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[LGBTQIA+] Diversität in der Gesellschaft, die Geschichte und die Rechte der LGBTQIA+ Szene & der Gender-Begrif


Vorne weg: Wenn wir für diesen Artikel keinen Pulitzer-Preis bekommen, verklagen wir Deutschland...

Neuer Sonntag, neues Glück. Heute erwartet euch eine besonders lange Ausgabe! Es geht um Diversität in der Gesellschaft, die Geschichte und die Rechte der LGBTQIA+ Szene, sowie um den Gender-Begriff. Also ein großes Paket an wichtigen Dingen 😊

Beginnen wollen wir mit einem kleinen Rätsel-Ausflug in die Fürther Innenstadt: Vielleicht habt ihr sie ja schon mal gesehen. Meistens an der Eingangstür, ungefähr so groß wie eine Hand. Dort kleben sie farbenfroh und wollen den Passanten und Kunden etwas mitteilen. Regelmäßig tauchen sie im Juni auf, einige bleiben aber auch übers ganze Jahr in der Kleeblattstadt. Zurzeit kann mensch sie an einem “roten Telefonladen” in der Schwabacher Straße und an einem “Lebensmittelhändler mit vier Buchstaben” in der Neuen Mitte bewundern.
Wenn ihr es erraten habt, was gemeint ist, macht ein Foto von einem der beschriebenen Dinge und sendet es uns an redaktion@direkt-magazin.de unter dem Betreff “Was klebt denn da?”. Die ersten fünf richtigen Einsendungen bekommen eine Kugel Eis mit Aaron und Lara.
Ach ja, bis nächste Woche Sonntag, 21.07.19 um 12 Uhr mittags, habt ihr Zeit. Abends gibt’s dann die Auflösung im neuen Artikel 😉

Themenwechsel: Einige von euch waren bestimmt schon mal Blut spenden. An sich ein ehrenwerter Beitrag für die Gesellschaft. Doch viele Menschen dürfen das nicht tun - und dabei handelt es sich nicht um Menschen, die krank sind und aus medizinischen Gründen von der Spende ausgeschlossen sind. Es geht um nicht-heterosexuelle Menschen (im Folgenden für den besseren Lesefluss “queer” genannt), die aufgrund ihres “risikobehafteten Sexualverhaltens” lebenslang von der Blutspende ausgeschlossen waren.
Salopp gesagt: Hast Du als Jugendlicher mal eine homosexuelle Erfahrung mit Sexualkontakt gemacht, und seitdem nur noch heterosexuell gelebt (vielleicht seitdem sogar keinen Sexualkontakt mehr gehabt), warst Du trotzdem von der Blutspende Dein restliches Leben lang ausgeschlossen.
Im letzten Herbst hat sich die Regelung etwas gelockert. Seitdem wird “nur” noch verlangt, für ein Jahr kein “sexuelles Risikoverhalten” mehr gelebt zu haben. Doch trifft diese Einschränkung nicht auf den Großteil der heterosexuellen Menschen zu. Zwar sind auch “sex workers” aller Geschlechter sowie heterosexuelle Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern gleichermaßen von der “Ein-Jahres-Regel” betroffen. Aber im Falle einer queeren Person wird von dieser verlangt, ein Jahr lang gar keinen sexuellen Kontakt gehabt zu haben, bevor diese Person zur Blutspende zugelassen wird.
Ja, das bedeutet auch, dass beispielsweise Menschen in einer monogamen homosexuellen Beziehung, in der “safer sex” praktiziert wird, ein Jahr lang auf Sex verzichten müssten, nur um zur Blutspende gehen zu dürfen. Auf der anderen Seite dürfen heterosexuelle Singles, die nur gelegentlich Sexualkontakt mit anderen Menschen haben, weiterhin Blut spenden. Von Heterosexuellen in einer monogamen Beziehung wird dieselbe “Ein-Jahres- Regel” natürlich auch nicht verlangt.
Begründet wird diese offensichtliche Diskriminierung damit, dass Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern ein erhöhtes Risiko für die Infektion mit HIV und Hepatitis C hätten, was dann auch durch deren Blutspende an die Empfänger weitergegeben werden könnte. Queere Personen werden auch als eine solche “Risikogruppe” kategorisiert. Dies ist eine diskriminierende Verallgemeinerung auf ein uraltes Klischee: Queere Personen würden ständig wechselnde Sexualpartner haben und sich zwangsläufig mit Krankheiten infizieren. Und selbst wenn sie sich in einer monogamen Beziehung befinden, wäre immer noch das erhöhte Risiko, zu erkranken, vorhanden.
Mensch fragt sich, wie das mit dem Infizieren klappen soll, wenn es sich um eine monogame Beziehung handelt. Schließlich entstehen Krankheiten ja nicht einfach nur durch Sex. Wobei, einige v.a. ältere Menschen sind genau dieser Ansicht...wohl hegen solche Menschen die Vorstellung, dass queere Personen sowieso nicht treu sein könnten, also dass ein Partner fremd ginge und sich so infizieren würde.
Wir denken, dazu müssen wir nicht wirklich viel sagen. Es ist schlicht falsch, verletzend und diskriminierend, und medizinisch gesehen auch Unsinn. Keine Krankheit entsteht einfach so, weil man nicht hetero ist.
Fakt ist, dass der Großteil der Neuinfektionen mit HIV zwar queere Männer sind. Das liegt aber nicht an der Queer-Eigenschaft jener an sich, sondern an der Tatsache, dass diejenigen Queer-Männer, die sich neu infizierten, ein riskantes Sexualverhalten auslebten, zum Beispiel der Verzicht auf “safer sex” Maßnahmen, oder darüber vielleicht auch nicht Bescheid wissen, da die “sex education” fehlt. Viele queere Menschen leben aber auch noch immer “in the closet” und deswegen gehen sie mehr Risiken ein, um mit einer anderen Person Sex haben zu können. Eine queere Person, die aber “safer sex” praktiziert und sich vielleicht sogar in einer monogamen Beziehung befindet, hat im Vergleich zu einer heterosexuellen Person unter den gleichen Umständen definitiv kein erhöhtes Risiko, sich mit HIV oder anderen STDs zu infizieren. Im Hinblick auf diese Tatsache ist die Diskriminierung allein aufgrund der Queer-Eigenschaft einer Person nicht zu rechtfertigen. So hat das schließlich auch der EuGH gesehen und bereits 2015 eine Diskriminierung dieser Art untersagt. Und im letzten Herbst wurde das dann auch von Deutschland so umgesetzt, in der Hinsicht, dass das generelle Blutspendeverbot für queere Menschen aufgehoben wurde.
Trotzdem bleibt immer noch die o.g. Einschränkung mit der “Ein-Jahres-Regel" bestehen. Diese Ungleichbehandlung weist auf ein gewisses Spannungsfeld hin: Ungleiche Erwartungen und Vorurteile führen zu (struktureller) Ungleichbehandlung von bestimmten Gruppen unserer Gesellschaft.


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Ein weiteres Indiz für dieses Spannungsverhältnis bezüglich der Lebensweise von queeren Personen sollen auch die folgenden zwei Zitate darstellen:
Klaus Wowereit, ehemaliger Berliner Bürgermeister, sagte vor seinem Antritt einmal auf einer Versammlung der SPD: “Ich bin schwul – und das ist auch gut so!” Einen Abbruch in seiner Karriere hat ihm das nicht getan: Er wurde wie gesagt Bürgermeister einer der größten Städte Europas. Das war im Jahr 2001. Die Reaktionen damals reichten von erfreut-unterstützend bis kritisch-ablehnend.
2017 dagegen, kurz nachdem vom Bundestag die “Ehe für alle” verabschiedet wurde, gab ein Kasseler Uni-Prof namens Ulrich Kutschera einer katholischen Website ein Interview. In diesem nannte er das Adoptionsrecht für Homosexuelle “staatlich geförderte Pädophilie und Kindesmissbrauch”. Inzwischen ist er Mitglied der AfD-nahen “Desiderius-Erasmus-Stiftung" und muss sich einer Anklage u.a. wegen Volksverhetzung stellen.
Allgemein scheint die Sichtbarkeit der LGBTQIA+ Community zu steigen, was sich an den vielfältigen Reaktionen in den Medien und auch auf Gesetzesebene zeigt. Einen akzeptablen Status-Quo gibt es aber, auch im Hinblick auf solche Äußerungen wie von Kutschera, noch lange nicht. Das Spannungsfeld bleibt demnach erhalten.

Doch wie sieht es denn nun tatsächlich mit dem rechtlichen und gesellschaftlichen Status einer LGBTQIA+ Person aus?


DINGDONG!
Willkommen zur ersten Stunde für heute: Wirtschaft und Recht!

 

Natürlich, das erste, was uns einfiel, und was oben auch schon mal angesprochen wurde, ist die erfreuliche Entwicklung beim Thema “Ehe für alle”. Im Juli 2017 vom Bundestag verabschiedet und zum November 2017 in Kraft getreten, erlaubt die “Ehe für alle” endlich auch die Ehe zwischen queeren Personen. Zuvor war es gesetzlich nur vorgesehen, dass ein Mann und eine Frau die Ehe schließen dürfen.
Zwar gab es schon eine Weile vorher die Möglichkeit für queere Personen, eine sog. “eingetragene Lebenspartnerschaft” einzugehen. Doch hat diese im Vergleich zur regulären Ehe einige Vorteile nicht gewährt, zum Beispiel lange Zeit nicht die Möglichkeit, vom Ehegattensplitting steuerlich zu profitieren. Für viele Menschen war auch der begriffliche Unterschied zwischen Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft eine Diskriminierung symbolischer Natur: Schließlich wurde mensch aufgrund der eigenen Sexualität anders behandelt. All dies hat sich mit der “Ehe für alle” nun positiv verändert; ein wichtiger Schritt hin zur Gleichstellung aller Menschen in unserer Gesellschaft ist getan worden. Queere Ehen haben nun denselben rechtlichen und gesellschaftlichen Status wie Hetero-Ehen.

Ein ganz elementarer Punkt, der damals wie heute noch große Probleme verursacht, ist das Adoptionsrecht für queere Paare. Im §1353 Abs. 1 BGB mag sich inzwischen eine Ergänzung für queere Paare befinden (Wortlaut: “Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.”), in vielen anderen Gesetzen, so auch im Abstammungsgesetz, hält der Gesetzgeber (in diesem Fall vermutlich wirklich alte, weiße Männer) dennoch an einer gewissen Heteronormativität fest.
Im Rahmen des Interviews mit dem LSVD Bayern e.V., welchen wir euch in zwei Wochen zusammen mit anderen Vereinen in der Region vorstellen möchten, konnten wir uns auch mit zwei Regenbogenfamilien unterhalten. Zum einen waren da Katrin und Betty, die gemeinsam ein Pflegekind betreuen, sowie Isi, die ihren Sohn selbst ausgetragen hat. Isis Frau war zum Interview-Zeitpunkt in der Versammlung des LSVD, sodass wir die drei Mütter interviewen konnten.

  • Wie ist der Kontakt zu anderen Regenbogenfamilien gestaltet? Findet man sich leicht oder muss man da auch wirklich erst suchen?
    Isi: „Es ist gar nicht so leicht sich zu finden. In unserem Freundeskreis ist es so, dass wir die einzige Familie sind, die jetzt schon ein Kind hat. Wir haben halt viele andere beraten, die jetzt dabei sind, insofern ist man schon auch in dieser heterosexuellen Welt unterwegs, wenn man Dinge mit Kind machen möchte. Oder die Geburtsvorbereitungskurse: Bei mir ist es so, dass ich meinen Sohn selbst bekommen und ausgetragen habe, das heißt, ich war auch in dieser ganzen Geburtsvorbereitung drinnen und das ist alles total heterosexuell und heteronormativ. Ich wollte schon lange auch in so eine Regenbogenfamilien-Gruppe kommen oder diese Gruppe dann neu beleben, weil die ist ja auch ein bisschen eingeschlafen, aber im ersten Lebensjahr von einem Kind hat man auch ein bisschen andere Sorgen und deswegen waren wir ganz glücklich, als wir die Rundmail bekommen haben vom LSVD e.V., dass die Gruppe jetzt wieder ins Leben gerufen wurde und so haben wir uns jetzt vor einem Monat ungefähr beim ersten Treffen kennengelernt. Wir sind nun die ersten Regenbogenfamilien füreinander, die sich kennengelernt haben und die sich gottseidank auch total gut verstehen.
  • Katrin: „Also generell ist es so, ich hab’ schon Kontakt zu anderen Regenbogenfamilien, aber ausschließlich online. Persönlich hab’ ich auch keine einzige gekannt. Ich bin wahnsinnig dankbar jetzt für diesen Austausch und schon allein bei diesem zweiten Treffen merkt man, was eigentlich fehlt. Ich glaube, dass das noch was Größeres werden wird. Wir haben auch schon ganz viele Anfragen, aber mit Kindern ist halt vieles dann auch nicht mehr so leicht. Man kann nicht einfach zu einem Treffen kommen, weil da gibt es dann halt noch eine, zwei, drei Meinungen mehr, die halt krank sein können, keine Lust haben können usw. Das heißt: Familie unter einen Hut zu kriegen ist halt immer noch mal ein bisschen schwieriger und viele von den Angeboten, die es hier gibt, sind halt sehr familienunfreundlich, weil nach 19 Uhr oder unter der Woche. Dementsprechend glaube ich, dass dieses Angebot schon sehr gebraucht wird und dass es deswegen auch gut angenommen werden wird.”
  • Habt ihr auch Kontakt zu Männern, die eine Regenbogenfamilie gegründet haben? Haben die dieselben Probleme? Wie ist euer Eindruck: haben sie es leichter oder schwerer?
    Katrin: „Wenn, dann noch schwerer. Weil da geht’s halt in unserem Fall, wenn man selbst ein Kind austragen möchte. Dann kann man das über eine Kinderwunschbehandlung in Deutschland rechtlich okay machen. Man muss es zwar selbst bezahlen, aber es gibt einen rechtlichen Weg. Diesen Weg gibt es bei schwulen Paaren nicht, die müssen ins Ausland gehen und sind halt dann locker einen mittleren fünf- bis sogar sechsstelligen Betrag los. Die finanzielle Hürde ist bei uns schon auch vorhanden, vielleicht ein kleines bisschen weniger. Um konkret zu sein: Betty und ich haben insgesamt so 25.000€ in den Wind geschossen.“
    Isi: „Bei uns sind es so 10.000€, aber wir sind ja auch schwanger geworden, von daher ist es dann im Nachhinein noch mal ein anderes Gefühl, wenn es geklappt hat. Aber trotzdem ist das eine große Geschichte.
  • Habt ihr auch handfeste Diskriminierung erfahren von anderen Menschen?
    Katrin: „Also ich hab’ einen Blog, wo ich über unseren Kinderwunschweg gebloggt habe und wo ich auch schon angegriffen wurde mit den Worten „Wenn ihr ein Kind habt, rufe ich das Jugendamt“.
    Betty: „Was auch ganz interessant ist, das viel Diskriminierung auch aus den eigenen Reihen kommt, also dass man von schwulen Paaren oder lesbischen Paaren auch hört „Ja, warum müsst ihr denn jetzt auch noch ein Kind kriegen?“.
    Katrin: „Ja und dass Kinderbekommen gleichgesetzt wird mit „Na jetzt leben die auch in dieser heterosexuellen Matrix und die kämpfen jetzt gar nicht mehr für uns, weil die leben ja jetzt selber in ihrer kleinen Blase.
    Isi: „Das ist eigentlich das aller schlimmste, finde ich. Es ist einfach so, dass wir extrem viel für homosexuelle und in unserem Fall jetzt lesbische Sichtbarkeit tun, denn wir müssen uns praktisch in unserem Alltag täglich vor fremden Menschen outen. Sei es der Kinderarzt, die Hebamme, der Frauenarzt in der Kinderwunschbehandlung, die Kita. Also was es da für Spießrutenläufe geben kann... Wir haben jetzt in unserem Fall noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, was das angeht, außer in der Kinderwunschbehandlung. Was da absolut diskriminierend ist, was wir für Formalitäten erfüllen mussten, um überhaupt Sperma zu bekommen, ist einfach total krass, aber andere Diskriminierung haben wir in diesem Maße jetzt wie Katrin und Betty noch nicht erlebt, gottseidank. Aber das ist ein ganz schlimmer Vorwurf, der mich auch ganz hart trifft. Wir machen ganz viel für Sichtbarkeit, wir sind ganz offen und wir müssen noch offener mit unserer Sexualität sein als andere, die sich vielleicht sogar noch verstecken können. Also als Single oder als Paar kann man sich trotzdem immer noch ein bisschen verstecken. Aber es kommt immer die Frage, ich weiß nicht, wie oft ich nach meinem Ehemann gefragt wurde, wenn ich mit meinem Kind unterwegs bin. Und jetzt bin ich halt eine Lesbe, bei der man das total sieht und trotzdem werde ich das immer gefragt und das macht einen total irre, weil man einfach nicht gesehen wird und man sich immer wieder selbst outen muss, um zu zeigen „uns gibt’s auch noch“ und das kotzt mich an unserer Szene an.“
    Katrin: „In einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit Kindern findet ja auch eine Aufteilung der Aufgaben statt und die funktioniert anders als in Heterobeziehungen, weil es eben keine stereotype Aufteilung geben kann, weil beide Eltern das gleiche Geschlecht haben. Das heißt, dass es immer einen Part geben wird, der Aufgaben übernimmt, die eigentlich dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden und da erlebt man dann auch ganz viel Diskriminierung. Also ich geh zum Beispiel arbeiten und ich erlebe ständig die Diskriminierung durch andere Frauen, die halt arbeiten gehen und keine Kinder haben. Wie oft ich schon gesagt bekommen habe „Oh Du hast ein kleines Baby, warum ist das nicht da? Du kannst doch nicht arbeiten gehen, Du musst doch für Dein Kind da sein!
  • Wenn ihr Kontakt zu anderen Heteroeltern habt, wie reagieren die so?
    Isi: „Ich war mit Heteropaaren zusammen im Geburtsvorbereitungskurs. Die eine Frau hat zu mir, als wir das erste Mal da zusammen in dem Kurs saßen, gesagt, und das fand ich total süß, „also ich hab’ Dich gesehen und ich wusste, das ist doch ‘ne Lesbe! Wie schön!“. Und es war total schön, das von einer heterosexuellen und in meinen Augen auch sehr spießigen Person zu hören. Die anderen Teilnehmenden waren alle auch total interessiert und das ist auch zum Thema lesbische Sichtbarkeit wichtig anzumerken. Von zehn Frauen wussten neun nicht, also ich war die einzige die es wusste, wie wir überhaupt ein Kind bekommen können und dass wir diese Stiefkindadoption durchziehen müssen. Ich hab’ nur positive Resonanz bekommen von anderen Müttern. Väter schauen schon manchmal so ein bisschen, aber ich weiß auch nicht warum, wahrscheinlich weil sie es interessant finden und sich denken, wie das ohne einen Mann klappt, aber da hab’ ich auch keine negativen Erfahrungen gemacht.“
    Betty: „Die meisten sind einfach davon schockiert, was es alles für Hürden gibt. Also die meisten schütteln da nur noch den Kopf, wenn sie es hören aber sie wissen es ja nicht vorher.
  • Trotz Ehe für alle seid ihr nicht gleichgestellt?
    Katrin: „Nein. Im Abstammungsgesetz ist es noch so, dass da wortwörtlich drinsteht, dass der Partner der gebärenden Frau automatisch auch der Vater ist. Weil das halt nicht gegendert ist, also dass nicht von Partnern und Partnerinnen gesprochen wird, sondern nur von Partnern, gilt das eben nur für Männer. Also das heißt: Bei einem Kind, das in eine Heteroehe geboren wird, ist der Ehemann, auch wenn er nicht der leibliche Vater ist, automatisch der eingetragene Vater. Bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften eben nicht. Das ist nach wie vor eine gesetzliche Ungleichbehandlung, eine Gesetzesdiskriminierung.”
    Betty: “Die Bundesärztekammer spricht sich oft gegen die Kinderwunschbehandlung für homosexuelle Paare aus, da die rechtliche Lage dieser Kinder immer noch nicht geklärt ist. Kinderwunschkliniken können einen aus diesem Grund ablehnen. Deswegen kann man nicht einfach zu irgendeiner Kinderwunschklinik gehen, sondern muss erstmal schauen, wer einen überhaupt behandelt.”
    Katrin: „Unsere Tochter ist eine Pflegetochter. In dem ganzen Pflegekinderprozess haben wir in Nürnberg bisher keinerlei Diskriminierungen erlebt. Das kenne ich aus anderen Städten ganz anders. Aber mit einem Pflegekind ist man halt ganz anders gebunden. Man ist nicht erziehungsberechtigt an diesem Kind, sondern hat nur Vollmachten. Wir haben monatlich das Jugendamt im Haus. Man ist halt einfach eine regelmäßig kontrollierte Familie.
    Betty: “Wir können auch nicht einfach so in den Urlaub fahren, oder eine Operation durchführen lassen, wenn es notwendig ist, weil das alles vom Amt genehmigt werden muss.
  • Wie geht ihr mit Rollenbildern um?
    Betty: „Wenn mich jemand fragt, wer bei uns der Mann in der Beziehung ist, dann frage ich: “Fragst du zwei Essstäbchen auch, wer die Gabel ist?” Das ist dasselbe Prinzip. Da wird versucht etwas in ein Schema zu pressen, was nicht funktioniert.“
    Katrin: „Das Lustige ist, dass diese Kategorien einfach gebogen werden, wie man sie möchte. Weil bei uns Betty ein bisschen maskuliner aussieht, wird ihr sofort die gesamte männliche Sozialisation in die Schuhe geschoben. So krass, dass sie manchmal gefragt wird „Was? Du bist in Elternzeit zu Hause? Bist du da wirklich glücklich?”. Wenn sie jetzt aber in einer Heterobeziehung leben würde, würde sie keiner für den Mann in dieser Beziehung halten, da würde sich keiner darüber wundern, dass sie zuhause bleibt.
  • Falls sie schon sprechen: Nennen eure Kinder beide Mütter „Mami?“
    Katrin: „Viele Kinder haben zwei Omas. Und trotzdem ist es noch keinem Kind passiert, die Omas irgendwie zu verwechseln. Weil dann ist die eine Oma die Oma und die andere hat einen anderen Namen. Und ich bin mir zu 100% sicher, dass auch unser Kind irgendwann zwei unterschiedliche Namen für uns finden wird. Wir geben nichts vor.
    Isi: „Ich wäre gern Mama und meine Frau Mami, aber er wird sich das schon aussuchen. Also ich find Vornamen blöd.

Eine Familie zu gründen, verlangt viele Nerven und ganz viel Geduld. Eine Regenbogenfamilie zu gründen, steigert diesen Schwierigkeitsgrad nochmal exorbitant. Leider bekommt dieses Lebensmodell bei weitem nicht den Support und den Respekt, den es eigentlich ohne weiteres verdient.
Grundsätzlich sollte es in unserer Gesellschaft keine Diskriminierung von bestimmten Personengruppen geben. Das ergibt sich unserer Ansicht nach schon allein aus der Tatsache, dass wir in einer “freiheitlich-demokratischen Grundordnung” leben (für alle Twitter-Fans: Der fancy hashtag dafür ist #fdgo). Aber auch auf Gesetzesebene wurde dieser Gedanke festgeschrieben: Nämlich im “Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz” (AGG) von 2006. Dort heißt es in § 1: “Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.
Bei uns gibt es da noch das ein oder andere Umsetzungsproblem, um es mal milde auszudrücken.
An anderen Orten der Welt sieht das schon ganz anders aus: Dort ist es mit Gefängnis oder sogar dem Tod bestraft, queer zu sein. Viele Menschen haben sich auch aus diesem Grund auf den gefährlichen Weg gemacht, um in Europa ein Leben führen zu dürfen, bei dem sie sich nicht mehr verstecken müssen.
Wir haben uns gefragt, wie die Situation von Flüchtenden mit LGBTQIA+ Hintergrund bei uns vor Ort ist und uns deswegen mit Prof. Anuscheh Farahat unterhalten. Sie ist Professorin für öffentliches Recht, Migrationsrecht und Menschenrechte an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Auf unsere vier Fragen haben wir auch vier Antworten erhalten, die wir euch nun gerne zuteilwerden lassen:

 

1. Wie hoch schätzen Sie den Anteil von Flüchtenden mit LGBTQIA+ Hintergrund ein?
Prof. Farahat: “Mir sind keine konkreten Zahlen bekannt und ich glaube, dass sich das schwer seriös schätzen lässt. Jedenfalls kann man aber sagen, dass LGBTQIA+ Personen in vielen Ländern der Welt der Verfolgung ausgesetzt sind und allein aus diesem Grund auch eine nicht unbeträchtliche Zahl der Asylsuchenden dieser Gruppe angehören dürfte.

2. Asyl aufgrund der sexuellen Orientierung gibt es noch nicht all zu lange. Wie kam es zur Aufnahme in z.B. die Genfer Flüchtlingskonvention, und war dieser Vorgang im historischen Kontext eher progressiv oder nacheilend?
Prof. Farahat: “Streng genommen gab es keine förmliche Aufnahme der Verfolgung wegen sexueller Orientierung in die Genfer Flüchtlingskonvention. Diese Konvention sieht lediglich vor, dass Schutz vor Verfolgung, d.h. vor Zurückweisung in den Heimatstaat auch diejenigen Personen genießen, die wegen ihrer „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“ verfolgt werden. Dies haben sowohl der UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) als auch europäische und nationale Gerichte in den letzten Jahren so interpretiert, dass die sexuelle Orientierung eine solche „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“ begründen kann, wenn Menschen gerade wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Diese Interpretation ist auch das Ergebnis langer politischer Kämpfe, zu denen NGOs weltweit einen Beitrag geleistet haben. Letztlich konnte die aktuelle Rechtsauffassung dann vor allem mit Hilfe so genannter strategischer Prozessführung durchgesetzt werden.

3. Wie bewerten Sie das Verfahren, nachdem der LGBTQIA+ Hintergrund einer flüchtenden Person gesichert werden soll? Wie ist dieser im Vergleich zur Anerkennung anderer Fluchtursachen zu sehen?
Prof. Farahat: “Ein besonderes Problem bei der Feststellung, ob eine Person wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer sexuellen Identität verfolgt wurde, ist die Frage, wie man im Asylverfahren beweisen kann, dass man LGBTQIA+ ist und deswegen auch verfolgt wurde. Grundsätzlich gibt es solche Beweisprobleme natürlich auch bei anderen Verfolgungsgründen. Bei LGBTIQIA+ besteht das Problem, dass die Behörden bei der Prüfung der Verfolgungsgründe letztlich nach stereotypen Vorstellungen und Merkmalen suchen, wie sich LGBTQIA+ vermeintlich typischer Weise verhalten oder aussehen. Dadurch werden Stereotype unhinterfragt reproduziert. Außerdem besteht dabei natürlich die Gefahr, dass LGBTQIA+ Personen, die diesen Stereotypen nicht entsprechen, der nötige Schutz verwehrt wird. Daher hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die Behörden nicht nach bestimmten sexuellen Praktiken fragen dürfen und auch nicht verlangen dürfen, Videoaufnahmen intimer Handlungen vorzulegen oder sich bestimmter psychologischer Tests zu unterziehen, die vermeintlich ihre Homosexualität belegen oder widerlegen. Problematisch ist es daher auch, wenn die Behörden etwa danach fragen, ob die Antragsteller bestimmte Clubs aus der LGBTQIA+ Szene kennen oder darauf abstellen, wie eine Person gekleidet ist oder sich bewegt.

4. Gibt es spezielle Anlaufstellen für LGBTQIA+ Asylsuchende (in der Metropolregion)?
Prof. Farahat: „In den meisten Großstädten gibt es NGOs (z.B. “queer refugees deutschland” als Projekt des LSVD e.V., Anm. d. Red.), die spezielle Beratung für LGBTQIA+ Flüchtlinge anbieten. Aber auch an die Flüchtlingsräte vor Ort kann man sich regelmäßig wenden.“

 

Wir bleiben noch kurz beim Thema Recht. Im Herbst 2017 (Herbst scheint eine beliebte Jahreszeit für die Rechtsprechung zu sein) entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die bisherige Einteilung der Geschlechter im Geburtsregister - nämlich männlich, weiblich, ohne Angabe – gegen das Persönlichkeitsrecht von Intersex-Personen verstieße und deswegen eine neue “dritte Option” geschaffen werden müsse. Der Bundestag hat dann im Dezember 2018 entschieden, dass diese “divers” sein soll.
Seitdem könnt ihr bei einigen Stellenangeboten schon bemerken, dass nach “m/w/d” gesucht wird. Das “d” steht in diesem Fall (oh wonder!) für divers. Falls ihr also auf Anhieb sehen wollt, ob es sich um ein progressives Unternehmen handelt, haltet die Augen offen nach dem “d”!
Tatsächlich haben wir aber auch ein Unternehmen entdeckt, dass statt “m/w/d” die Formulierung “gn*” nutzt. Das ist dann tatsächlich nochmal ein Schritt progressiver: “Genderneutral (gn) im gesamten Spektrum (*)”

 

Für Trans*personen gibt es ein eigenes Gesetz, indem die rechtlichen Rahmenbedingungen (u.a. die “transition”) geregelt sind: Das Transsexuellengesetz, kurz TSG, aus 1981 und weitgehend modifiziert durch verschiedene Urteile des BVerfG zu Gunsten von Trans*personen.
Unterschieden wird grundlegend zwischen zwei Entscheidungsmöglichkeiten: Nur den Vornamen ändern (kleine Entscheidung) oder zusätzlich auch den Personenstand (große Entscheidung). Voraussetzungen für beide ist, dass sich einerseits die Trans*person nicht mehr mit dem bei Geburt zugeordnetem Geschlecht identifiziert und das Verlangen, dem jeweils anderen Geschlecht anzugehören, mehr als drei Jahre unter Leidensdruck besteht, und andererseits, dass es wahrscheinlich ist, dass sich dieser Wunsch nicht mehr ändern wird. Außerdem muss es sich um einen “Deutschen im Sinne des Grundgesetzes” handeln (das inkludiert EU-Bürger), um eine asylberechtigte Person oder im einen “Ausländer, dessen Heimatrecht keine diesem Gesetz vergleichbare Regelung kennt” und eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt. Das Gesetz hat an dieser Stelle also (nur) Trans*personen im Blick, die von einer Cis-Geschlechtlichkeit zur jeweils anderen wechseln möchten. Sind diese Kriterien erfüllt, kann die Trans*person zwischen der kleinen und der großen Entscheidung wählen. Auswirkungen hat diese Entscheidung also mindestens auf den Vornamen, im Falle der großen Entscheidung zusätzlich auch auf das im Geburtsregister eingetragene Geschlecht.
Jetzt wird es aber kurios: Was passiert, wenn eine Trans*person selbst ein Kind zur Welt bringt? Dafür müssen wir uns einer kleinen Auflistung bemühen:

  • Wurde nur der Vorname geändert (kleine Entscheidung, “kE”): Nach der Geburt des leiblichen Kindes wird die kE aufgehoben. Die Trans*person erhält den ursprünglichen Vornamen zurück. Die kE muss dann erneut beantragt werden
  • Wurden Vorname und Personenstand geändert (große Entscheidung, “gE”): Die Trans*person behält den gewählten Vornamen und das gewählte Geschlecht, wird aber im Bezug zum Kind im Geburtenregister als Elternteil mit dem ursprünglichen Geschlecht und Vornamen geführt. Das führt dazu, dass gebärende Trans*männer als Mutter eingetragen werden, obwohl sie die gE gewählt haben
  •  Wird ein Kind adoptiert, zählen sowohl kE als auch gE, sofern sie vor Adoption getroffen wurden

Das war beim Schreiben schon echt verwirrend. Wir hoffen, dass beim Lesen nicht ganz so viele Fragezeichen im Kopf auftauchen 😛

 

DINGDONG!

 

Alle reinkommen für die zweite Stunde: Sozialkunde!

In der ersten Ausgabe haben wir schon mal kurz angeteasert, worum es beim Begriff “Gender” geht. Wir haben festgestellt, dass es im Deutschen nur ein Wort für zwei verschiedene Dimensionen des eigenen Geschlechts gibt: Biologisch und sozial.
Über das biologische Geschlecht soll es in diesem Abschnitt jedoch nicht primär gehen, sondern wir möchten euch ganz genau erklären, was es mit dem sozialen Geschlecht einer Person auf sich hat. Dieses kann man auch “Identität” nennen.
Der Übersicht halber kommt hier eine Übersicht über die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten aus Geschlecht (biologisch) und Gender (sozial)

  • L, G, B, A: Beziehen sich auf die sexuelle Orientierung
  • T, I: Beziehen sich auf Geschlecht und Gender
  • Q, +: “umbrella letters”, die alle anderen Bezeichnungen auffangen
  • Sind Geschlecht und Gender unterschiedlich: Transgender
  • Ist das Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich: Intersex
  • Ist das Gender nicht eindeutig männlich oder weiblich: Nonbinary
  • Sind Geschlecht und Gender gleich: Cisgender (wichtig für weiter unten!)

Gender beschreibt also die soziale Komponente der Geschlechtsidentität.
Verschiedene Gesellschaften haben verschieden viele Gender. Während in der westlichen Welt traditionell die “Zweigeschlechtlichkeit” gelebt wird, gibt es in anderen Kulturen mehr Gender als männlich und weiblich. Hierbei ist, wie gesagt, nicht das biologische Geschlecht gemeint, sondern die soziale Rolle, in der sich ein Individuum sieht oder jene, die von der Gesellschaft dem Individuum zugewiesen wird. Und damit wären wir auch schon bei dem Problem der Rollenbilder in unserer Gesellschaft.
Jeder von euch kennt diese Rollenbilder: Eine Frau kümmert sich um Kind und Haus, der Mann geht arbeiten. Frauen sind emotional und Männer sollen keine Gefühle zeigen. Frauen essen Fisch (für die Figur) und Männer essen Fleisch (für die Muskeln). Frauen benutzen Epilierer und Männer haben Bart. Frauen können nicht einparken und Männer hören nicht zu.
Ihr seht, der Übergang vom Rollenbild zum Klischee ist fließend. Häufig wird beides auch kombiniert verwendet, wenn z.B. einer Person Eigenschaften zu-/abgesprochen werden, die aufgrund eines Klischees sowieso (nicht) zutreffen würden. Das Umfeld erwartet dann stereotypische Verhaltensweisen von einer Person. Was auch interessant ist: Es gibt in diesem Rahmen nur Platz für zwei biologische Geschlechter, die deckungsgleich mit dem Gender sind: Ein binäres System, es gibt nur die zwei Cisgender und nichts dazwischen. Dieses System baut einen enorm hohen Erwartungsdruck auf, an dem nicht wenige Menschen scheitern. Hierzu vielleicht noch ein nettes Zitat: Bereits 1949 brachte es die französische Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir auf den Punkt: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."

Dabei geht es auch anders: In vielen Kulturen gibt es mehr als diese “2=2-Kombi”. Und weil wir Listenfans sind, kommt jetzt wieder eine kleine Auflistung mit verschiedenen Beispielen 😛

  • Indien und Pakistan: Die “Hijras” werden als drittes Geschlecht anerkannt. Vergleichbar mit Trans*personen oder Intersex-Personen bei uns
  • Indonesien: Neben den beiden Cisgender gibt es noch “calanai” (bio: m/ sozial: w), “calabai” (bio: w/ sozial: m) und “bisu” (vgl. Trans*/Intersex)
  • Bolivien: In der Stadt Amarete werden die zwei Cisgender mit fünf symbolischen Gender kombiniert; dadurch ergibt sich eine komplexe soziale Hierarchie
  • Das Judentum kennt sechs Geschlechter: Die beiden Cisgender, “androgynos” (Intersex generell), “ay’lonit” (Intersex; w zugewiesen, m entwickelt), “saris” (Trans*frau oder Intersex: m zugewiesen, w entwickelt) und “tumtum” (Geschlecht unbekannt/nicht erkennbar)

Bei diesen Beispielen ergibt sich regelmäßig eine Abweichung zwischen Geschlecht und Gender, was sich dann auch in den gesellschaftlichen Erwartungen an die jeweilige Person wiederspiegelt.
Erfreulicherweise gibt es auch positive Entwicklungen bei uns: Die Sichtbarkeit von Nonbinary-Personen hat in der letzten Zeit zugenommen; mit den klassischen Rollenbildern wird zunehmend gebrochen. Vielleicht habt ihr bereits die verschiedenen Abwandlungen gesehen zur Regenbogenfahne, die für die gesamte Community steht. Die Vielfältigkeit bzw. die Diversität in der Community lässt sich am besten anhand der Fahnen und Begriffe vorstellen, und das werden wir jetzt machen! Endlich kommt etwas Farbe in diesen Text. Und natürlich eine weitere Liste xD


Zu lesen von links nach rechts:



Es ist uns leider unmöglich, alle Fahnen für jede individuelle Gruppe der Community hier aufzulisten. Einige Fahnen beziehen sich auf die Sexualität und nicht auf das Gender. Es ist offensichtlich: Die Community ist farbenfroh und divers! Aber wenn euch mal im echten Leben eine unbekannte Fahne begegnet, traut euch und sprecht die Person an. Mensch wird euch gerne erklären, welche Bedeutung dahintersteht.

Ein ähnlich breit aufgestelltes Angebot an verschiedenen Begrifflichkeiten gibt es auch bei den Pronomen und der gendergerechten Sprache. Es folgt nun eine Abhandlung über Grammatik *yay*
Zuerst schauen wir uns die Pronomen an. Für Cisgender-Personen ist die Pronomenwahl ganz klar: Männer nehmen er/ihn, Frauen nehmen sie/ihr. Das lässt sich aber naturgemäß auf Intersex-Menschen (aus biologischen Gründen) und Nonbinary-Personen nicht anwenden. Diese sprachliche Dimension des Genderbegriffs führte zu einer intensiven Auseinandersetzung, die bis heute anhält: Wie genau lässt es sich sprachlich darstellen, nicht binär zu sein, wenn wirklich allem, sogar Gegenständen, ein Geschlecht zugeordnet wird?
Die Möglichkeit, “es” als “umbrella term” für alle Varianten außerhalb von Cisgender zu nutzen, steht völlig außer Frage: Nicht nur, dass zwangsläufig eine Assoziation mit Gegenständen auftritt, sondern stellt das Neutrum auch die Abwesenheit eines Geschlechts dar. Und wie wir bereits oben gelernt haben, gibt es eine ganze Anzahl von Gender, die sich definitiv nicht als geschlechtslos identifizieren, nur eben nicht als cisgender.
Gerade für Trans*personen während ihrer “transition” ist die korrekte Pronomenwahl sehr wichtig. Pronomen verweisen auf das Geschlecht und das Gender, und beide sind elementar für die Persönlichkeit eines Menschen. Deswegen stellen wir euch im Folgenden einige Möglichkeiten vor, die versuchen, abseits von er/sie/es das Spektrum an Geschlecht und Gender im Deutschen abzudecken.

Wichtig ist: Eine Person wählt ihre Pronomina selbst. Viele Nonbinary-Personen teilen dem Umfeld diese selbst mit. Aber auch hier gilt: Wer nicht fragt, bleibt dumm!
Tatsächlich ist es gerade im Deutschen sehr schwierig, sich gendergerecht auszudrücken. Nicht nur Pronomen stellen da eine gewisse Schwierigkeit dar, sondern auch ein gendergerechter Ausdruck von Nomen. Abhilfe sollen verschiedene Schreibweisen schaffen, von denen ihr sicher schon die ein oder andere Variante gelesen habt. Wir möchten euch gerne die verschiedenen Möglichkeiten vorstellen, die wir als praktikabel eingestuft haben. Aber wie immer: But wait, there`s more!

Für welche Variante ihr euch entscheidet, ist zweitrangig; wichtig ist, überhaupt durch sprachliche Mittel Sichtbarkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft zu erzeugen.
Hier spielt der Begriff “framing” eine zentrale Rolle. Dieser Begriff beschreibt die Beeinflussung von Denkmustern über bestimmte, wiederholt verwendete Wörter, die eine bestimmte Assoziation im Gehirn auslösen sollen, um eine politische Botschaft zu transportieren. Als Negativbeispiel lässt sich hier “Flüchtlingswelle” anführen: Eine Welle überrollt mit Gewalt; damals kamen viele Flüchtlinge, und diese brachen über unsere Gesellschaft herein. So zumindest das Narrativ einschlägiger rechts(außen)orientierter Menschen. Als Positivbeispiel kann man aber auch “Flüchtlingsschutzkrise” nennen: Es gab viele gewalttätige Übergriffe auf Flüchtende, die Verwaltung war sehr oft nicht ausreichend strukturiert, um ein Mindestmaß an Sicherheit und Aufenthaltsqualität für Schutzbedürftige zu gewährleisten.
Uns ist es sehr wichtig, dass ihr eine gewisse Resistenz gegenüber “framing” aufbaut, um an einer reflektierten und zielführenden Diskussion in unserer Gesellschaft teilnehmen zu können. Diese Resistenz rekrutiert sich aus Wissen, Medienkompetenz und Selbstreflexion. Für alle drei Aspekte geben wir euch mit unserer Artikelreihe Hilfestellungen.

Ein letzter Punkt noch zum Gender-Begriff: Die Sache mit den Unisex-Toiletten.
Beim (vermutlichen) Neubau des Schliemann-Gymnasiums sind sie ein Thema, an der neu gebauten Grundschule in Taufkirchen bei München waren sie es, und an der Uni sowieso nach wie vor. Viel Empörung und Diskussionen kommen auf, sobald irgendwo die Worte “Unisex” oder “Toilette fürs dritte Geschlecht” fallen. Letzteres ist sowieso Unsinn, denn wie oben bereits erarbeitet, gibt es nicht DAS dritte Geschlecht.
Das Konzept hingegen ist klar: In Neubauten von öffentlichen Gebäuden werden seit einer Weile neben den klassischen binären Toiletten auch welche für Menschen eingebaut, die sich nicht als m oder w identifizieren und deswegen auch gerne eine eigene Toilette aufsuchen würden. So zumindest die Theorie, und so wird es auch gerne verkauft.
Doch wie das eben so ist, wenn Menschen über für sie unliebsame Sachen entscheiden und/oder diese ausführen, versucht man irgendwie erst gar nicht, es richtig zu machen. Statt eine Toilette für alle insgesamt zu errichten (unisex), wird extra ein eigenes Klo für alle “Abweichler” gebaut - Zwangsouting für Trans*personen inklusive, wenn diese die “dritte Toilette” benutzen.
Es gibt immer wieder ein riesiges Bohei darüber, dass irgendwo eine solche Sanitäranlage eingerichtet wird. Da wird von “Genderterror” gesprochen, vermeintlich würden “Schutzräume für Frauen” aufgebrochen werden. Wie so oft interessieren sich die Gegner aber gar nicht für die genannten Belange (Schutz vor Ideologie, Safe Space für Frauen), sondern sie wollen nur ihren reaktionären politischen Ansichten eine weitere Bühne bieten.
Was diese Menschen nicht sehen (wollen): Es hat nur Vorteile, wenn wir alle endlich ausschließlich auf Unisex-Toiletten (ein großer Toilettenbereich für alle) gehen würden. Zuerst einmal würde viel Geld gespart werden, und das ist ja für die Verwaltung stets das wichtigste. Ein großer Raum kostet nicht so viel wie drei kleine Räume, weil weniger Wände = mehr Nutzfläche. Außerdem wären lange Schlangen vor dem Damenklo dann passé.
Der wichtigste Grund ist aber die Tatsache, dass sich Intersex- und Trans*personen nicht mehr entscheiden müssen, welche Toilette sie aufsuchen. Vor einer Weile hat Aaron sich zufällig mit anderen Studenten über dieses Thema unterhalten. Spoiler: Die anderen Gesprächspartner waren nicht wirklich reflektiert. Wir haben das (sinngemäß) im folgenden Dialog nachgestellt:

 

Ein Mann:Frauen fühlen sich doch dann total unwohl, wenn auch ein Kerl neben ihnen auf dem Klo ist.
Aaron: “Normalerweise bekommt man aber nicht mit, wer gerade in die Klokabine neben dran gegangen ist. Eine konsequente Unisex-Toilette besteht nämlich einfach nur aus ganz vielen Klokabinen.
Ein Mann:Ja aber das merkt man doch trotzdem!
Aaron:Eigentlich nur, wenn der Nachbar seinen Penis durch ein Loch in die eigene Kabine steckt...
(Keiner lacht.)
Aaron:Und an Deiner Stelle würde ich mir mal ganz genau überlegen, wieso Frauen es überhaupt stören könnte, dass Männer in der Nähe sind. Liegt sicher nicht daran, dass deren Verhalten Frauen gegenüber stets einwandfrei ist.”
Eine Frau:Aber wieso dann der ganze Aufriss. Soll sich doch einfach jeder entscheiden, ob er aufs Männer- oder Frauenklo gehen will.
Aaron:Und was ist, wenn man sich weder als männlich noch als weiblich identifiziert? Was macht man dann?
Ein Mann:Mein Gott, das ist doch wirklich unbedeutend, auf welches Klo man geht!
Aaron: “Wieso gehst du dann konsequent aufs Männerklo?”
(Schweigen...)
Aaron:Welch intimeren Moment als den Toilettenbesuch gibt es denn bitte im Alltag für jemanden? Deine sexuelle und geschlechtliche Identität ist einer der elementarsten Bestandteile von Dir. Und dann verlangst Du, dass viele Menschen darüber hinwegsehen sollen, nur weil Du ihnen nicht die gleiche Freiheit gönnst, die Du selbstverständlich für Dich einforderst?
(Gesprächspartner gehen einfach weg.)
Interessanterweise ist es denselben Leuten total egal, wenn sie im Flugzeug, auf dem Festival oder in der Pennerkneipe um die Ecke auf ein Unisex-Klo gehen. Aber da ist es ja egal, weil Baum?


DINGDONG!


Seid gegrüßt zur dritten Stunde: Geschichtsunterricht!

Zwischenmenschliche Beziehungen und deren Bandbreite haben die Menschen schon immer beschäftigt. Dass sich die Wahrnehmung und die Behandlung von LGBTQIA* Personen im Laufe der Zeit mehrmals verändert hat, das ist so ziemlich jedem bekannt. Aber wann genau was gegolten hat, da wird’s dann schon schwieriger. Und deswegen nehmen wir euch mit auf eine Reise durch die Zeit und suchen nach den Spuren der Community im Laufe der Menschheitsgeschichte.
Erfreulicherweise haben unsere Urahnen bereits in Höhlen und Gräbern Zeugnisse künstlerischer und ritueller Art hinterlassen, die uns erste Anhaltspunkte geben können. Einige Höhlenmalereien z.B. zeigen (relativ eindringlich lol) sexuelle Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen, fast immer mit dem Fokus auf die männliche Sexualität. Die Interpretation ist freilich schwierig, da ist viel Spielraum für verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Aber zwei Frauen, die sich gegenseitig einen Doppelpenis “zu Gemüte führen” sind dann doch relativ eindeutig zu verstehen...
In der frühen Antike, namentlich in Ägypten, Babylon und dem sumerischen Reich, gab es schon erste schriftliche Zeugnisse queerer Beziehungen. Der Gilgamesch-Epos, geschrieben vor ca. 4.500 Jahren und das älteste bekannte Gedichtwerk, deutet eine homoerotische Beziehung zwischen dem sumerischen König Gilgamesch und Enkidu an. Kurze Zeit später wurde in Ägypten das Grab des Pharao Chnumhotep und seines Gefährten Nianchchnum fertiggestellt. Forscher deuten dies als Grab für zwei sich Liebende. Vor 3.700 Jahren wurden in einem babylonischem Gesetz Richtlinien für die Verfügbarkeit von männlichen Sexsklaven für die männliche Bevölkerung der Stadt festgesetzt. Auch die frühen chinesischen Dynastien hegten eine gewisse Bewunderung für Menschen des gleichen Geschlechts: Eine Gedichtsammlung von 700 vor Christus proklamiert die “Schönheit des jungen Mannes”.
Und dann war da noch das antike Griechenland. Dort lebte eine ganze Gesellschaft in Freizügigkeit und Gleichberechtigung (fast) alle Facetten des sexuellen und romantischen Spektrums aus. Angefangen von der (heute zum Glück nicht mehr angemessenen) “Förderung” junger Menschen durch Lehrer (Pädasterie), weiter über Kunst und Dichtung (v.a. im Theater) bis hin zur Nacktheit der Athleten in der Arena. In dieser Gesellschaft entstand auch die erste nachhaltig wahrnehmbare, lesbische Persönlichkeit: Sappho. Diese Frau leitete eine Schule für Dichtung und Philosophie auf der griechischen Insel Lesbos und umgab sich ausschließlich mit Schülerinnen und Personen weiblichen Geschlechts. Durch sie hat sich der Begriff “Lesbierin”, später verkürzt zu “Lesbe”, für eine homosexuelle Frau gebildet.
In Rom, Dreh- und Angelpunkt der späten Antike, hat Kaiser Nero gleich zwei Männer geheiratet, einer von diesen hat sogar die gleichen Privilegien erhalten, die eine Kaiserfrau auch bekam. Später hatte Kaiser Trajan nicht nur eine Vorliebe für seine phallischen Marktsäulen auf dem Forum, wenn ihr versteht 😉
Graffitis waren damals echt angesagt, und deswegen weiß mensch heutzutage, dass es auch weit verbreitet gewesen ist, homosexuelle Beziehungen zu führen und dies nicht nur eine Eigenart der höheren Gesellschaftsschichten war.
In dieser Zeit begannen aber auch erste Restriktionen und die Kriminalisierung queerer Lebensweisen. Während im Islam die homoerotisch aufgeladene Männerfreundschaft anfangs noch mit einem religiösen Hintergrund versehen und somit legitimiert wurde, im indischen Kamasutra jegliche Geschlechter und Liebesweisen dargestellt wurden und sich Frauen hemmungslos öffentlich im Kaiserpalast in China liebten, hat sich im jüdischen und später auch christlichen Umfeld genau das Gegenteil entwickelt. Sogar im germanischen Kulturkreis wurden vermutlich aufgrund religiöser Ressentiments “körperlich Schändliche” im Moor versenkt. Dabei könnte es sich aber auch nur um eine spätrömische Interpretation der “Barbaren” handeln, denn das inzwischen christlich geprägte Rom unterschied nicht mehr zwischen Homosexualität und Zoophilie (Sex mit Tieren). Es gibt andere historische Nachweise, in denen bei einigen germanischen Stämmen homosexuelle Beziehungen zumindest toleriert wurden.
Mit dem Fall des römischen Reiches und dem Beginn des Mittelalters gewann die Kirche einen immer größeren Einfluss auf die europäischen Gesellschaften. Im Frühmittelalter war es (noch) nur kirchlich verpönt, “widernatürliche” Sexualpraktiken durchzuführen. Dazu zählte beispielsweise schon Analsex zwischen legitim verheirateten Heteropartnern, der als “Sodomie” im Hochmittelalter dann auch weltlich unter Strafe gestellt wurde und nicht selten direkt auf den Scheiterhaufen führte. Von anderen, der damaligen Norm abweichenden Lebensweisen muss an dieser Stelle nicht mehr gesagt werden, als dass diese Menschen das gleiche Schicksal ereilte. Im asiatischen Raum hingegen ist diese Entwicklung nicht zu beobachten.
Die Renaissance als Zeitalter der Aufklärung hat nicht wirklich zu einer Verbesserung beigetragen. Leonardo da Vinci selbst ist zweimal nur knapp der kirchlichen Verfolgung entkommen, in Norditalien machte sich die Bevölkerung stark für eine striktere Gesetzgebung gegen queere Lebensweisen. Das ist paradox, denn diese Zeit ist eigentlich durch die Säkularisation und die Emanzipierung der Gesellschaft von der Kirche geprägt. In Russland wiederum erließ Peter der Große 1706 zwar ein Gesetz gegen Homosexualität im Militär, im Rest der Gesellschaft war diese aber toleriert und weit verbreitet.
1725 kam es in einem Londoner “molly house”, einem queeren Bordell, das erste Mal geschichtlich nachweisbar zu einer Aktion von Betroffenen gegen die öffentliche Gewalt, als eine Polizeirazzia eben jenes Etablissements auf Gegenwehr stieß. Zur selben Zeit war der Rest von Europa noch der Ansicht, dass “weiblich schändliche Lust” durch eine anatomisch vergrößerte Klitoris hervorgerufen würde.
Im 19. Jahrhundert, auch im Zuge der Industrialisierung, kam es stellenweise zu einer Entkriminalisierung von queeren Lebensweisen. Dies hält sich aber in einem marginalen Rahmen. In dieser Zeit beginnen auch in den asiatischen und afrikanischen Gesellschaften systematische Verfolgungen und Einschränkungen von queeren Menschen, größtenteils verursacht durch den europäischen Kolonialismus. An dieser Entwicklung hat sich an mancher Stelle bis heute nichts geändert. Außerdem wird Oscar Wilde inhaftiert und Alice Austen dokumentiert mit einer der ersten Kameras ihr lesbisches Leben.
Während zur gleichen Zeit in einigen lateinamerikanischen Ländern genau das Gegenteil geschah, wurde im deutschen Kaiserreich 1871 unter Protesten der §175 Strafgesetzbuch eingeführt, welcher homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter (empfindliche) Strafe stellte. Kurz darauf verbreitet sich in Europa und den anhängigen Kolonialgebieten die Ansicht, dass queere Sexualität eine “degenerative Störung sei”. Siegmund Freud wird dies später ablehnen und von einer “Fehlentwicklung” sprechen. Relativ zügig ging es dann weiter mit der Weimarer Republik und dem Aufkommen der Nationalsozialisten.
An dieser Stelle möchten wir euch gerne Magnus Hirschfeld vorstellen. Geboren am 14. Mai 1868 und gestorben an seinem 67. Geburtstag im Jahre 1935, spielte Hirschfeld für die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland eine elementare Rolle. Nach seinem Medizinstudium in verschiedenen europäischen Städten gründete er 1897 mit einigen anderen zusammen das “Wissenschaftlich-humanitäre Komitee", die weltweit erste Vereinigung, die die Entkriminalisierung homosexueller Männer zum Ziel hatte. Hirschfeld fand u.a. in einer Befragung unter Studierenden und Metallarbeitskräften 1903 heraus, dass ungefähr 6% der Bevölkerung homosexuell oder bisexuell seien. Hierfür wurde er von einigen Studierenden angezeigt. 1910 etablierte er mit seiner Forschungsarbeit den Begriff “Transvestit” für Männer, die sich (oft auch übertrieben stereotypisch) als Frauen verkleideten und dies teilweise auch im sexuellen Kontext auslebten. Am 6. Juli 1919, also ziemlich genau vor hundert Jahren, eröffnete Hirschfeld sein “Institut für Sexualwissenschaft”, ein Meilenstein in der Sexualforschung und bis zur Zerstörung durch die Nationalsozialisten 1933 eine Koryphäe. Bei einem Vortrag 1920 in München wurde er von rechten Schlägern so schwer verletzt, dass die Zeitungen bereits seinen Nachruf veröffentlichten. Glücklicherweise überstand Hirschfeld aber die Attacke. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war er dem erstarkenden Nazi-Regime als schwuler, linksorientierter Jude ein Dorn im Auge, obwohl einige Anhänger des Regimes selbst bei ihm in Behandlung waren. 1931 dann kam Hirschfeld nicht mehr von einer Auslandsreise zurück und verbrachte den Rest seines Lebens im Exil. Auf seinem Grabstein in Nizza steht heute noch sein Lebensmotto: “per scientiam ad iustitiam” - durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit.
Die folgende NS-Zeit war eines der dunkelsten Kapitel in jeglicher Hinsicht. Auch queere Menschen wurden politisch und tatsächlich verfolgt, gefoltert und umgebracht. In den KZs trugen Schwule den rosa “Schwulenwinkel” und Lesben ein schwarzes Dreieck. Nach der Befreiung durch die Alliierten verblieben eben jene nach §175 StGB verurteilten Menschen trotzdem in Haft. Auch in den folgenden Jahren ist das Leben als queere Person in den westlichen Gesellschaften nicht gut: Alan Turing, einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Informatik, begeht 1954 nach einer “Behandlung zum Entfernen der Libido” Selbstmord. Seine Homosexualität war nicht erwünscht. Dass er im zweiten Weltkrieg die Enigma der Nazis geknackt hat und dadurch den Alliierten letztlich eine Möglichkeit zum Sieg verschaffte, war den Menschen egal.
Der erste Lichtschimmer seit langem zeigte sich am 28. Juni 1969: Nach einer Polizeirazzia im New Yorker Szenelokal “Stonewall Inn” in der Christopher Street kam es zu Protesten und im Nachgang teils gewaltvollen Ausschreitungen durch queere Menschen und straight allies, die sich der Oppression durch die Ordnungsbehörden widersetzen wollten. Mensch war es leid, unterdrückt zu werden und das eigene Leben nicht genau so leben zu können wie der Rest der Gesellschaft. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch die sexuelle Revolution, die in den USA in den 60ern begann und sich rasch weltweit ausbreitete. Zehn Jahre später, 1979, wurde dann der erste offizielle Christopher Street Day (CSD) begangen. In den Folgejahren schlossen sich immer mehr Städte an. An einigen Orten entstanden sogar eigene Viertel für die queere Subkultur, u.a. auch der Nollendorfkiez in Berlin, St. Georg in Hamburg und das Glockenbachviertel in München, wo sogar Freddie Mercury eine Weile lebte und liebte. Stück für Stück erkämpfte sich die Community Rechte und die Rücknahme von Repressionen. Einen Teil dazu trug auch die LoveParade in Berlin bei, eine Technoparade mit hunderttausenden Besuchern in den 90ern und frühen 2000ern. Mit der Ehe für alle, die 2017 verabschiedet wurde, sind wir auch endlich wieder in der Gegenwart angekommen. Übrigens: §175 StGB wurde erst 1994 aus dem Gesetz gestrichen. Das war vor 25 Jahren.

Und damit sind wir am Ende der Geschichtsstunde angekommen. Ob Hirschfelds Institut, die Stonewall Inn Riots, der erste CSD oder eben die Abschaffung des §175: 2019 ist ein Jubiläumsjahr für die LGBTQIA+ Szene. Und alle Menschen sind eingeladen, den Kampf fortzuführen und eine gleichberechtigte Gesellschaft für alle zu schaffen.


DINGDONG!
Bonusstunde: Statistik!

Um unseren heutigen Artikel abzurunden, möchten wir euch noch ein paar Zahlen und Fakten zur Diversität mit auf den Weg geben. Wir machen’s kurz, versprochen 😉
Zuerst einmal: Wie viele queere Menschen gibt es denn überhaupt in Deutschland? Einer Studie des Umfrage-Startups Dalia aus dem Jahr 2016 nennt einen queeren Bevölkerungsanteil von 7,4% - damit ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Das entspricht auch ungefähr der öffentlichen Vorstellung, dass ein Zehntel der Bevölkerung zur LGBTQIA* Community gehört.
Der sog. “Mikrozensus” von 2016 hat ergeben, dass es in Deutschland zu diesem Zeitpunkt ca. 95.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gab, davon waren 54.000 unter Männern geschlossen worden. Außerdem sind 44.000 davon eingetragene Lebenspartnerschaften gewesen - gegenüber 17,6 Millionen Ehepaaren in Deutschland. Inzwischen. Auch durch die Ehe für alle, dürften sich diese Zahlen nach oben korrigiert haben.
Im Familienreport der Bundesregierung von 2017 lässt sich nachlesen, dass es 2015 ca. 7.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern im Haushalt gab – Alleinerziehende im selben Jahr gab es ca. 1,4 Millionen.
Die Zahl der politisch motivierten Hass- und Gewaltdelikte gegenüber queeren Menschen betrug 2018 in Deutschland 313, 91 davon Gewaltdelikte. Die Dunkelziffer dürfte aber weitaus höher liegen, denn nicht jede Körperverletzung oder sonstige Gewaltanwendung gegenüber queeren Menschen wird mit diesem Hintergrund wahrgenommen. Außerdem werden auch viele Straftaten von den Opfern aus diversen Gründen nicht angezeigt und deswegen auch nicht in diese Statistik aufgenommen.

Ähnliche Mechanismen lassen sich auch im Sport feststellen. Dabei ist es zweitrangig, ob es sich um eine professionelle Karriere handelt oder um einen kommunalen Rahmen. Es scheint, als wäre die Heteronormativität unumstößlich, vor allem im Fußball. Und das nicht nur unter den gewaltaffineren Hooligans mit einem sehr einseitigen Bild von Männlichkeit, sondern auch im Team selbst. Einigen von euch ist vielleicht noch Thomas Hitzlsperger ein Begriff. Nach seinem Coming-Out musste er sich zahlreichen Drohungen und Anfeindungen stellen.

 

Unglaublich! Wir sind am Ende des heutigen Artikels angekommen. Wir wollen auch gar nicht mehr viel zum Abschluss sagen, außer diesem fun fact: Es gibt ungefähr 100.000 Intersex-Personen in Deutschland, auch wenn Annegret Kramp-Karrenbauer das nach ihrem Fastnacht-”Sketch” nicht wahrhaben will. Sie hat lediglich 39.227 Likes auf Facebook. Wer vertritt also bitte welche Mehrheit?

Anyway, sashay away ihr Lieben!
Eure “rainbow surfer” Lara und Aaron

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