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[LGBTQIA+] Das Coming-Out: Geschichten, Taktik und Hate-Speech-Konter


Willkommen zur zweiten Ausgabe der Artikelreihe über das Thema LGBTQIA+!

Immer wieder sonntags...wobei, DIESEN Sonntag, erzählen wir euch ein paar Coming-Out Geschichten, die Mitglieder unseres Magazins selbst und Menschen aus deren Umfeld erlebt haben. Im Anschluss gibt’s dann noch eine Hilfestellung, wie mensch als LGBTQIA+-Person am besten auf verletzende und/oder diskriminierende Sprüche reagiert.
 Wir wünschen euch auch diesmal wieder viel Freude beim Lesen und den ein oder anderen “Aha!” Moment :)
Bevor es aber mit den Geschichten los geht, noch eine kurze Begriffserklärung. “Coming-Out” bezeichnet die selbst gewählte Aufklärung des Umfeldes über die eigene Sexualität, während das Outing den Vorgang beschreibt, bei dem eine Person absichtlich oder versehentlich die Sexualität einer anderen Person bekannt gibt oder diese dazu zwingt, sie offen zu legen.
Zuvor hatten wir beim direkt.-Magazin den Begriff “Outing” verwendet, da dieser aber der gerade geschilderten Erklärung nach nicht ganz zutreffend ist, verwenden wir ab sofort den “Coming-Out” Begriff. In den Geschichten wird der alte Begriff aber noch synonym verwendet.
Außerdem haben wir die Einsendungen anonymisiert in der Hinsicht, dass nur biologisches Geschlecht und sexuelle Orientierung angezeigt werden, manchmal mit einem Zusatz bezüglich der Beziehung (auch das ist eine wichtige Dimension in der Sexualität). Es handelt sich aber um Personen im Alter von 15 bis 35 Jahren. Bearbeitet wurden die Texte hinsichtlich Zeichensetzung und Rechtschreibung, und gelegentlich für eine bessere Verständlichkeit geringfügig umgeschrieben. Gegendert wurde von Redaktionsseite nicht.
Und nach diesem kurzen Theorieteil kommen wir jetzt zu den Geschichten! :)

  • Männlich, schwul:Ich habe mich zweimal geoutet. Einmal bei meiner Mutter und einmal bei meinem Vater. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich mich bei meiner Mutter geoutet habe. Es war an einem 16. November. An diesem Tag war Elternsprechtag in der Schule bei mir und ich wollte bei der Besprechung dabei sein, weil ich wusste, dass ich gut in der Schule war und es auch an meinem Charakter durch die Lehrkräfte nichts anzumerken gab.
    Da dachte ich mir, dass es gut wäre, wenn ich etwas Gutes mit etwas "Schlechtem" verbinde und ihr auf dem Heimweg im Auto sage, dass ich schwul bin. Ich habe während der Autofahrt gezittert. Als ich es angesprochen habe, sagte ich: "Mama, ich bin schwul." Und was sie daraufhin gemacht hat, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Sie hat mich ausgelacht und mich gebeten, sowas nicht mehr zu sagen. Das ist wahrscheinlich etwas, was ich ihr nie verzeihen kann.
    Bei meinem Vater war es so: Er ist spät nach Hause gekommen und ich wollte es endlich hinter mir haben. Als ich die Wohnungstür aufgehen gehört habe, bin ich in den Flur gelaufen und habe gesagt, dass wir reden müssten. Er hat mir dann ganz einfach gesagt "Dann schieß los." Und als er sich noch die Schuhe ausgezogen hat, habe ich ihm gesagt, dass ich schwul bin. Daraufhin war er erstmal still hat sich aufgerichtet und hat gesagt "Okay." Als er gemerkt hat, dass ich auf etwas mehr warte, meinte er zu mir "Es ist nicht einfach, so etwas gesagt zu bekommen, ich muss mich erstmal hinsetzen und darüber nachdenken."
    Also im Großen und Ganzen ging er damit sehr viel besser und erwachsener um, als meine Mutter.
    Tipps zum Coming-Out möchte ich keine geben. Denn wenn ich mir selbst Tipps gegeben hätte, wäre ich meinem Vater gegenüber misstrauischer gewesen und bei meiner Mutter offener. Aber im Nachhinein ist mein Vater doch besser mit der Situation umgegangen als ich es mir je gedacht hätte. Jede Person ist unterschiedlich. Deswegen empfinde ich Tipps in diesen Situationen schwierig. Höchstens, wenn man akzeptiert werden möchte, wie man ist, sollte man auch damit rechnen, dass es anders kommen kann, als man es erwartet. Ich würde nichts anders machen. Nur hätte ich es gerne meinen Bruder persönlich gesagt, dass ich schwul bin. Bei ihm musste ich es übers Handy machen, weil er damals nicht zu Hause war und ich wollte, dass er es von mir erfährt.

  • Männlich, bisexuell, zurzeit in einer offenen Beziehung mit einer Frau:Prinzipiell: Mit einem Outing ist es ja nicht getan - da meine Familie etwas verstreut lebt, musste ich mich separat vor Mutter, Vater und Bruder outen. Und bei Freunden sowieso - in einer heteronormativen Umgebung ist es halt immer ein Outing, wenn man davon erzählt, das gleiche Geschlecht zu daten. Hab eigentlich bei allen eine ähnliche Taktik angewandt: Ich werde gefragt, was ich später/am Wochenende/whenever mache, ich antworte "Hab ein Date." Darauf dann meist die Frage: "Oh, wie heißt sie?", und ich "Er, und (beispielsweise) Daniel". Maximal noch eine Bestätigung, dass das jetzt tatsächlich ein Outing war, und dann hatte sich's. Einzig bei meiner Mutter kam dann noch so ein Kommentar hinterher: "Hab’ ich da was in der Erziehung falsch gemacht?", aber sonst hat's eigentlich jeder so akzeptiert.

  • Männlich, schwul:Hatte kein echtes Coming-Out, sondern es war eher so fließend. Keine bis mäßige Reaktionen; die meisten Leute interessiert es nicht wirklich. Würde es vielleicht etwas früher den Eltern sagen, das wäre für sie netter gewesen, für mich hat es keinen Unterschied gemacht, hat sich ja nichts getan. Hab weder davor noch danach groß den Beziehungskram mit meinen Eltern geteilt, und es auch nicht vermisst.

  • Weiblich, asexuell, in einer Hetero-Beziehung:Wirklich geoutet habe ich mich bisher nicht. Ich habe meine Asexualität einigen wenigen anvertraut und dies meistens bereut. Inzwischen habe ich es schon seit einigen Jahren niemand neuem mehr erzählt. Das Problem ist, dass Asexualität nicht so bekannt bzw. auch nicht anerkannt ist, wie zum Beispiel schwul oder lesbisch zu sein. Viele glauben, das gäbe es nicht oder es könne nicht sein. Ich musste mir Dinge anhören, wie ich habe nur nie den richtigen Mann gefunden oder ich sei als Kind sexuell missbraucht worden. Es müsse eine Ursache geben, es sei eine Störung, ich müsse mich heilen lassen. Diese Dinge hat man mir immer gesagt. Jeder wurde zum Hobbypsychologen und löcherte mich mit Fragen zu meiner Kindheit und meinen Beziehungen. Ich musste mir auch Sprüche anhören, ich sei dann keine richtige Frau.
    Inzwischen lebe ich in einer Beziehung zu einem Mann, der nicht asexuell ist. Mir zuliebe verzichtet er in unserer Beziehung auf Sex. Aber er möchte nicht, dass ich rumerzähle, dass wir sexfrei leben. Es ist ihm peinlich, für mich auf Sex zu verzichten. Er befürchtet, andere würden sich dann über ihn lustig machen. Allein wegen ihm kann ich mich schon nicht mehr outen, denn dann würde ich ihn verlieren.
    Da für mich als Asexuelle Sex keine Rolle spielt, ist es mir auch nicht wichtig, über meine Sexualität zu reden. Mir ist es jedoch unangenehm, wenn andere über Sex reden oder ich Sex in Filmen oder Werbung sehe. Ich versuche dann das Thema zu wechseln.
    Ironisch ist, dass ich als Jugendliche und junge Erwachsene immer einen Schlampen-Ruf hatte. Das lag wohl daran, dass ich mich gerne freizügig gekleidet habe (nicht um jemanden aufzureißen, sondern weil mir das selber gefallen hat) und viele platonische Freundschaften, aber keine festen Beziehungen hatte (dann hätte ich Sex haben müssen). Das hat man dann damals falsch interpretiert und ich habe es nie richtiggestellt.

  • Männlich, schwul:Ich glaube, das Outing ist weit mehr, als sich nur zu offenbaren. Das eine ist, etwas über jemanden zu erfahren, das andere, wie man damit umgeht, doch fangen wir von vorne an. Ich selbst habe recht lange gebraucht, um meine Sexualität zu überreißen.
    In der Mittelstufe war ich an einer Knabenrealschule. Es hätte der Himmel sein können: überall Jungs, man macht chauvinistische Witze und da fast alle mehrmals die Woche Fußball spielten, sahen die auch dementsprechend aus. Trotzdem habe ich mir nichts dabei gedacht, vielleicht mochte ich ja auch Mädchen, woher soll ich das wissen? Die Mädchenrealschule war weit weg in der Innenstadt und die Mädels vom Dorf waren Freundinnen, aber auch nicht mehr.
    Langsam, vielleicht mit 14 oder 15, kam das Interesse für Pornografie auf und es war schnell klar, dass ich mir die Dame in der Szene weggewünscht habe.
    Daraufhin habe ich das Internet befragt, was denn nun falsch mit mir wäre. Alle Jungs in meiner Klasse haben regelmäßig wechselnde Freundinnen, fragten im Biounterricht, ob es ihr wehtut, wenn man während der Blutung Sex hat und ich…. hatte noch meinen ersten Kuss vor mir. Zuerst war alles diffus, doch mit jeder Reportage, Erfahrungsbericht, Outing Story und Dokumentation im Fernsehen und auf YouTube wurde es mir klar: ich bin schwul.
    Mir war es erstmal egal, was das Wort wirklich in allen Facetten bedeutet, wichtig war, ich hatte einen Namen für mein Anderssein. Eines Tages ließ ich meine Mutter abends unter der Woche antreten. Sie war fürchterlich genervt, verpasste Sie doch den Anfang ihres Krimis. Ich erzählte, dass das Mädchen, für das ich schwärmte, ein Junge sei und was sie dazu sagen würde. Im Gegensatz zu meiner besten Freundin kurz zuvor, stellte sie keine Fragen, sondern nahm es mit den Worten „Ich habe es geahnt“ zur Kenntnis und ging sang- und klanglos zurück ins Wohnzimmer.
    Und hier kommt der Teil ins Spiel, wie man mit einer Information umgeht. Selbst jetzt, fast sechs Jahre später, redet man nicht darüber. Ich mache dafür aber nicht allein die christliche Erziehung auf dem Land zum Schuldigen, sondern mehr ein Hass gegen Fremdes allgemein. Das bloße Wort ist verboten und insgeheim wünscht man sich ja doch Enkel von mir. Dass ich endlich zu experimentieren aufhören würde und was „gescheites“ finden würde. Schwul bin ich ja nur geworden, weil ich zu schüchtern für Kontakt mit Mädchen bin.
    Entfliehen konnte ich dem erst mit meinem Auszug im Studium. Ich schaffte mir einen intellektuellen, liberalen Freundeskreis an und ich bin sicherlich auch eine Bereicherung, wenn man Erfahrungen aus erster Hand hat zu Gesetzen wie der Ehe für alle.
    Heute würde ich vieles nicht mehr so analytisch zerdenken, sondern einfach machen, es gäbe schlimmeres, als im Hormonchaos des Teeniealters einen Fehlalarm auszurufen. Freunde und Familie ahnen sowas meistens früher und wenn sie sich deswegen abwenden, ist das auch kein Verlust. Totschweigen ist zwar keine gute, aber EINE Lösung für konservative Familien. Freunde hingegen sind die Familie, die man sich aussuchen kann. Verstecken spielen scheint vielleicht auf den ersten Blick ein bezahlbarer Preis, doch auf Dauer bröselt nicht nur der Selbstwert.

  • Männlich, zurzeit schwul lebend:Mein Outing kam ziemlich spät, in der Mitte meiner Zwanziger, aber dafür sehr offensiv und direkt, quasi vollumfänglich für mein gesamtes soziales Umfeld. Nach diesem „einen Abend“ gab es wirklich niemanden mehr, den ich persönlich kenne, der noch hätte sagen können „Davon wusste ich nichts“ - ein klassisches „all-in“ mit viel Drama und Tränen. Die Tatsache, dass ich mich bis zu dem Zeitpunkt absolut heterosexuell dargestellt habe, und inklusive mehrjähriger Beziehungen und einer Verlobung, auch so lebte, machte das Ganze kaum weniger dramatisch.
    Reines Theater war dieses bisherige Leben aber nicht. Ich hab’ das mit den Mädchen schon sehr ernst gemeint und empfunden, wenn mir auch schon immer irgendwie klar war, dass da noch irgendwas anderes ist, was sich aber einfach nicht greifen und benennen ließ. Nach der Trennung von meiner letzten Partnerin waren die Umstände endlich passend, um diesem „Irgendwas“ ein Gesicht geben zu können: Männerliebe.
    Ich fühlte mich zu Jungs hingezogen. Das ließ sich, nach vielen Jahren Partnerschaft, im jetzigen Singleleben absolut nicht mehr leugnen. Nach vielen Monaten innerer Verarbeitung dieser neuen Empfindungen, musste gehandelt werden. Nach wenigen unverfänglichen Treffen bei einem Stammtisch für LGBTIQ-Jugendliche, kam es zu ersten Annährungen auf privater Ebene. Als klar war, dass ich diesen einen Jungen noch sehr oft sehen werde, wollte ich dies nicht weiter getrennt von meinem restlichen Alltag tun. So kam es also zu dem besagten „einen Abend“.
    Ich habe spontan entschlossen, mich nicht zwischen einem Treffen mit ihm, und der Party mit meinen Freunden entscheiden zu wollen. Also fiel die Wahl für mein Outing auf den Faschingsball in meinem Heimatdorf: viel Alkohol und dörfliche Provinz – was soll da schon schiefgehen?
    Die ersten Drinks halfen mir, diese Frage einfach auszublenden. Alles lief wie gewohnt, zusammen mit Kumpels am Tresen, alle lustig kostümiert und in entsprechender Stimmung. Bis plötzlich mein Handy in der Hose vibrierte. Da ist mir dann kurz das Herz in die Hose gerutscht, denn gleich würde sich alles ändern: „Er“ kommt.
    Ich gehe nach draußen, und erblicke ihn direkt. Einen ganzen Kopf größer als ich, sehr auffällig gekleidet und geschminkt, eine deutlich androgyne Ausstrahlung, kaum zu übersehen. Das war allerdings keine Maskerade, gut erkennbar, sondern sein Alltagsoutfit. Sehr extravagant für einen Jungen, hat hier vermutlich noch kaum jemand mit eigenen Augen so gesehen. Wir haben uns direkt umarmt und abgeknutscht, keine Hemmungen, händchenhaltend direkt zurück zur Eingangstür des Tanzlokals und ab durch die Mitte xD
    Mich hat zwei Stunden lang niemand mehr angesprochen. Nicht verbal. Vielsagende Blicke gab es in durchbohrendem Ausmaß. Irgendwann kam mein bester Freund dann doch mal zu mir, und fragte, ob ich sie alle grad so richtig verarschen will. Ich hab’ ihn nur ausgelacht, und meine Begleitung abgeschleckt. Nach und nach hat sich das auf beiden Seiten etwas entspannt, wir haben uns alle zusammen an einen Tisch gesetzt, uns ganz normal unterhalten, und der Elefant im Raum wurde weitgehend ignoriert. Erst spät in der Nacht, als meine Begleitung weg, und nur noch wenig Publikum im Saal war, gab es dann auch das ein oder andere ernste Gespräch darüber. Vornehmlich mit dem weiblichen Teil meines engeren Freundeskreises. Alles ausnahmslos positiv und unterstützend formuliert, sich heulend in den Armen liegend. Das tat sehr gut, da ich durchaus auch Befürchtungen hatte, dass das alles irgendwie nach hinten losgehen könnte. Aber unbewusst war die ganze Aktion wohl eine sehr gute Wahl, da sowohl ich, als auch die Veranstaltung, für eher sinnbefreiten Schabernack bekannt sind – das hat wohl vielen Leuten die Option geboten, das alles nicht ernstnehmen zu müssen und einfach ignorieren zu können.
    Eine konkrete Empfehlung möchte ich für diese Vorgehensweise dennoch nicht aussprechen, weil das unter anderen Umständen definitiv sehr viel negativer verlaufen kann. Ich hatte großes Glück, dass ich in meinem Freundeskreis der Älteste war, den alle sehr stark respektierten und oft zum Vorbild nahmen. Bis dahin oft wegen meiner sehr maskulinen Ausstrahlung und oft schon prolligen Verhaltens, weshalb auch wirklich viele mir lange Zeit nicht glauben wollten, dass ich das alles ernst meine. Aber ab diesem „einen Abend“ bekam ich Ansehen und Respekt durch ganz andere menschliche Attribute – sicher eine positive Wendung für meine persönliche Entwicklung.

  • Weiblich, asexuell, panromantisch:Ein richtiges Coming-Out im klassischen Sinne hatte ich eigentlich nie. Ich habe noch nie vor jemandem ein Geheimnis um meine sexuelle/romantische Orientierung gemacht, aber ich posaune es auch nicht direkt beim ersten Treffen heraus. Ich bin von Natur aus ein sehr privater Mensch, und das spiegelt sich auch im Umgang mit meiner Sexualität wider. Ich oute mich nicht im klassischen Sinne, weil es im Grunde niemanden etwas angeht. Meiner Mutter habe ich es irgendwann mal ganz beiläufig auf der Couch erzählt. Sie meinte nur “Okay, cool.” Meinen Großeltern habe ich nur gesagt, dass ich nicht nur auf Männer stehe. Meine genaue sexuelle/romantische Orientierung kennt eigentlich fast niemand. Meine Sexualität ist kein “character trait” von mir, den mein Gegenüber unbedingt wissen müsste. Mit mir selber war ich interessanterweise schon immer im Reinen, was meine Sexualität betrifft. An Sex mit anderen Menschen hatte ich noch nie Interesse, allein der Gedanke daran fühlt sich für mich schon falsch an. Küssen hab’ ich noch nie probiert, aber um ehrlich zu sein, klingt das auch nicht nach etwas, was ich unbedingt ausprobieren möchte. Und dass ich mir nicht nur mit dem anderen Geschlecht eine Beziehung vorstellen könnte, daran hatte ich auch noch nie Zweifel. Habe ich aber manchmal Angst, dass andere Menschen, oder besser gesagt potenzielle Partner, meine Asexualität nicht akzeptieren? Klares ja. Anderen klarzumachen “Ich will keinen Sex. Liegt nicht an dir, liegt an meiner Sexualität” ist bestimmt nicht einfach. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mich nie zu etwas zwingen lassen würde. Die Tatsache, dass ich keinen Sex möchte, steht nicht zur Debatte. Nein, ich muss nicht erst den richtigen Menschen finden. Nein, ich habe es noch nie probiert. Und nein, ich will es auch nicht probieren. Niemand sollte sich von anderen Menschen zwingen lassen, etwas gegen den eigenen Willen zu tun. Live and let live. Mein Tipp für Menschen, die mit dem Thema Outing zu kämpfen haben: Dein Outing = deine Entscheidung = dein Tempo.  Zwing dich nicht selber, dich zu outen. Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst. Und wenn du dich nicht outen möchtest, dann musst du das auch nicht. Solange du dich mit deiner Entscheidung wohlfühlst, war und ist es die richtige. Es ist dein Leben, deine Sexualität. Du darfst entscheiden, wer wann wie davon erfährt. Und vor allem an alle, die sich wie ich als “ace” oder vielleicht als aromantisch identifizieren: Ihr seid nicht kaputt. Ihr seid völlig okay, so wie ihr seid.

  • Männlich, bisexuell, zurzeit in einer schwulen Beziehung:Ich muss mich leider dieses abgedroschenen Spruches bedienen, aber es ist wahr: Im Nachhinein war es mir schon immer klar.
    Ich konnte schon immer mehr mit Jungs anfangen. Das zog sich seit der Grundschule bis weit nach meiner Abi-Zeit so durch mein soziales Umfeld. Erst im Studium habe ich vermehrt Kontakt zu weiblichen Freunden aufgebaut. Dabei habe ich aber stets vermieden, der “schwule beste Freund” zu werden. Mit diesem Klischee kann ich nicht wirklich positiv in einer Freundschaft verweilen.
    Ich habe bis zum heutigen Tag keinen sexuellen Kontakt zu Frauen gehabt, von etwas Fummeln mal abgesehen, aber das verbuche ich unter “biologischem Interesse im Heranwachsendenalter” lol.
    Mit 11 wurde dann der Porno entdeckt. Und schnell wurde der weibliche Part weggewünscht.
    Meine erste homoerotische Erfahrung allerdings hatte ich mit 15. Es hat sich falsch angefühlt; in meinem Umfeld gab es immer Aversion gegen alles Andersartige. Dabei haben wir doch in einer der größten Städte Deutschlands gewohnt, mit eigenen Stadtvierteln für jede Subkultur. In meiner multikulturellen Familie waren markige Sprüche und (jetzt finde ich sie nicht mehr witzig) Witze “normal”. Das war auch in meinem Freundeskreis so. Obwohl wir alle “Gamer” waren, von den anderen in unserem Alter Abgewiesene. Eigentlich der perfekte Nährboden für Toleranz und echte Freundschaften. Es sollte anders kommen, dazu dann aber gleich mehr.
    Zurück zur ersten Erfahrung: Es fühlte sich also falsch an, doch war da diese bestimmte Art von Aufregung, die es so interessant gemacht hat. Ich wollte unbedingt wissen, wie “es” so ist. Und ich erfuhr es. Zumindest in einem begrenzten Rahmen.
    Danach war alles nur noch komplizierter: Ich wollte unbedingt eine Freundin haben, aber auch wieder “es” erleben. Tatsächlich hat es dann bis zur Volljährigkeit gedauert, ehe ich den nächsten Schritt gegangen bin.
    Mit 18, ein paar Monate nach diesem besonderen Geburtstag, beschloss ich, diese “Phase” einfach auszuleben. Ich hatte keine Lust mehr, zu versuchen, dagegen anzukämpfen. Im Geheimen also nachts rausgeschlichen und neue Dinge entdeckt. Jedes Mal verschob sich das Verhältnis von Aufregung und Scham weiter in Richtung Bestätigung und Genuss.
    Ich hätte es nur nicht meinen damaligen besten Freunden sagen sollen. Denen war nämlich plötzlich egal, dass ich sie nachts mit meinem Auto ins Krankenhaus fuhr, dass ich mit ihnen in den Urlaub fuhr, dass ich ihre dummen Weibergeschichten angehört habe und alles wieder in Ordnung gebracht habe. Plötzlich war ich etwas, dass “weggemacht” werden musste.
    Aus dieser Zeit übrig geblieben sind heute nur noch mein bester Freund, den ich seit praktisch von Geburt an kenne, und eine sehr gute Freundin, die schon früher den Ausstieg aus diesem toxischen Milieu geschafft hat.
    Mit 19 zog ich für das Studium nach Franken. Mein soziales Umfeld wurde praktisch komplett ausgewechselt, fast ausschließlich zum Guten hin. NATÜRLICH musste ich ausgerechnet in den homophobsten Flur in jenem Wohnheim ziehen, aber der Rest der Leute war echt in Ordnung. Und letztendlich hab’ ich auch mein dickes Fell so entwickelt, sodass mein Flur dann kein Problem war. Schließlich hatte ich auch, im Gegensatz zu ihnen, des Nächtens Gesellschaft. 😀
    Jetzt fehlt aber noch das Coming-Out vor der Familie. Bisher bin ich den (echt schlechten) Versuchen meiner Mutter entwischt, wenn sie mal wieder meinen Bruder damit beauftragt hat, herauszufinden, “was denn nun mit dem Kind ist”. Aber man kann nicht ewig weglaufen...
    Es war der Tag nach meinem Geburtstag. Ich war zwischen zwei Städtetrips (ersterer mit Freunden, zweiterer mit “Freund”) zu Hause auf Zwischenstation. “Er” war auch dabei, aber war nur “ein Freund”. Waren meine Eltern wirklich so blind?
    Am Morgen der Abreise zum zweiten Urlaub sitzt Mama weinend im Bad.
    Nach einer halben Stunde genervtem Fragen, was denn sei, kam nur “Ich habe heute Nacht etwas gesehen.”
    Verwirrung.
    “Durch das Schlüsselloch, ich habe gesehen, wie er an Dir...” Sie wendet sich ab und macht irgendwas mit der Wäsche.
    Disclaimer: In dieser Nacht haben wir WIRKLICH nichts gemacht. Und mein Bett konnte auch nicht auf diese Art erblickt werden, erst recht nicht im Dunklen.
    “Er” redete dann bestimmt vier Stunden mit ihr, während ich – irgendwo zwischen Panik und Wut – unsere Sachen für den Urlaub packte und Einkaufen ging. Dann fuhren wir los, und ließen Mama schluchzend montags am Tisch sitzen. Sorry, ich dachte, sie fängt sich wieder...
    Dienstag bekomme ich einen Anruf von Papa. “Wieso weint sie die ganze Zeit, weißt du was? Ich habe Sorgen.” Ich wusste nichts.
    Mittwoch am Vormittag: “Ich hole heute (hier weiblichen Namen einfügen, sagen wir mal Gaby), ich will wissen, was da los ist, sie wird’s bestimmt herausfinden” Ja Papa, gute Idee...
    Mittwoch am Nachmittag: “Wenn Du es mir nicht sofort sagst, flipp ich aus. Gaby meinte, Du müsstest es mir selbst sagen!!!1111einself” Dazu kam ich dann gar nicht mehr, zwei Minuten später dann “Ich will Dich nie wiedersehen, wenn “er” nochmal hier auftaucht, bring ich ihn um” und dergleichen.
    Es dauerte zwei Monate, dann standen meine Eltern weinend am Bahnhof, als ich dann doch wieder nach Hause kam.
    Seitdem läuft es gut. Die beiden waren auch die einzigen in der Familie, die so reagierten. Alle anderen haben es gut aufgenommen und mich unterstützt.
    Und jetzt sind sie alle froh, dass ich “ihn” bald heiraten werde 😉
    Inzwischen bin ich so selbstbewusst, dass ich in der Öffentlichkeit meine Liebe zeigen kann. Ich verstecke mich nicht mehr.
    Es hat einiges an Kraft gekostet, mich insoweit von meinem Umfeld zu emanzipieren, dass ich die Akzeptanz von anderen einfordern konnte, die mir eigentlich selbstverständlicherweise zu Teil kommen sollte. Deswegen mein Tipp für das Coming-Out: Macht es in Etappen, und bleibt stark. Seid nicht beschämt von euch selbst. Omnia vincit amor. Die Liebe siegt über alles. Und das wird sie, versprochen.

  • Weiblich, asexuell, homoromantisch:Ich hatte mehrere kleine Outings zu unterschiedlichen Zeiten.
    Mit 12/13 hab’ ich verstanden, was lesbisch sein bedeutet und dass es auf mich zutrifft, schon seit ich denken kann. Als ich mich damit identifiziert habe, hatte ich ein kleines Outing bei einer Klassenkameradin, da ich bei ihr nichts zu verlieren hatte. Die hat darauf positiv reagiert und mir Mut gemacht, es auch meinen anderen Freunden zu sagen.
    Meine Freunde haben sich vor mir geoutet gehabt und kamen damals alle aus dem künstlerischen Bereich, wo so was eher akzeptiert wird und Alltag ist. Ich sagte “ich bin lesbisch“ und sie meinten “cool“. Danach hatte ich eine Freundin, und mit 16 erzählte ich meiner Mutter von unserer Beziehung. Sie freute sich für mich.
    Mehr Angst hatte ich vor dem Outing bei meinem Vater, weil dieser zwar nicht direkt homophob war aber trotzdem oft ignorante Kommentare gemacht hat, und ich nicht wusste, wie er darauf reagieren würde. Nach einem misslungenen Date erwähnte ich dann beiläufig, dass es um eine Frau geht, worauf er meinte “Was für eine Bitch“, definitiv mein bislang bestes Outing. Danach kamen meine Geschwister, für die das auch kein Problem war.
    Diese ganzen Outings haben mir ein ganzes Stück an Angst genommen und ich fühle mich so viel besser, jetzt da ich offen mit meinen Liebsten über mein alltägliches Leben reden kann. Ich wünschte, ich hätte meiner Familie früher davon erzählt, es war schwer, sie immer anzulügen, wenn sie mich nach einem Freund befragt haben. Aber damals hatte ich Angst, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Ich hatte nie gedacht, dass ich aus meiner Familie ausgeschlossen werden würde, aber ich hatte leider auch nie die Sicherheit gespürt, die es gäbe, wenn man mit mir früher über LGBT+ Themen gesprochen hätte und mir persönlich gesagt hätte, dass es kein Problem wäre, wenn ich nicht hetero wäre. Jetzt weiß ich, dass niemand aus meiner (nahen) Familie homophob ist, aber die Abwesenheit von Negativem ist nun mal nicht gleichzusetzen mit offensichtlicher, konfrontaler Akzeptanz.
    Als Tipp für andere würde ich noch sagen, schaut euch die Coming Out Geschichten Anderer an und übernehmt einfach das, womit ihr euch am wohlsten fühlt. Ihr seid nicht weniger LGBT, nur weil ihr noch ungeoutet seid! Es gibt legitime Gründe, das noch nicht zu tun, seien das homo-/transphobe Eltern, bei denen ihr noch lebt, oder eine unsichere Gegend, in welcher ihr wohnt. Macht das bitte erst dann, wenn ihr wirklich bereit dazu seid und lasst euch nicht von anderen drängen. Es ist ebenso nicht schlimm, wenn ihr mehrmals ein Coming Out habt, weil ihr euch vielleicht vorher noch unsicher wart, als was ihr euch genau identifiziert. Die Menschen, die euch am Ende bleiben, sind die wichtigsten, versucht nicht die Meinungen anderer Leute zu verändern, die müssen von sich aus merken, dass ihre Reaktionen auf euch unangebracht waren.

Zusätzlich zu den Coming-Out-Stories haben wir von unserer Redaktionspartnerin Kira noch eine kleine Geschichte, passend zum Thema, aus ihrer Zeit in Armenien erhalten, die wir an dieser Stelle zu gern mit euch teilen möchten:

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“Wir sitzen in einem Café, an einem vollgekritzelten Tisch.
An meiner Tischkante steht „fuck me“.
Immer wenn mein Blick darauf fällt, muss ich schmunzeln, aber ich sage nichts. Die Kellnerin ist süß. Nicht mein Typ, darum geht es gar nicht. Ihr Lächeln gefällt mir, es liegt ein Augenzwinkern darin. Meine Begleitung ist ein Schüler, zwei Jahre jünger. Wir üben für eine Deutschprüfung und haben keinen anderen Ort zum Lernen. Die Schule, an der ich für ein Jahr als “kulturweit”-Freiwillige arbeite, ist in Sardarapat. In Eriwan sind wir auf Cafés angewiesen. Und ich mag dieses Café, schaue mir bei Gelegenheit die Bücher im Regal neben mir an – es sind auch englische darunter.
Pflichtbewusst machen wir Aufgaben im Übungsbuch. Ich erkläre Wörter, wenn es nötig ist, Ashot versteht mich sehr gut, in nur einem Jahr hat er B1-Niveau erreicht. Immer wieder schweifen wir ab. Wir haben unsere eigenen Insider.
Einen davon haben wir erst diesen Vormittag entwickelt: Während ich verzweifelt auf der Suche nach einem Veranstaltungsort war, zu dem ich ihn begleitet habe, fand er es lustig, meine Orientierung zu bemängeln. Er scheint gerne über das Thema zu reden. Vor weniger als einer Woche haben wir darüber in der Schule gesprochen.
„Er ist ein Schwul“, hat er gesagt und mich zum Lachen gebracht. Die Deutschlehrerin, meine Lieblingskollegin, hat es gehört und gefragt, entrüstet: „Wer ist schwul?“ Eine Beleidigung, aber schlimmer noch, wenn sie verdient ist, denn dann ist das ein Verbrechen. „Nicht schwul, sondern schwül“, sagt Ashot und das Wetter spielt mit. Und dann erzählt er mir, dass er bisexuell ist.
Wir haben eine Pause gemacht – das Übungsbuch liegt da und hört uns zu, aber der Rest des Cafés kann uns nicht verstehen. Deutsch gehört nur uns und wir kosten es aus. Trotzdem merke ich, dass er es gerne zurücknehmen würde. Und ich kenne dieses Gefühl, zu viel gesagt zu haben, nur zu gut. Für mich geht es nicht um mein Outing. Das belastet mich nicht weiter, aber ich erzähle gerne mal alles. Ich erzähle alles, was mir in den Sinn kommt. Rede, wenn mich etwas belastet, bis mich eine Frage mehr belastet, „Was denkst du jetzt?“
Weil ich nicht gern die einzige bin, die alle Masken fallen lässt.
Ashot ist nicht der einzige.
Und trotzdem rudert er vor und zurück, kichert nervös und schaut mich besorgt an. Inzwischen verstehe ich besser, warum dieses Outing ihn so stresst. Es ist abends, schon ziemlich spät, er beginnt WhatsApp Konversationen gerne mit „Abend Kira“. Er schreibt, dass er verzweifelt ist. Dass er es niemandem sagen kann. Sein Vater würde ihn umbringen, wenn er es wüsste. Ich bin lange genug hier, um ihm zu glauben. Trotzdem frage ich, wie seine Mutter denkt. Ich kann es niemals sagen, schreibt er.
Ein paar Minuten später schreibt er von dem Jungen, den er mag.
Ich frage ihn, ob er denkt, dass es beidseitig ist.
Ja."

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Wie ihr zweifelsohne gerade gelesen habt, ist jede Coming-Out-Situation besonders. Mensch kann schwer von vornherein sagen, wie genau es ausgeht. Wichtig ist es vor allem, Frieden mit der eigenen Sexualität zu schließen: Love yourself. Du bist voll okay so, wie Du bist!
Wenn dieser erste Schritt also getan ist, und das Coming-Out (mehr oder weniger) erfolgreich über die Bühne gegangen ist, dann stellt sich direkt die nächste Frage: Wie gehe ich mit blöden Sprüchen meines Gegenübers um? Häufig stellt sich das Ignorieren dieser Sprüche nicht als Option dar: Mensch besitzt schließlich eine gewisse Selbstachtung und ohne Gegenwehr wird auch kein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden.
Deswegen haben wir für euch ein paar der gängigsten Sprüche rausgesucht und euch passende Antworten darauf dazu gepackt.
Viele dieser Sprüche sind verletzend. Diese Tatsache spiegelt aber auch nur wider, dass es sich hierbei gar nicht um ernstzunehmende Argumente handelt, sondern einfach nur um für die empfangende Person diskreditierende und belastende Sprüche. Umso mehr möchten wir euch deswegen eine Hilfestellung bieten, solltet ihr Ziel solcher Vorwürfe werden!

  • Homosexualität ist unnatürlich!
    -> Es gibt nachweislich 1.500 Tierarten, bei denen Homosexualität ausgelebt wird. Von rein biologischer Seite also ist es nur natürlich. Homosexuelle Tiere erfüllen einen wichtigen Teil in ihrer jeweiligen Spezies: Häufig nehmen sie verwaiste Kinder auf und erhalten so, trotz ihrer eigenen Zeugungsunfähigkeit, ihre eigene Art. Viele homosexuelle Menschen(paare) adoptieren Waisen und geben ihnen somit die Liebe und die Zukunft, die sie so dringend brauchen. Es gibt auch viele Tierarten, in denen es Zwitter gibt, manche haben auch kein Geschlecht, manche wechseln ihr Geschlecht je nach Situation. Und diese Tierarten sind Teil der Natur, ergo natürlich.
    -> Wenn man sich in unserer Umwelt umsieht, dann sieht man zu Hauf Beispiele dafür, wie wir als Menschen uns schon längst von unserer rein biologischen Evolution verabschiedet haben. Technischer Fortschritt und Medizin, die exzessive Umweltnutzung und die Kultur, all das hebt uns ein Stück weit aus unserer “Darwin-Falle”. Menschen rasieren sich, sie lassen sich die Weisheitszähne ziehen und essen Gummibärchen. All diese Dinge sind in der Tat unnatürlich. Und trotzdem macht mensch sie. Und damit erübrigt sich auch schon dieses “Argument”, eine nicht-heterosexuelle Orientierung sei unnatürlich.
  • Du hattest nur noch nicht den/die Richtige/n!
    -> Sexualität ist nichts, was man sich aussucht und nichts, was man ändern kann. Da gibt´s auch nicht den/die Richtige/n, der einen “umdrehen” kann.
    -> Wenn Du “sassy” sein willst: “Dann wärst Du aber sicher nicht die richtige Person dafür.”
  • Und wer von euch beiden ist die Frau/der Mann in der Beziehung?
    -> Als Analogie bietet sich folgender Vergleich an: Wer fragt denn zwei Essstäbchen, wer von beiden die Gabel ist?
    -> In vielen nicht-heterosexuellen Beziehungen gibt es gar keine (fest) zugewiesenen Rollen bzw. Stereotype. Wieso sollte sich eine nicht heteronormative Beziehung so wie eine Heterobeziehung verhalten? Liegt es nicht in der Natur der Sache selbst, eben *nicht* dem Standard von zwei Rollen zu entsprechen?
  • Willst du nur einen auf Mann machen, weil du keiner bist?
    -> Als Frau mit einer Frau zusammen zu sein, macht Dich nicht zu einem Mann. Als Mann mit einem Mann zusammen zu sein, macht Dich nicht zur Frau. Der “Sinn” einer homosexuellen Beziehung ist es, mit dem GLEICHEN Geschlecht zusammen zu sein. Außerdem: Mensch sucht sich das Geschlecht genauso wenig aus, wie die sexuelle Orientierung. Niemensch “macht” einen auf irgendein Geschlecht. Mensch hat eine Sexualität, mensch hat ein Gender (oder eben nicht), und das definiert mensch auch selbst.
  • Wehe, du machst mich an!/ Du stehst aber nicht auf mich, oder?
    -> Stehst Du als heterosexuelle Person denn dann auch auf jeden Menschen des anderen Geschlechts? Und selbst, wenn ich auf Dich stünde: "Consent is sexy!” Bedeutet: Solange unser Interesse nicht auf Gegenseitigkeit beruht, werde ich meine Gefühle für mich behalten und dich damit nicht belasten. Du hast also nichts zu befürchten.
    -> Davor hat es doch offensichtlich auch nicht gestört, oder? Wieso sollte es nach meinem Coming-Out jetzt plötzlich ein Problem sein?
  • Tja...aus der Traum von den Enkelkindern.
    -> Es gibt viele verschiedene Arten, um Kinder zu bekommen (Adoption, Leihmutterschaft, Samenspende, uvm). Außerdem: Es ist Deine ganz eigene Entscheidung, ob Du Kinder bekommen willst und nicht die Deiner Eltern oder des Umfeldes.
  • Du magst es doch so!
    -> Was ich mag, oder nicht mag, ist nicht die Entscheidung von anderen Menschen. Ich lebe nicht nach dem Klischee, das andere Menschen über mich hegen, ich entscheide das selbst.
    -> Einen anderen Menschen herabwürdigend oder nachteilig aufgrund der Sexualität oder eines anderen Merkmals zu behandeln, ist eine Sache von mangelndem Respekt und des Absprechens von Würde. Aber Respekt ist gegenseitig. Und damit kann mensch arbeiten. Wieso also nicht exakt das gleiche beim “Täter” machen? (Außer es handelt sich um eine Körperverletzung, da sind wir uns einig: Wir sind die besseren Leute!)
  • In [hier religiösen Text einfügen] steht, dass ihr sterben solltet.
    ->Zum Beispiel in der Bibel wird berichtet, Gott habe jeden Menschen in seinem Ebenbild erschaffen. Dann hat er nach dieser Logik auch queere Menschen erschaffen. Ist dem nicht so, hat er ein Problem mit der Allmächtigkeit. Und wenn Du sagst, Homosexualität sei falsch, unterstellst Du Deinem Gott dann nicht, einen Fehler begangen zu haben? Und was ist mit Nächstenliebe, das wohl oberste Gebot der Christen? Hass gegenüber der LGBTQIA+ Community ist wohl kaum nach dem Motto “Liebe deinen nächsten wie Dich selbst.”
    -> Religion heißt Glauben. Glauben ist nicht wissen. Der Boden der Rationalität ist also verlassen. Hier fruchten wissenschaftliche Argumente vermutlich nicht wirklich, aber das “Gott hat alles auf der Erde erschaffen”-Argument kann hier durchaus helfen.
    -> Außerdem, wtf? Commonsense ist nichts für Dich, oder? Einfach alles umbringen, was nicht passt, das war schonmal so. Und das soll gefälligst auch “gewesen bleiben”!
  • Finger weg von meinen Kindern!
    -> Pädophilie ist kein Teil der LGBTQIA+ Community.
    -> Dein Kind wird nicht “zwangsverschwult”. Wenn es queer ist, dann schon von Geburt an.
  • Wann hast Du Dich eigentlich dazu entschieden, homosexuell zu werden?
    -> Wann hast Du Dich eigentlich entschieden, heterosexuell zu werden? Wahrscheinlich gar nicht. Mensch sucht sich seine Sexualität nicht aus. Mensch realisiert vielleicht erst nach einiger Zeit, dass mensch eine bestimmte Sexualität hat, aber das heißt nicht, dass mensch sie sich aussucht. Oder wie Lady Gaga sagen würde: “I´m on the right track, baby, I was born this way!”
  • Oh ja, endlich ein schwuler bester Freund!
    -> Schwule Männer sind Menschen und nicht Deine persönlichen Entertainer.
  • Lesbenpornos sind ok, aber Schwule sind eklig.
    -> Sexuelle Orientierungen zu fetischisieren ist absolut widerlich. (Disclaimer: Das ist kein kink shaming)
    -> Es widerspricht sich, homophob gegenüber dem eigenen Geschlecht zu sein, das andere dann aber auch in homosexuellem Kontext zu akzeptieren. Das Grundproblem ist hier aber, dass weibliche Sexualität immer noch anders behandelt wird in der Gesellschaft, als die männliche. Dazu aber an anderer Stelle mehr.
  • Du hattest nur kein starkes Rollenbild als Kind!
    -> Der bisherige Forschungsstand bezüglich des Ursprungs der Sexualität ist, dass diese angeboren ist. Rollenbilder, vor allem im Kindesalter, haben demnach einen (sehr) untergeordneten Einfluss. Würde das Rollen-Argument konsequent geführt werden, dann wären die Kinder von Alleinerziehenden in einem erhöhten Maße Nicht-Heterosexuell. Und das ist offensichtlich nicht so.
  • Kinder aus homosexuellen Beziehungen werden doch bestimmt später auch alle homosexuell!
    -> Nach dieser Logik müssten Kinder aus heterosexuellen Beziehungen alle heterosexuell sein. Sexualitäten sind nicht vererbbar (wie sollte das auch bei schwulen Männern funktionieren?).
  • Was macht ihr eigentlich im Bett? Kann ich euch mal zuschauen? Machen wir mal ‘nen Dreier?
    -> Es kann nur wiederholt werden: Menschen aus der LGBTQIA+ Community sind nicht Deine persönlichen Entertainer. Queere Beziehungen sind ganz normale Beziehungen und das Sexleben dieser Menschen geht Dich absolut nichts an. Du willst ja schließlich auch nicht von anderen Menschen gefragt werden, was Du im Bett machst, oder?

Einige dieser Antworten sind vielleicht zu schwach, andere scheinen nicht ganz passend: Es ist sehr schwierig, vorgefertigt auf bestimmte Situationen bestimmte Antworten festzulegen. Häufig handelt es sich beim Gegenüber um eine Person, die ideologisch und/oder religiös argumentiert. Hier ist es schwierig, mit rationalen Argumenten zu kontern, denn es fehlt am gemeinsamen Boden. Wir denken aber, dass unsere Auflistung und die Antworten zumindest einen grundlegenden Werkzeugkasten darstellen, den mensch dann mit eigenen Strategien ergänzen kann.

Jetzt noch ein ehrliches Wort zur Situation nach dem Coming-Out:
Es wird vieles anders sein. Und sich zu offenbaren ist definitiv nicht leicht. Vielleicht werdet ihr euch manchmal wünschen, es nicht getan zu haben. Dieser Wunsch ist ein Trugschluss: Eure Sexualität ist ein elementarer Bestandteil eurer Persönlichkeit. Sich ein Leben lang zu verstecken ist keine gute Option.
Auch wenn es manchmal anders erscheinen mag: Wir leben doch in einer der offeneren und toleranteren Gesellschaften. Zumindest insoweit, dass ihr nach eurem Coming-Out ein gutes, neues Leben starten könnt, wenn es sein muss. Trotzdem gibt es auch noch einen ganzen Haufen an Dingen zu tun, damit die Mitmenschen der LGBTQIA+ Szene – endlich! – wie jeder andere Mensch auch in Frieden und Freiheit leben kann, hier und anderswo.
Mit unserer Artikelreihe möchten wir euch bestmöglich unterstützen. Falls ihr kurzfristig Unterstützung oder dringend Hilfe in einer schwierigen Lage benötigt, einen safe space braucht: Schreibt uns über die sozialen Medien oder per eMail. Wir sind für euch da, wir hören euch zu und greifen euch unter die Arme, wo wir können. Und auch, wenn ihr einfach mal jemanden sucht, der euch zuhört: Kontaktiert uns, ihr seid nicht allein.
Zum Schluss noch Aarons Lieblingsspruch bezüglich Homophobie: “Wieso sehen Schwule aus wie perfekte Engel und Homophobe, als hätte Gott es nicht einmal versucht?”

*Dieser Spruch umfasst auch die anderen Mitmenschen der LGBTQIA+ Szene und kann ersatzweise jedes andere übernatürliche Wesen als Erschaffenden beinhalten; es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Englischen und klingt deswegen bei Weitem nicht so originell. Ich hätte es vielleicht einfach lassen sollen, aber #yolo*
Und nun: Sashay away, bis nächsten Sonntag!

 

Eure “rainbow surfer” Lara und Aaron


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Kommentare: 1
  • #1

    Anonym (Sonntag, 07 Juli 2019 20:20)

    Toller, sehr lesenswerter Artikel!
    Und die unterschiedlichen Geschichten sind echt super interessant!
    Macht weiter so