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[LGBTQIA+] Wofür stehen die Buchstaben eigentlich?


“Die Würde des Menschen ist unantastbar.”  Dieser euch allen wohl bekannte Satz spielt für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft eine elementare Rolle. Für viele von uns ist es selbstverständlich, das eigene Leben so gestalten zu können, wie mensch es will. Es gibt kaum Einschränkungen, wenn mensch von den Gesetzen absieht, die einen durchaus notwendigen Rahmen setzen.
     Vielleicht haben aber auch schon einige von euch Ausgrenzung durch die Mehrheit erlebt. Sei es aufgrund der Herkunft, des Aussehens oder vielleicht auch wegen eines bestimmten Hobbies. Dass diese Erfahrung keine schöne ist, muss mensch ja wohl nicht nochmal extra betonen. Und wir sind uns auch alle einig: So nicht, das ist unschön und kann weg. Rassismus? Braucht niemensch! Fashion Shaming? Sowas von 1990er! Schönheit? Liegt im Auge des Betrachters! Doch fehlt da nicht noch etwas?
     Wir, das sind Lara und Aaron, möchten euch gerne eine Gruppe von Menschen vorstellen, die trotzdem jeden Tag mit diversen Vorurteilen, Beeinträchtigungen und bisweilen auch Aggressionen und Feindseligkeiten aus dem nahen Umfeld und auch auf gesellschaftlicher Ebene klarkommen müssen. Eine Gruppe, die den Juni zum “pride month”, also zum “Monat des Stolzes” erhoben hat. Eine Gruppe, die manchmal sogar “mensch” statt “man” in Texten wie diesem verwendet. Eine Gruppe, die den Regenbogen zu ihrem Symbol gemacht hat.


Wer es jetzt noch nicht erraten hat: Es ist die LGBTQIA+ Community.
Einige kennen sie eventuell nur unter dem Namen LGBT, Gay Community oder “Schwulenszene”. Dass das viel zu generell ist und, wie im Fall des letzten Begriffes, auch mindestens negativ konnotiert, wenn nicht sogar beleidigend ist, dafür möchten wir euch mit unserer Artikelreihe sensibilisieren. Und wir möchten all denen unter euch, die offen oder noch “in the closet” zur Community gehören, ein Sprachrohr sein, für mehr Akzeptanz, für mehr Liebe, für mehr Würde. Denn die Würde eines jeden Menschen, egal welchen/-r Herkunft, Geschlechts, sozialer Schicht, Bildungsgrads, Berufs und auch Sexualität, ist unantastbar. Und das ist nicht verhandelbar.

In den kommenden sechs Wochen, beginnend mit diesem Artikel, möchten wir beide euch alles Wichtige mit auf den Weg geben:

Nachdem ihr euch gerade für die nächsten Sonntage einen Kalendervermerk gemacht habt 😉 legen wir auch gleich mal los mit der heutigen Etappe:

  1. Welche Begrifflichkeiten gibt es? Das erfahrt ihr heute mit dieser Ausgabe!
  2. Wie läuft das mit dem Outing? Was kann ich erwidern, wenn mir “Argumente” entgegengebracht werden? Wie ist das bei euch beiden und         anderen Personen genau abgelaufen? Antworten darauf gibt es die Woche drauf am 07.07.!
  3. Wie steht’s um die Diversität im Alltag? Wie hat sich die Community im Laufe der Zeit entwickelt? Wie ist der aktuelle Status einer         LGBTQIA+Person in Recht und Gesellschaft? Mehr dazu am 14.07.!
  4. Wie gehen die Medien hierzulande mit der Thematik um? Welche Rolle spielen sie für das Außenbild der Community? Woher kommen auf einmal diese ganzen Serien auf Netflix mit diversen Charakteren? Am 21.07. werdet ihr es erfahren!
  5. An wen kann mensch sich in der Region bei Fragen und/oder Problemen wenden? Wo gibt es weitere Informationen? Wo finde ich Anschluss an die Community? Wir verraten es euch am 28.7.!
  6. Was ist bitte ein CSD und was passiert da? Wir werden vor Ort am 04.08. berichten!

Nachdem ihr euch gerade für die nächsten Sonntage einen Kalendervermerk gemacht habt 😉 legen wir auch gleich mal los mit der heutigen Etappe:

Wer wie was ist bitte LGBTQIA+?
Bevor wir euch ganz genau erklären, welcher Buchstabe was genau bedeutet, noch ein kurzer Hinweis: Ganz im Geiste der Vielfalt sind einige Begriffe auch nicht ganz exakt definierbar oder einordbar. Für den groben Erkenntnisgewinn und eine erste Orientierung ist das Folgende aber durchaus geeignet. Wir legen Wert auf Verständlichkeit und Zugänglichkeit, für diejenigen unter euch, die bisher mit der ganzen Thematik noch nicht viel am Hut haben. Für die Fortgeschrittenen haben wir auch einige “exotischere” Begriffe und Lebenswahrheiten mit aufgenommen. Einiges mag auch befremdlich klingen. Aber hey, “whatever floats your boat”! Und wie oben bereits gesagt: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.
Also dann mal ran an den Speck, ähm Regenbogenmuffin!

 

Im Folgenden werdet ihr eine ganze Reihe von Begriffen kennen lernen, grob gruppiert nach den “Leitbuchstaben” unseres Themas, mit passenden Unterbegriffen.  Und jetzt: “Let the show begin!”


L – Lesbian = Frauen, die sich sexuell und emotional nur zu Frauen hingezogen fühlen
      Butch = Lesben, die “maskulin” auftreten
      Femme = Lesben, die “feminin” auftreten
G – Gay = Männer, die sich sexuell und emotional nur zu Männern hingezogen fühlen
      PEP (Postexpositionsprophylaxe) = Die Einnahme von Medikamenten, die verhindern, dass sich HIV im Körper festsetzt -> es kann vorkommen,

      dass beim Safer-Sex etwas schief geht (Kondom reißt, etc.). Wenn der Partner HIV-Positiv ist, kann das Virus übertragen werden. Um eine

      HIV – Infektion zu verhindern, werden für vier Wochen HIV-Medikamente eingenommen
      PrEP = eine Schutzmethode HIV-negativer Menschen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Die Medikamente können entweder täglich

      eingenommen werden, oder nach sexuellem Kontakt (“anlassbezogen”)
B – Bisexual = Menschen, die sich sowohl zu Männern als auch zu Frauen sexuell und emotional hingezogen fühlen
T – Transgender = Menschen, deren Geschlechtsidentität von dem Geschlecht abweicht, das ihnen bei der Geburt auf Grund von äußerlichen Merkmalen zugewiesen wurde
      Transition = der Prozess der Geschlechtsangleichung einer Trans*person. Dieser Prozess geht oft mit der Einnahme der entsprechenden Hormone

      einher (Testosteron/Östrogen). Außerdem wird ein spezieller Ausweis ausgegeben, der sog. “Ergänzungsausweis”, mit dem sich die Trans*person an

      die neue Rolle und das gewählte Pronomen gewöhnen kann, bevor es dann zur chirurgischen Transition kommt. Die folgenden Operationen werden in

      “top surgery” (Brust entfernen bzw. einsetzen) und “bottom surgery” (das chirurgische Umwandeln der Vulva in einen Penis mit Hodensack und

      andersrum) unterteilt, die meist auch in dieser Reihenfolge durchgeführt werden.
      FtM bzw. MtF = der Prozess der Geschlechtsangleichung von einem äußerlich weiblichen Körper zu einem äußerlich männlichen Körper oder

      andersherum
      Cis = Menschen, deren Geburtsgeschlecht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt; ein anderer Begriff dafür ist “binär”
      Pronomen: Spielen vor allem bei Trans*personen eine wichtige Rolle
      They/them: Vor allem im anglo-amerikanischen Raum benutzte Pronomen für Trans*personen
      sier/xie = alternative Pronomen für Trans*personen im deutschsprachigen Raum
Q – Queer = ein Sammelbegriff, der alles in sich vereint, was nicht der “gesellschaftlichen Norm” entspricht. Darunter fallen zum einen die verschiedenen sexuellen und romantischen Orientierungen, und zum anderen die unterschiedlichen sozialen Geschlechter 
      Drag: Kunstvolle und teilweise auf Übertreibung angelegte Darstellung des jeweils anderen Geschlechts
      Non-Binary = Menschen, die sich nicht in den Kategorien “Mann” oder “Frau” repräsentiert sehen
      Metrosexual = heterosexuelle Männer, die keinen Wert auf Kategorisierung in ein maskulines Rollenbild legen, z.B. David Beckham
I – Intersex = Menschen, deren Körper sowohl männliche als auch weibliche Merkmale aufweisen. Der Unterschied zu Transgender liegt darin, dass Intersex-Menschen bei der Geburt weder eindeutig dem männlichen noch eindeutig dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Häufig finden Betroffene dies erst im Laufe des Lebens heraus, nachdem an ihnen eine von Ärzten und Eltern festgelegte und im Säuglingsalter durchgeführte “geschlechtsangleichende Operation” vorgenommen wurde. Dies führt regelmäßig zu schwerwiegenden Problemen im Jugend- und Erwachsenenalter für die Betroffenen
A – Asexual = Menschen, die kein sexuelles Interesse an anderen Menschen verspüren (Fehlendes Interesse an Sex)
+ – darunter summieren sich unter anderem die folgenden Begriffe:
      Pansexual = Menschen, die sich von Menschen aller Geschlechtsidentitäten angezogen fühlen
      Demisexual = Menschen, die erst dann eine sexuelle Anziehung empfinden, wenn sie eine starke emotionale Bindung zu einer Person aufgebaut haben
      Aromantic = Menschen, die sich gar nicht romantisch zu anderen Menschen hingezogen fühlen bzw. kein Verlangen nach romantischer Interaktion

      empfinden
      Nullo – Genital Nullification = Menschen, die das Bedürfnis haben, keinerlei Geschlechtsmerkmale zu haben und sie sich daher entfernen lassen
      Polyamorie = eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu allen eine Liebesbeziehung pflegt, wobei diese Tatsache

      allen Beteiligten bekannt ist und einvernehmlich gelebt wird
      Polygamie = eine Form der Vielehe und der Führung von gleichzeitigen eheähnlichen Beziehungen bzw. Eine Analogie zur Polyamorie, aber auf sexueller

      Ebene

Geschlecht, Gender, Sexualität: Mehr dazu erfahrt ihr in Ausgabe 3! Hier aber schon mal ein paar Grundlagen:
Merke: Geschlecht ≠ Geschlecht!
Man kann zwischen zwei verschiedenen Geschlechtsbegriffen unterscheiden:
      A) Das biologische Geschlecht (Sex) -> beschreibt alle biologischen Dimensionen des Geschlechts (Chromosomensatz, Fortpflanzungsorgane,

      spezifische Hormone, etc.)
      B) Das soziale Geschlecht (Gender) -> verweist nicht auf körperliche Geschlechtsmerkmale, sondern bezieht sich auf alles, was in einer Kultur als

      typisch für ein Geschlecht angesehen wird (Kleidung, Verhalten, Frisur, Beruf, Pronomen, etc.)
      Wie ihr hier sehen könnt, gibt es im Deutschen leider nur ein Wort für zwei verschiedene Begrifflichkeiten!
      Genderneutrale Sprache = Sprachgebrauch, der die Gleichstellung aller Geschlechter zum Ausdruck bringen will

Diversität = die Unterscheidung und Anerkennung von Gruppen- und Individualmerkmalen. Die Diversität wird klassischerweise auf folgenden Ebenen betrachtet: Ethnie (Kultur), Weltanschauung (Religion), Behinderung, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung
      Safespace = Räume und Räumlichkeiten, in die sich Menschen zurückziehen dürfen, die sich marginalisiert oder diskriminiert fühlen. An diesen Orten

      sind Aussagen und Taten unerwünscht, die andere als abwertend oder diskriminierend empfinden.
      Straight Ally = eine heterosexuelle Person, die sich für LGBTQIA+ - Rechte einsetzt und Hate Crimes gegen die Community verurteilt
      Hate Crime = Taten, bei denen das Opfer des Delikts vom Täter vorsätzlich nach dem Kriterium der wirklichen oder vermuteten Zugehörigkeit zu einer

      bestimmten gesellschaftlichen Gruppe gewählt wird und sich die Tat gegen die gewählte Gruppe als Ganzes richtet
      Kink = der Gebrauch von unkonventionellen Praktiken, Konzepten und Fantasien im sexuellen Kontext
      Kink Shaming = die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Kinks
      Gay Pride = ein Begriff, um den selbstbewussten bzw. selbstachtenden und damit stolzen Umgang mit der eigenen Identität zu beschreiben. Wird auch

      für diverse LGBTQIA+ - Paraden benutzt
      Christopher Street Day (CSD) = Fest -, Gedenk-, und Demonstrationstag der LGBTQIA+ Community, der an den ersten bekanntgewordenen Aufstand

       von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village im

       Jahr 1969 erinnert

Das waren jetzt sehr viele Begriffe und Definitionen, dafür habt ihr nun auch den Durchblick 😉 Schließlich kann mensch nur mitreden, wenn mensch sich zuvor umfassend informiert hat. Und Akzeptanz speist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, über das jeweilige Thema Bescheid zu wissen!
Auf einige der oben genannten Begriffe werden wir in Ausgabe 3 (“Diversität in der Gesellschaft”) noch einmal zu sprechen kommen, vor allem den Gender-Begriff, der sehr komplex ist. Falls ihr euch bis dahin nicht gedulden könnt oder wollt, schreibt uns doch gerne eine Nachricht über social media oder per eMail. Wir beantworten eure Fragen gerne, ehrlich und möglichst ausführlich.
An dieser Stelle möchte ich eine Anekdote zum Thema “Szenensprache” anbringen: RuPaul, ein sehr bekannter amerikanischer Moderator und auch Drag-Künstler, hat eine Show namens “RuPaul’s Drag Race”. Das ist eigentlich ziemlich genau das gleiche wie DSDS, nur mit Drag Queens. Wenn eine Kandidatin die Show verlassen muss, sagt RuPaul zu ihr: “Sashay away”.
Und das sagen wir für diese Woche nun auch. Also ihr Lieben, “sashay away”! And spread the love!

 

Eure “rainbow surfer” Lara und Aaron

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