Menschen (vor allen aus Dorne) unverhohlen ihrer Sexualität jeglicher Fa­çon frönen, sind die einfachen Menschen homophob und stereotypisch konservativ. Wenigstens sterben sowohl queere als auch heteronormative Menschen gleichermaßen oft und grausam lol. Das muss sie sein, die Gleichberechtigung!

 

Leider geht nicht jedes Franchisemit Queernessso um wie “Brokeback Mountain”, “Call me by your name” oder “Star Trek”. Ein Beispiel, das Fragen aufwirft, ist J.K. Rowlings neues Zauberer-Abenteuer “Fantastische Tierwesen”. Schon vor Veröffentlichung des ersten Teiles der neuen Saga, erklärte die britische Autorin, dass einer der Charaktere des Harry Potter Universums, Albus Dumbledore, schwul sei. Diese Information ist erstmal kein Problem, wäre da nicht die Tatsache, dass Dumbledore weder in den Harry Potter Büchern noch in den Filmen jemals als LGBTQIA+ Charakter portraitiert wurde. Seine Sexualität war in der Zaubererwelt vorher nie ein Thema gewesen, weshalb Fans irritiert auf diese Bekanntgabe reagierten. Kann es vielleicht sein, dass Rowling die fehlende Diversität in ihrer Saga aufgefallen ist und sie nun versuchte, das auszugleichen? Diese Vermutung liegt nahe. Eine Chance, Albus wirklich als schwulen Mann darzustellen, bekam die Erfolgsautorin mit der neuen Filmreihe “Fantastische Tierwesen”. Die Filme spielen im New York den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und damit zeitlich in den jungen Jahren des Dumbledore, als dieser nicht Direktor, sondern Lehrer an der legendären Hogwarts-Schule war. Nun würde es natürlich nahe liegen, die Homosexualität des Charakters in die Geschichte mit einzubinden, doch wer darauf gehofft hatte, wurde mit dem zweiten Teil “Fantastische Tierwesen und die Verbrechen des Grindelwald” bitter enttäuscht. Mehr als eine kleine Anspielung, Dumbledore und Grindelwald hätten “ein engeres Verhältnis als Brüder” gehabt oder die Tatsache, dass Dumbledore Grindelwald im Spiegel “Nerhegeb” sieht, der dem Betrachter nicht weniger als den tiefsten Herzenswunsch offenbart, ist nicht drin. Die Sexualität des Zauberers wird nie direkt angesprochen, auch eine klar definierte “Coming Out” Szene des Charakters als homosexuell wird dem Zuschauer nicht gegönnt. Warum mensch einen alteingesessenen Filmcharakter über zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des ersten Buches überhaupt zu einem Teil der LGBTQIA+ Community machen muss, wenn mensch anscheinend sowieso nicht plant, diesen Fakt in neuen Filmen zu behandeln, kann uns wohl nur J.K. Rowling verraten. Wie mit Dumbledores Homosexualität in den nächsten “Fantastische Tierwesen” Filmen umgegangen wird, bleibt abzuwarten. Traurig ist allemal, dass durch solche Winkelzüge der Akzeptanz der LGBTQIA+ Szene ein Bärendienst getan wird: Gegner von Diversität regen sich über “Genderterror” auf, und die Community wird durch so eine lauwarme Abhandlung wieder einmal gezeigt, dass man sie nicht ernst nimmt.  

Auch die BBC Serie “Sherlock” hat so ihre Probleme mit Queerness. 2010 feierte sie ihr Debüt und endete 2017 nach vier Staffeln mit insgesamt 13 Episoden. “Sherlock” wird von vielen oft sofort mit dem Begriff des “Queerbaiting” in Verbindung gebracht. “Queerbaiting” ist, wenn in fiktiven Werken eine homosexuelle Beziehung zwischen zwei Charakteren immer wieder deutlich angespielt, aber nie explizit in die Geschichte eingebaut wird. Und genau das findet mehrmals in der BBC Adaption des Meisterdetektives statt. Bereits in der ersten Episode wird Sherlock Holmes von seinem neuen Mitbewohner und späteren besten Freund Dr. John Watson nach seinem Beziehungsstatus gefragt. Auf die Frage, ob er denn eine Freundin hätte, antwortet Holmes mit “A girlfriend? Not really my area” was imDeutschen der Aussage entspricht, Frauen seien nicht wirklich sein Gebiet. Auf die Frage, ob er denn stattdessen einen festen Freund hätte, antwortet der Detektiv mit einem simplen “No.” Sherlock wird in der Serie immer wieder als Soziopath oder gar Psychopath ohne Gefühle oder zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen dargestellt, doch sogar Holmes fasste Johns Fragen als subtiles Flirten auf und machte ihm vorsichtig klar, dass er mit seiner Arbeit verheiratet sei und kein Interesse an einer Beziehung mit ihm hätte. Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Serie hindurch. Immer wieder lassen die Macher Holmes und Watson miteinander flirten, schmeißen mit homoerotischen Anspielungen und Subtext um sich, verneinen aber jede nicht-platonische Beziehung zwischen den beiden Männern. Die Fans würde es auch nicht stören, wenn Sherlock Holmes und Watson nur heterosexuelle Freunde wären, würden die beiden in der Serie auch so porträtiert werden. Stattdessen bekommt der Zuschauer unterschwelliges Flirten, scheue, heimliche Blicke und Herzschmerz. Dass das auf Dauer nervt, wenn von offizieller Seite jede homosexuelle Beziehung zwischen den beiden vehement bestritten wird, ist offensichtlich. Sogar in der Serie selbst werden Holmes und Watson regelmäßig für ein schwules Paar gehalten, was Sherlock nie zu stören scheint, da er es nie abstreitet. Aber für eine queere Adaption des Meisterwerkes von Arthur Conan Doyle hat BBC anscheinend letztendlich der Mut gefehlt.   

 


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Nun verlassen wir die Welt der Fiktion und kommen zurück in das echte Leben. Also YouTube. 

Das Leitmedium der jungen Leute bietet ungeahnte Möglichkeiten, außerhalb der standardisierten Gesellschaft neue Lebenskonzepte vorzustellen und anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Kennt ihr alle ja sowieso. Deswegen an dieser Stelle nur eine kleine Auswahl an YouTubern aus dem deutschsprachigen Raum, die wir als sehenswert erachten und die queeren Content erstellen. 

Zuerst ist da “Raffa’s Plastic Life” aus Zürich. Raffa ist eine Trans*Frau, die auf ihrem Kanal nicht nur Schminktutorials und Comedy macht, sondern auch über ernste Themen spricht, v.a. bezüglich ihrer Transsexualität und allem, was damit zusammenhängt. 

Für schwulen Content sorgt u.a. “Tommy Toalingling” mit seinem Kanal. Dort spricht er über alles, was mit dem Schwulsein zu tun hat. Bekannt ist seine Videoreihe “Erster Schwultag”. 

Annikazion” ist die Ansprechpartnerin, wenn es um weibliche Homosexualität geht. Sie macht v.a. Q&A’s mit Coming-Out Geschichten aus ihrer Zuschauercommunity. 

Und als Abschluss dieser kleinen Auflistung noch einen Channel für allgemeinere Fragen und auch andere Themen wie Feminismus, Body Positivity oder Rassismus: “Auf Klo”

Schaut auf jeden Fall mal bei diesen vier Channels rein, es lohnt sich! 

 

Jetzt aber wirklich zu zwei echten Personen, die die Wahrnehmung der LGBTQIA+ Community in Deutschland geprägt und nachhaltig in der Gesellschaft etabliert haben. 

Die erste Person dürfte vielen spätestens seit dem ESC von 2014 bekannt sein: Conchita Wurst. 

Die österreichische Sängerin, eine Kunstfigur von Thomas Neuwirth, hat damals für Österreich den ESC gewonnen und wurde zur “Queen of Österreich” erkoren. Das markante dabei: Conchita Wurst ist eine elegant gekleidete Diva mit Vollbart. Der Name besteht aus einer Kombination eines lateinamerikanischen Namens (Conchita kommt ihrer fiktiven Biographie nach aus den Bergen Kolumbiens) und dem Nachnamen Wurst, denn Neuwirth nach sollte es eben “wurst” sein, aus welchen Gründen eine Person anders als ihr Umfeld ist. Er wollte mit der Etablierung der Kunstfigur ein Zeichen setzen und v.a. Jugendlichen helfen, von ihrem Umfeld trotz ihres “Anders-seins” akzeptiert zu werden. Mit “Rise like a phoenix” begeisterte Conchita ganz Europa. Plötzlich war eine genderfluide Persönlichkeit im Fokus der Öffentlichkeit. Ihre gewonnene Aufmerksamkeit nutzte sie, um für die Belange der LGBTQIA+ Community und mehr Toleranz in der Gesellschaft einzutreten. Ein Zitat von Conchita Wurst finden wir besonders inspirierend, auch wenn es etwas archaisch anmuten mag: “Wer an meiner Weiblichkeit zweifelt, kann mir einen blasen.” 

Die zweite Person, die wir euch vorstellen möchten, ist Olivia Jones, Deutschlands wohl bekannteste Drag Queen aus Hamburg. Eine absolute Kultpersönlichkeit in St. Pauli, aber auch vielerorts gesellschaftspolitisch aktiv im Kampf gegen Hetze, Diskriminierung und die Verbreitung von HIV. Wer die Bundespräsidentenwahl 2016 verfolgt hat, konnte sie ohne weiteres im Meer der unisono gekleideten Anzugsmassen erkennen: ein bunter Fleck und sehr groß gewachsen. In ihrem Heimatdorf, Springe, steht eine Bank zu Ehren Olivia Jones’. Dort findet sich auch ein Zitat: “[Das Beste am Norden]…ist in Springe meine Schule. Hier hat Mann einiges gelernt, was Frau später brauchte – und als schwuler Schmetterling im Schul-Kokon viel Spaß gehabt. Ich kann zwar immer noch nicht gut rechnen – hab’ aber trotzdem jetzt ’ne eigene Bank. Sitz!” Falls ihr also mal in St. Pauli unterwegs seid, schaut doch in einem von Olivias Lokalen vorbei. Vielleicht habt ihr Glück und trefft sie dort an :) 

 

Nun sind wir auch schon wieder am Ende der heutigen Ausgabe angekommen. Wir entlassen euch mit einer Songzeile aus dem Lied “M&F” von den Ärzten: “Manche Männer lieben Männer, manche Frauen lieben Frauen, da gibt’s nichts zu bedauern und nix zu staun’, das ist genauso normal wie Kaugummi kaun’ doch die meisten werden sich das niemals traun’...” 

 

Bis nächste Woche und sashay away! Und denkt dran: “You’re not the only gay in the village!” 

 

- Eure rainbowsurfer Lara und Aaron


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